Mannheims zehntausend Augen — Verhaltenserkennung im Dienst der Prävention
Ich übersetze Drähte seit fünfzehn Jahren. Telegraphie, Funk, Radar. Was mich an dieser Sache beunruhigt, ist nicht die Technik. Technik ist Werkzeug. Es ist die Tatsache, dass niemand in Mannheim benennt, wer den Auftrag gegeben hat, zehntausend Filme in eine Verhaltensmatrix zu gießen.
Die Zahl steht. Zehntausend. Sie liegt vor wie eine Telefonleitung, an deren Ende jemand schweigt. Die Pressestelle der Stadt verweist auf laufende Verfahren. Die Polizeidirektion spricht von kriminalistischer Forschungsarbeit. Das ist das Vokabular derer, die nicht gefunden werden wollen.
Jane Schoenbrun hat betont, dass diese Filme Gewalt auskosten. Sie meint damit nicht die Kinogänger im Parkett. Sie meint, dass das System lernt: wie ein Schlag fällt, wie eine Menge sich sammelt, wie eine Hand zuckt, bevor sie zuschlägt. Die Filme werden nicht archiviert. Sie werden katalogisiert — als Verhaltens-Prototypen. Schoenbrun benennt das ethische Grauen beim Namen: Was hier gesammelt wird, ist nicht die Tat, sondern die Möglichkeit der Tat.
Das ist der Sprung von Beobachtung zu Prävention. Von der Kamera, die aufnimmt, zum Auswerter, der im Hintergrund Muster zeichnet. Von der Rekonstruktion zur Vorhersage.
Zehntausend Filme sind kein Datenpunkt. Es ist ein Muster. Wer in Mannheim diese Sammlung aufbaut, baut ein Frühwarnsystem für Verhalten, das noch nicht stattgefunden hat. Das ist, in der Sprache der Justiz, ein Schritt von der Beweissicherung zur Verdachtserzeugung im Vorfeld.
Ich frage, wie ich immer frage: Wer kontrolliert das? Wer profitiert? Wer zahlt den Preis?
Wer kontrolliert das? Die Antwort steht aus. Die Stadt schweigt, die Polizei spricht in Floskeln, die Genehmigungsbehörde — offen bleibt, welche das ist — nennt sich nicht. Es gibt keinen Richter, keinen Datenschutzbeauftragten, keinen unabhängigen Kontrolleur, der dieses Raster prüft, bevor es greift. In der Hierarchie der Verschleierung ist das ein sicheres Zeichen: Es steht jemand über der Polizei, der unter niemandem steht.
Wer profitiert? Nicht die Stadt. Nicht die Kinobetreiber, deren Filmrollen möglicherweise ohne ihr Wissen in die Mühlen der Auswertung geraten. Nicht die Bevölkerung, die künftig mit dem Wissen leben muss, dass ihr Gang auf der Straße, ihr Blick im Wartesaal, ihr Griff nach dem Koffer abgewogen wird gegen einen Katalog von Prototypen. Wer profitiert, sitzt in einer Behörde, deren Namen wir noch nicht kennen. Wir kennen das Muster.
Wer zahlt den Preis? Der Mann in der Suppenküche, der morgens zur Schicht geht. Die Frau, die abends über den Marktplatz läuft. Der Jugendliche, dessen Geste schneller ist als sein Denken. Sie alle werden künftig gemessen an einem Katalog, der aus zehntausend Filmen gespeist ist. Sie werden nicht beobachtet — sie werden vorgerechnet.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Drähte summen. Was ich in Mannheim höre, ist kein Rauschen. Es ist das leise Ticken einer Apparatur, die gerade erst hochfährt.
Frauen hatten 1937 in diesem Beruf nichts verloren. Ich weiß das. Ich schreibe trotzdem. Nicht weil es kühn ist, sondern weil die Geschichte sonst niemand schreibt.
Was bleibt offen — und das ist die Liste, die vor Veröffentlichung zwingend geklärt sein muss: Wer hat den Auftrag tatsächlich vergeben? Welche Behörde genehmigt eine solche Sammlung — und auf welcher Rechtsgrundlage? Wer hat Zugang zum Katalog? Wie wird verhindert, dass die Verhaltens-Prototypen gegen Unbeteiligte Anwendung finden? Und vor allem: Wo ist die öffentliche Debatte, die dieses Raster bricht, bevor es bricht, was es bricht?
In Mannheim geht es nicht um Kriminalistik. Es geht um die Vorab-Verurteilung des Verhaltens. Und das, meine Damen und Herren in den Redaktionen und Amtsstuben, ist eine Frage, die wir alle beantworten müssen, bevor die nächsten zehntausend Filme geschnitten werden.
Ich bleibe an der Leitung.
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