Der Gasmann wird Premier: Selenskyjs Notfall-Deal mit Koretsky
Kiew. Die Drähte haben gesummt, und jetzt steht es schwarz auf weiß in den Depeschen: Wolodymyr Selenskyj bietet Serhiy Koretsky, dem Chef des staatlichen Energiekonzerns Naftohaz, den Posten des Ministerpräsidenten an. Die Werchowna Rada hat den Mann, der bisher Pipelines und Bohrtürme verwaltete, zum neuen Premier gemacht. Yulia Svyrydenko, seine Vorgängerin, wurde am Dienstag abgesetzt. Das ist nicht einfach eine Personalie. Das ist ein Verdrahten der Macht unter Strom.
Wer hier aufmerksam hinhört, erkennt das Muster. Ein Land im Krieg, dessen Energienetz zur Zielscheibe geworden ist, braucht einen Mann, der nicht zuerst an Wahlkampf denkt, sondern an Transformatoren. Koretsky bekommt ein Mandat, das so klar wie brutal formuliert ist: das ukrainische Energiesystem stählen für den härtesten Winter dieses Krieges. Stählen, nicht modernisieren, nicht ausbauen. Stählen. Das ist die Sprache von Leuten, die wissen, daß die nächste Kältewelle zugleich eine Angriffsstaffel sein wird.
Und hier beginnt meine Arbeit an der Strippe. Denn was Selenskyj anbietet, ist kein gewöhnlicher Aufstieg. Es ist ein Kompromiß zwischen Kriegspolitik und Infrastrukturwirtschaft, ein Deal, der nur funktioniert, solange die Notwendigkeit höher wiegt als jede parteipolitische Rechnung. Koretsky kommt nicht aus der Rada, nicht aus dem Kabinett. Er kommt aus Naftohaz, einem Unternehmen, das zwischen Sanierung, alten Affären und geopolitischer Schlüsselstellung einen eigenen Kosmos ausgebildet hat. Wer dort oben steht, weiß, wie ein Gashahn funktioniert. Wer dort oben steht, weiß auch, wohin die Ströme fließen, wenn sie einmal aus den Bilanzen verschwinden.
Das ist die erste offene Frage, die in den offiziellen Mitteilungen fehlt: Wem gegenüber ist dieser neue Premier eigentlich rechenschaftspflichtig? Dem Parlament? Dem Präsidenten? Den Energiekartellen im In- und Ausland, die sich daran gewöhnt haben, daß Naftohaz kein normales Unternehmen ist, sondern ein Hebel? Die Ernennung wird als Beförderung verkauft. Sie ist eine Notfall-Übergabe. Solche Deals tragen ihren Preis in der zweiten Reihe, in den Verträgen, die jetzt schnell unter Dach und Fach gebracht werden müssen, bevor der Frost kommt.
Dazu kommt das Element, das in jeder Funkzentrale als Statik zu hören ist: die genaue Ausdehnung der Energieverwundbarkeit der Ukraine ist nicht öffentlich bekannt. Wir wissen, daß Angriffe stattgefunden haben. Wir wissen, daß Kraftwerke zerstört worden sind. Wir wissen, daß die Ukraine in den letzten Wintern auf rollierende Abschaltungen und Importe aus der EU angewiesen war. Wir wissen nicht, wie tief die Reserven wirklich reichen, wie belastbar die verbliebenen Knotenpunkte sind, welche regionalen Cluster bereits jetzt am Limit laufen. Koretsky weiß es vermutlich. Er weiß es vermutlich besser als jeder andere in Kiew. Aber ob er es sagen darf, ob die Zahlen auf den Tisch kommen, das ist die entscheidende Frage dieses Mandats.
Und was Koretsky überhaupt tun kann, bleibt im Nebel. Stählen — mit welchem Material? Mit welchen Budgets? Mit welchen internationalen Zusagen, die rasch genug fließen? Die europäischen Partner haben Lieferketten, die Monate brauchen. Die ukrainische Schwerindustrie arbeitet unter Beschuß. Ein Premier, der gleichzeitig Kriegsmanager, Energiekoordinator und Krisenverwalter sein muß, ist kein Premier im klassischen Sinn. Das ist eine Daueralarmposition. Die Frage ist nicht, ob Koretsky den Winter übersteht. Die Frage ist, zu welchem Preis er ihn übersteht, und welche politischen Kosten dieser Notfall-Deal in den nächsten Monaten auf den Tisch legt.
Was an dieser Ernennung am meisten nachdenklich stimmt, ist nicht die Personalie selbst. Es ist die Logik, die sie erzwingt. In einem Land im Frieden wäre ein Naftogaz-Chef auf dem Ministerstuhl eine Provokation, vielleicht ein Skandal. In einem Land, dessen Energienetz zur Kriegswaffe geworden ist, wird es zur Notwendigkeit. Das Energiesystem zu sichern, das Energiesystem zu stärken — beides steht jetzt in seinem Auftrag. Beides ist ein und dieselbe Aufgabe. Notwendigkeiten kennen keinen Verhandlungsspielraum. Sie nehmen, was funktioniert. Und gerade deshalb müssen wir genauer hinsehen, wer hier wem gehorcht, welche Strukturen diese Übergabe tragen, und welche Summen in den nächsten Wochen über Tische wandern, die im Halbdunkel bleiben sollen.
Die Drähte werden weiter summen. Ich bleibe dran.
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