VOM DINOSAURIER ZUM CHAMPION: BLACKBERRYS ZWEITES LEBEN — UND WER ES BEZAHLT
Die Drähte summen. Irgendwo zwischen Waterloo und den Weltmärkten verkauft man mir derzeit eine Geschichte. Eine Auferstehung. Ein kanadisches Unternehmen, das vom Ladenhüter der Mobiltelefonie zum Lieferanten von „Hunderten Millionen Geräten" aufgestiegen sein soll — insbesondere in Fahrzeugen. Die Quellen, die ich konsultiere, nennen es einen Triumph. Ich nenne es vorerst einen Vorgang, der geprüft werden will.
Verkauft wird der Triumph auf zwei Kanälen. Da ist zum einen der Film „BlackBerry" aus dem Jahr 2023, eine kanadische biografische Komödie unter Regie von Matt Johnson, gemeinsam mit Matthew Miller geschrieben. Die Vorlage: das Buch „Losing the Signal: The Untold Story Behind the Extraordinary Rise and Spectacular Fall of BlackBerry" von Jacquie McNish und Sean Silcoff. Ein Film, der Aufstieg und Fall erzählt — und, so darf man vermuten, mit dem Fall auch das Material für den zweiten Akt liefert. Da ist zum anderen die Erzählung vom Neuanfang: BlackBerry, einst Research In Motion, 1984 von Mike Lazaridis und Douglas Fregin gegründet, heute Lieferant für die vernetzten Bordsysteme unserer Automobile.
Zwischen diesen beiden Erzählungen klafft eine Lücke. Sie heißt: Strategie. Wer hat sie entworfen? Wer hat sie bezahlt?
Die Mechanik des vermeintlichen Comebacks ist, soweit die zugänglichen Quellen es hergeben, ein vollständiger Geschäftsmodellwechsel. Weg vom Endkundengerät, das einst die Gürtel der Kongressabgeordneten und die Trading Floors bevölkerte. Hin zur B2B-Lieferung von Software und Sicherheitsarchitektur für Fahrzeuge und eingebettete Systeme. Die Berichterstattung bestätigt die Größenordnung und den Sektor. Wie viele davon tatsächlich Endkunden-BlackBerry-Marken tragen, wie viele unter dem Logo eines Auftraggebers im Armaturenbrett verschwinden — das bleibt unscharf. Die offene Frage lautet: Ist dies ein Champion, oder ist dies ein Zulieferer, der das Branding der Vergangenheit als Erinnerung mitführt?
Diese Unterscheidung ist kein semantisches Glasperlenspiel. Sie entscheidet darüber, wem der Triumph zuzurechnen ist. Den Aktionären? Den verbliebenen Ingenieuren, die den Übergang vollzogen? Denjenigen, die ihren Arbeitsplatz im Hardware-Segment verloren, als die Telefonproduktion auslief? Der Quellenlage nach bleibt unklar, welche Akteure konkret geopfert wurden — ob es umfangreiche Entlassungen gab, welche Standorte geschlossen wurden, welche Verträge mit welchen Herstellern den eigentlichen Wert der „Wiederauferstehung" ausmachen. Hier muss man ehrlich sein: Der Korpus, der mir zur Verfügung steht, ist schmal. Eine Filmbiografie, ein einzelner Branchenartikel aus dem Sommer 2026, eine Überblicksdarstellung zur Markengeschichte. Das ist die Grundlage, auf der ein „Tech Champion" ausgerufen wird. Das ist auch die Grundlage, auf der ein gewissenhafter Berichterstatter die Rechnung verlangt — nicht die Hymne.
Hinzu kommt die narrative Kontrolle. Der Film dramatisiert das Ende, bevor das zweite Kapitel überhaupt beginnt. Das Buch McNishs und Silcoffs trägt den Titel „Losing the Signal" — das Verschwinden des Signals. Die Geschichte eines Verlustes, verfasst von jenen, die ihn dokumentiert haben. Wer aber schreibt das Buch über das, was danach kam? Wer kontrolliert die Deutungshoheit über den Neustart? Die vorliegenden Quellen geben darauf keine Antwort. Sie liefern die Erfolgszahl, nicht das Gleichgewicht.
Die Frage, die ein Ermittler stellen muss, heißt nicht: Stimmt die Zahl? Sie heißt: Wessen Zahl ist es? „Hunderte Millionen Geräte" — eine stolze Kennziffer. Aber welche Verträge stehen dahinter? Wie lang sind die Lizenzzyklen? Wie abhängig ist das Geschäft von einer Handvoll Auftraggebern? Diese Informationen sind mir aus dem zugänglichen Material nicht zu entnehmen. Das muss so transparent gemacht werden, wie das Material es erlaubt.
Ich bin Telegraphistin. Mein Beruf ist das Hören auf Frequenzen, die andere nicht hören wollen. Was ich hier höre, ist weniger eine Erfolgsgeschichte als ein Geschäftsmodellwechsel mit narrativer Brandpflege. Der Markenname BlackBerry, einst Synonym für die taktile Tastatur und die Aktentasche des Ministerialbeamten, ist heute vermutlich ein Etikett auf einem Software-Stack, der in einem Armaturenbrett unsichtbar seine Arbeit verrichtet. Das ist kein Scheitern. Aber es ist auch nicht derselbe Bogen, der einst den Planeten eroberte. Es ist ein kleinerer Bogen, gezeichnet auf einem Blatt, das andere längst mit ihren eigenen Marken gefaltet haben.
Ob dieser kleinere Bogen den Konzern trägt, ob die „Wiedergeburt" als autonome Technologiegröße Bestand hat oder als profitabler Zulieferer in der Anonymität verschwindet — das muss der nächste Bericht zeigen, sobald die Belege dichter werden. Bis dahin gilt: Die Erfolgsmeldung ist notiert. Die Rechnung ist offen.
❖ Ende des Artikels ❖
