MORGEN IN KARAJ, MORGEN IN TEHERAN — DIE FABRIK DER HENKER
Ein Mann fährt ein Auto. Sieben Polizisten werden verletzt. Einer liegt drei Monate im Koma. Der Mann heißt Shahram Sadeghi. Der Mann ist seit Sonntagmorgen tot.
Das schreibt die iranische Justiz. Das schreibt Mizan Online, das schreibt Tasnim, das schreibt das Revolutionsgericht von Karaj in seinem kurzen, kalten Vermerk. Was dort nicht steht: wie ein Verfahren aussieht, in dem der Angeklagte bereits als Werkzeug ausländischer Geheimdienste gilt, bevor der erste Richter den Saal betritt. Was dort nicht steht: wer die Beweise prüfte. Wer den Verteidiger sprechen durfte. Wer überhaupt einen Verteidiger hatte.
Sadeghi wurde verurteilt wegen einer "operativen Aktion zugunsten des zionistischen Regimes und der Vereinigten Staaten" — so formuliert es das iranische Spionagegesetz. Operative Aktion. Das Wort klingt nach Generalstab, nach koordinierter Sabotage, nach Funksprüchen in der Nacht. Es klingt nach allem, nur nicht nach einem Mann, der im Januar in einem Wagen durch eine Stadt westlich von Teheran fährt.
Doch dieses Gesetz braucht keine Plausibilität. Es braucht ein Geständnis. Es braucht einen Schuldspruch. Es braucht das Siegel des Obersten Gerichtshofs. Drei Stempel — dann der Strick. So sieht Maschine aus. So sieht Souveränität aus, die sich selbst nicht mehr traut.
Und diese Maschine läuft auf Hochtouren.
Die Islamische Republik hat im vergangenen Jahr mindestens 1.639 Menschen hingerichtet — ein Rekord, der seit 1989 nicht mehr erreicht wurde. 1989: das Massaker an den politischen Gefangenen, die wochenlangen Exekutionen, das dunkelste Kapitel der Republik. Man schrieb es sich als Säuberung zu. Man sprach von Gerechtigkeit. Man sprach von Ordnung. Eine Zahl, die Amnesty International bestätigt. Eine Zahl, die Peking übertrifft — nur China tötet noch mehr. Eine Zahl, die still wird, wenn die Kameras woanders hinsehen.
Seit dem 28. Februar dieses Jahres, als amerikanische und israelische Bomben auf iranische Städte fielen und der Westasien-Krieg begann, ist die Zahl der Hinrichtungen weiter gestiegen. Menschenrechtsorganisationen notieren den Trend. Die Behörden notieren es nicht. Sie vollstrecken.
Wer profitiert? Wer verschweigt? Wer trägt diese Struktur?
Man muss nicht raten. Man muss nur hinsehen, wer in den Prozessberichten fehlt. Die Behörden sprechen von mehr als 3.000 Toten während der Protestwelle, die Ende Dezember wegen steigender Lebenshaltungskosten begann und am 8. und 9. Januar ihren Höhepunkt erreichte. Sie schieben die Verantwortung pauschal den terroristischen Akten der USA und Israels zu. Menschenrechtsorganisationen im Ausland dokumentieren das Gegenteil: Sicherheitskräfte hätten auf Demonstranten geschossen. Beide Seiten haben ihre Zahlen. Beide Seiten haben ihre Wahrheit. Wahrheit ist in diesem Land schon lange eine Waffe der Staatsräson.
Sadeghi war kein Anführer. Kein Organisator. Kein Stratege. Er war ein Mann mit einem Auto, in einer Stadt westlich der Hauptstadt, an einem Tag, als die Wut auf den Straßen keinen Kanal mehr fand. Das Revolutionsgericht machte ihn trotzdem zum Symbol. Es machte ihn zum Feind. Es machte ihn zu einem der 1.639 — einem Strich in einer Bilanz, die keine Namen mehr kennt, die keine Geschichten mehr kennt, die nur Zahlen kennt und Haken hinter Zahlen.
Und die internationale Gemeinschaft? Sie veröffentlicht Erklärungen. Sie verhängt Sanktionen, die die Mächtigen treffen und die Mühlen der Hinrichtung nicht einen Tag lang stoppen. Sie redet von due process, von fairen Verfahren, von der Unantastbarkeit der Menschenwürde. Sie schweigt, wenn ein Land im Namen der Selbstverteidigung ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichmacht — und sie schweigt, wenn ein anderes Land im Namen der inneren Sicherheit einen Mann wegen einer Autofahrt an den Galgen bringt.
Die Frage drängt sich auf, leise und scharf: Wessen Blut wiegt schwerer? Welcher Tod wird in den Zeitungen gedruckt, welcher verschwindet zwischen den Anzeigen? Welcher Prozess wird gezeigt, welcher im Verlies der Revolutionsgerichte begraben?
Sadeghi war keiner, der die Welt bewegte. Kein Märtyrer. Kein Verbrecher im klassischen Sinn. Ein Mann, der zur falschen Zeit am falschen Ort war, in einem Auto, das zum Beweisstück wurde. Sein Vermögen wurde eingezogen. Seine Familie — das schreibt keine der Agenturen — hat nun nichts mehr.
Morrison sitzt in einer Redaktion, die nach Bourbon und altem Papier riecht. Evelyn singt irgendwo im Haus. Der Regen klopft ans Fenster. Und die Maschine, die Shahram Sadeghi verschlungen hat, läuft weiter. Heute Nacht. Morgen früh. Und am nächsten Sonntag wieder.
Die Henker brauchen keinen Feiertag. Sie brauchen nur ein Geständnis und drei Stempel.
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