Börse 1937
Terminal Tribune

15. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Die Heilige Kuh des Nichtstuns

15. August 2026 — Morrison, over and out.

Nein. Diesmal kein Lösungsbingo. Keine fünf Tipps, mit denen du abends beim Brand dem Gewissen die Sporen gibst. Diesmal die Gegenfrage: Wer eigentlich profitiert davon, dass die Welt noch immer so tut, als sei Zeit?

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Regen auf dem Blechdach. Evelyn summt irgendwo im Treppenhaus. Der Bourbon steht halbleer. Ich blättere durch die Meldungen des Tages und frage mich: Seit wann ist „Lösungsorientierung" das Codewort dafür, den Brand zu loben, während die Stadt brennt?

Schaut her. Die Strecke zwischen Wissen und Handeln ist asphaltiert — und wer asphaltiert, kassiert. Da draußen rollen die Konzerne, deren Bilanzen nach fossilen Tonnen gewogen werden, weiter wie Panzer durch ein Kinderzimmer. Die Zahl, die im Raum steht: Die Menschheit müsste ihre Emissionen um rund fünfundvierzig Prozent unter das Niveau von 2010 drücken. Und zwar bis 2030. Netto null, irgendwo um 2050. So steht es geschrieben. So lesen wir es. Und was geschieht? Absichtserklärungen. Klimaziele in Firmenbroschüren, die im selben Atemzug neue Bohrlizenzen feiern.

Die Maschine der Verzögerung ist nicht kompliziert. Sie braucht nur drei Zahnräder. Erstens: die Studie, die noch einmal nachprüft. Zweitens: die Übergangsfrist, die immer ein bisschen länger wird. Drittens: die „Lösungsorientierung", die uns einredet, individuelles Lichtausmachen rette die Welt. Hauptsache, man fühlt sich gut. Hauptsache, der Konsum rollt weiter.

Wer sitzt am Schalthebel? Das frage ich in jede Runde und bekomme jedes Mal das gleiche Achselzucken. Ölkonzerne, deren Namen ich an dieser Stelle nicht drucken darf, weil die Anwälte schneller sind als meine Setzer. Versicherer, die längst umrechnen, welche Stadtbezirke zuerst abgeschrieben werden. Banken, deren Portfolios noch immer in Pipelines und Kohlegruben investiert sind — und deren Risikomanagement das auch weiß. Nur: Wissen ist das eine. Handeln das andere.

Da wird kollektives Handeln beschworen, als wäre die Menschheit ein Kirchenchor. „Wenn jeder nur das Richtige tut..." Klar. Wenn jeder nur das Richtige tut, gewinnen wir das Spiel. Aber das Spiel ist so gebaut, dass einer gewinnt, indem alle warten. Strukturelle Trägheit ist ein Geschäftsmodell. Wer warten kann, hat Zeit. Zeit ist Geld. Geld kauft Lobbys. Lobbys kaufen Gesetze. Gesetze kaufen Zeit. Kreis geschlossen.

Die Regierungen? Ich habe in der vergangenen Woche mit drei Beratern gesprochen, die namentlich nicht genannt werden wollen. Ihr Tenor: Zu viele Räder greifen ineinander, als dass ein einzelnes Land aussteigen könnte, ohne sich wirtschaftlich blutig zu stoßen. Und da ist der Haken. Niemand will der Erste sein. Niemand will der Dumme sein, der die Fabrik stilllegt, während der Konkurrent auf der anderen Seite des Ozeans die Schornsteine weiter rauchen lässt.

Was also wird gemacht? Es werden Konferenzen abgehalten. Es werden Reden gehalten. Es werden Ziele verkündet, deren Erfüllung in einer Generation liegt, die heute noch nicht wählt. Es werden Versprechen gedruckt, deren Falten die Investoren mit beiden Händen glattstreichen. Das ist keine Verschwörung. Das ist schlimmer. Das ist die einfache Mathematik des Profits unter Zeitdruck.

Die Wissenschaft liefert die Fakten — die Fakten liegen auf dem Tisch, geduldig wie Akten in einem Archiv, das niemand öffnet. Aber Fakten allein regieren nichts. Was Fakten regiert, sind Mächte, die entscheiden, was gedruckt wird, was gespielt wird, was an die erste Stelle der Tagesschau kommt. Und da steht meistens nicht: „Bohrloch eröffnet." Da steht: „Neue Hoffnung durch Innovation." Innovation! Das schönste Wort der Verzögerung. Innovation heißt: Wir müssen noch nichts tun, weil morgen jemand eine Maschine erfindet, die das Problem löst. Innovation heißt: Heute verdienen, morgen beten.

Unklar bleibt — und das sage ich mit allem Nachdruck — wer in den nächsten zwölf Monaten den Hebel tatsächlich umlegt. Unklar bleibt, welche Konzerne ihre Klimaziele als Marketingbudget führen und welche als Produktionsplan. Unklar bleibt, welche Versicherungen bereits kalkulieren, welche Regionen abgeschrieben werden, statt sie zu schützen. Diese Fragen stehen offen. Sie werden offen bleiben, solange die „Lösungsorientierung" uns einlullt mit Tipps zum Lichtausmachen, während die großen Maschinen weiter brummen.

Ich habe keine Antwort. Ich habe einen Verdacht. Der Verdacht lautet: Solange „Lösung" klingt wie ein Lifestyle-Magazin und nicht wie ein Haftbefehl, wird sich nichts bewegen. Solange der Heizpilz auf dem Balkon mehr moralische Aufmerksamkeit bekommt als die Bilanz der Energiekonzerne, tanzt die öffentliche Empörung am seidenen Faden der Werbung.

Evelyn hat aufgehört zu summen. Im Café unten geht das Licht an. Irgendwo da draußen sitzen Menschen, die das alles wissen, und beschließen dennoch, morgen wieder wie gestern zu handeln. Das ist nicht Dummheit. Das ist ein System. Und Systeme stürzt man nicht mit Lampen aus. Systeme stürzt man mit Aktenzeichen.

Ich gehe jetzt schlafen. Die Aktenzeichen kommen mit dem nächsten Zug.

❖ Ende des Artikels ❖

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