Die Mauer bröckelt – London schaut zu
Die Themse. Ein braunes Band, das sich seit Jahrhunderten durch eine Stadt frisst, die sich weigert, das Wasser ernst zu nehmen. Jetzt, im Regen einer weiteren Montagnacht, tropft etwas durch meinen Aschenbecher: Die Schutzmauer, die London vorm Ertrinken bewahren soll, muss womöglich früher ersetzt werden, als irgendwer in Whitehall zugeben will. Extremwetter. Die Lieblingsvokabel der Beamten, wenn Hurrikane zu Verwaltungsvorgängen werden.
Beginnen wir mit dem, was wir wissen – und das ist die erste Hälfte des Verrats. Die Themse-Sperre, in Betrieb seit 1982, ein Koloss aus Stahl, der das Land vor dem Fluss schützen soll, hat einen Haken bekommen. Die zehn stahlgepanzerten Tore, die bei Sturmflut geschlossen werden, schließen sich immer häufiger. Jede Schließung ist Verschleiß. Jeder Verschleiß ist ein Jahr weniger. Die Umweltbehörde, jene Männer und Frauen, die normalerweise nur warnen, wenn Frösche vom Himmel fallen, sagt es selbst: Die Deiche flussaufwärts der Sperre müssen bis 2050 erhöht werden. Fünfzehn Jahre früher als geplant. Fünfzehn Jahre, in denen London gebaut, verkauft, finanziert und vergessen hat.
Und hier, lieber Leser, beginnt der Teil, über den Morrison nicht schreiben darf – und genau deshalb schreibt. Denn die einzige Quelle, die mir diese Information bestätigt, ist die Umweltbehörde selbst. Kein zweiter Gutachter, der die Modelle gegengerechnet hat. Kein unabhängiger Ingenieur, der die Tore geprüft hat. Kein Parlamentsausschuss, der die Zahlen gegen die Lobbyisten gehalten hat. Eine Behörde, die gleichzeitig reguliert und beruhigt, die gleichzeitig warnt und verschweigt. Wenn die einzige Wahrheit aus dem Mund jenes Hauses kommt, das auch für die Aufsicht zuständig ist, dann ist die Verifikation das erste Opfer. Morrison kann das nicht ignorieren. Morrison darf es nicht.
Was danach käme, das ist die Frage, die in keinem Pressetext steht. Die Themse-Sperre versagt. Nicht morgen, nicht nächste Woche. Aber die Kurve, die seit Jahren gezeigt wird, ist keine Prophezeiung mehr, sondern eine Aktennotiz. Wenn das Wasser kommt – und es kommt, in immer kürzeren Abständen, mit immer höheren Spitzen, mit immer mehr Schlamm und Salz und Zerstörung –, dann trifft es die, die nie gefragt wurden. Die Hausbesitzer entlang der Themse, deren Hypotheken sich in Luft auflösen, weil keine Bank ein Haus unterhalb der Hochwasserlinie versichert. Die Mieter in den tiefer gelegenen Vierteln, die keine Lobby haben, die keine Papiere unterschreiben, die nur zuschauen, wie das Wasser die Schwelle küsst. Der Stadtteil, der zuerst überflutet wird, ist immer der Stadtteil, der zuletzt gebaut wurde. Und der zuletzt gebaut wurde, ist immer der, in dem die armen Leute wohnen.
Die Struktur dahinter ist so alt wie das Übel selbst. Eine Stadt, die ihr Abwasser in den Fluss kippt, ihre Brücken auf Pfahlrechte stellt und ihre Schutzmauern als Denkmal behandelt. Die Themse-Sperre war 1982 eine Pionierleistung. Vierzig Jahre später ist sie ein Denkmal, das noch arbeitet – wie die römischen Brunnen, von denen die Touristen schwärmen, während die Rohre längst lecken. Die Korrosion, die niemand sieht, hat keine Pressekonferenz. Sie hat nur Termine: 2050, früher, viel früher.
Wer profitiert? Das ist die Frage, die ein Reporter stellen muss, auch wenn er sie nicht beantworten kann. Klar ist, wer im Windschatten sitzt: die Baukonzerne, die mitspielen dürfen, wenn die Aufträge vergeben werden. Die Versicherer, die ihre Prämien erhöhen, solange sie noch dürfen. Die Politiker, die eine Krise erst dann anerkennen, wenn die Kameras laufen. Unklar bleibt, wer in welcher Reihenfolge informiert wurde – ob die Hausbesitzer in den Überflutungszonen längst wissen, dass ihre Häuser in fünfzehn Jahren oder weniger im Wasser stehen, oder ob sie es aus der Zeitung erfahren, wie immer. Unklar bleibt auch, welche Notfallpläne in den Schubladen der Behörden liegen. Welche Evakuierungsrouten werden im Ernstfall freigegeben? Welche Schutzmaßnahmen für die U-Bahn, die Keller, die Kraftwerke entlang der Themse? Welche Vorranglisten, wenn das Wasser wirklich kommt? Morrison weiß es nicht. Morrison weiß nur, dass er es wissen müsste – und dass die Zeitung, die er füllt, morgen Fisch einwickelt.
Und so leuchtet unten im Café das Licht. Evelyn singt etwas, das nach Regen klingt. Der Bourbon steht halb leer neben der Schreibmaschine. Irgendwo fließt die Themse, schwarz, geduldig, sicher. Sie hat Rom fallen sehen. Sie wird London wiedersehen – wenn die Mauer kommt, die diese Stadt nicht mehr bauen will.
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