Tel Avivs lange Finger in Washington
Bourbon. Zwei Finger. Die Schreibmaschine klappert. Evelyn unten singt etwas Französisches, das ich nicht verstehe. Der Bericht aus Langley liegt vor mir wie eine Bombe mit ausgeschaltetem Zünder.
Ein CIA-Memo, angeblich aus der Hand amerikanischer Geheimdienstleute, behauptet das, was viele längst ahnen: Israel wolle sich nicht länger als Empfänger amerikanischer Hilfe verstehen, sondern als Architekt amerikanischer Institutionen. Eingebaut. Fest verdrahtet. Schwer wieder herauszuziehen.
Die Überschrift, die Sie morgen in der Sonntagszeitung lesen werden, lautet: „Unzertrennliche Verbündete." Das ist die Fassade. Die Wahrheit liegt eine Etage tiefer.
Schauen wir uns den Mechanismus an. Öffentliche Hilfsgelder – jene Summen, die im Kongress debattiert, im Haushalt verhandelt, in Zeitungen zerpflückt werden – werden nach dieser Logik Stück für Stück abgelöst durch etwas anderes: langfristige, institutionelle Bande. Waffenprogramme. Industriebeteiligungen. Geheimdienstkooperationen. Quersubventionierung zwischen Behörden, über die kein Abgeordneter mehr abstimmt, weil sie längst im Haushalt versickert sind, unsichtbar, unkontrollierbar.
Netanjahu selbst hat im Mai bei „60 Minutes" gesagt, was Beobachter seit Jahren munkeln. Er wolle die amerikanische Unterstützung auf null herunterfahren. Klingt nach Sparsamkeit. Klingt nach Mündigkeit. Ist es nicht. Es ist ein Schnitt – weg vom Geldhahn, der noch Öffentlichkeit hat. Hin zur verkabelten Abhängigkeit, die niemand mehr kontrolliert.
Wer profitiert?
Beginnen wir mit Brad Parscale. Der Mann baute Trumps digitale Maschine im Jahr 2016 zusammen. Er hat jüngst neun Millionen Dollar von Israel erhalten – offiziell deklariert nach FARA – über seine Firma Clock Tower X, im Auftrag von Havas Media Germany, das Israel zuarbeitet. Was liefert die Firma? Inhalte. Zugeschnitten auf Gen Z, verteilt über TikTok, Instagram, YouTube, Podcasts. Mit monatlichen Berichten zur Stimmungslage demographischer Gruppen. Das nennt man Marketing. In älteren Handbüchern nannte man es Beeinflussung. Dass über hundert Millionen Dollar seit 2023 in solche Kanäle geflossen sind, lässt sich nicht mehr wegblättern.
Gehen wir nach Kentucky. Ed Gallrein, Trump-nah, kandidierte gegen den republikanischen Amtsinhaber Thomas Massie – einen Mann, der gegen das übliche Spiel immun ist. AIPAC, die Republican Jewish Coalition, die United Democracy Project, das AIPAC-Super-PAC: zusammen über neun Millionen Dollar Außengelder, plus 63.000 Dollar direkt an Gallrein. Massie ist aus dem Rennen. Was bleibt, ist ein Abgeordneter, dessen Schulden dort beglichen werden, wo seine Wähler nicht hinschauen.
Michigan. Jeremy Moss, frisch nominiert für den Kongress, hört sich ein heißes Mikrofon an. Er soll gesagt haben, der „ganze Zweck" seiner Kampagne sei, Amerikas Unterstützung für Israel sicherzustellen. „Amerika ist nicht unsere Heimat." Moss nennt die Aufnahme manipuliert. Er sagt, er sei Detroiter, Michigander, Amerikaner. Wer hat sie veröffentlicht? Seine Gegenkandidatin Farooqi. Wer hat sie geglaubt? Genau das Wahlvolk, an dessen Lautsprecher Moss angeblich andocken will.
Und H.R. 8800, der National Defense Authorization Act für 2027, verabschiedet im Repräsentantenhaus – irgendwo in den vielen hundert Seiten, die niemand liest. Die Summe astronomisch. Die Klauseln verschlungen.
Jetzt der Iran-Teil. Eine Morddrohung gegen Präsident Trump wird gemeldet – übermittelt durch Israel an die CIA. Amerikanische Analysten stufen sie als „Israeli-derived, not U.S.-generated" ein. „Low confidence". Das ist der scharfe Befund. Ein Verbündeter liefert eine Bedrohung; die eigenen Leute halten sie für dünn. Was passiert? Trump verlässt Ankara heimlich auf einem Militärjet statt auf Air Force One. Die Sicherheitsarchitektur der Republik reagiert auf eine Information, deren Herkunft die eigenen Leute anzweifeln. Wer kontrolliert hier wen?
Offene Fragen, auf die ich keine Antwort habe – aber meine Leser sollen sie kennen:
- Wer sitzt an den Knotenpunkten, wo militärische Beschaffung, Geheimdienstbudgets und politische Spenden sich kreuzen? - Welche Industrien sind heute so abhängig von israelischen Komponenten, dass ein Schnitt weh täte – militärisch, wirtschaftlich, politisch? - Wieviel von dem, was als „amerikanische Hilfe" in den Büchern steht, kommt längst als „amerikanische Verpflichtung" zurück, eingeschrieben in Verträge, die kein Kongressabgeordneter mehr lesen muss? - Wer bezahlt den Preis, wenn diese Architektur bricht? Nicht die Herren in den Ledersesseln. Die Leute unten, deren Steuern die Drähte sind.
Die Struktur ist nicht neu. Rom baute seine Provinzen, indem es Klientelkönige einsetzte, die Rom brauchten und Rom nicht mehr losließen. Das britische Imperium tat es eleganter, mit Mandaten und Öl. Heute geht es leiser, digital, integriert. Keine Kolonialflagge mehr. Nur Knoten, die sich zuziehen.
Unklar bleibt, wer das Memo in Umlauf gebracht hat. Unklar bleibt, welche Namen in den Anlagen stehen. Unklar bleibt, ob die Verfasser selber Teil des Spiels sind, das sie beschreiben – oder ob noch jemand in Langley sitzt, der den Stecker ziehen will, bevor das Kabel mit dem Gebäude verwächst.
Evelyn hat aufgehört zu singen. Im Café brennt noch Licht.
Wenn ein Land es schafft, sich so gründlich in das Innere eines anderen einzubauen, dass ein Rückzug – selbst auf null – Gebäude zittern ließe, dann reden wir nicht mehr von Bündnis. Dann reden wir von etwas, wofür die alte Sprache ein viel kürzeres Wort hatte.
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