ZWEITTIEFSTER STAND ALLER ZEITEN — UND KEINER WILL ES GEWUSST HABEN
Der Regen trommelt gegen die Scheibe der Redaktion. Evelyn singt unten im Café etwas Langsames, das klingt wie eine Hymne an Verlierer. Die Lampe über meiner Schreibmaschine flackert. Auf dem Tisch: eine einzige Mitteilung, datiert auf diesen Monat, die mir sagt, was ich längst auf der Straße rieche.
Pending Home Sales sind auf den zweittiefsten Stand gefallen, den irgendein Aufzeichnungsgerät in den Vereinigten Staaten je gemessen hat. Das steht schwarz auf weiß. Nicht in einem Gerücht. Nicht in einem Gerede. In den Zahlen, die niemand mehr lesen will, weil das Lesen wehtut.
Und wo tut es am meisten weh? Im Westen. Der Westen — die Region, die sich selbst immer für unerschütterlich hielt, für die harte Grenze, für das Land der ewigen Morgenröte — bricht mit einem Sturz auf einen Rekordtiefstand in sich zusammen. Im Juni, so die Aufzeichnung, ist die Zahl dort am Boden aufgekommen wie ein nasses Tuch. Mit einem Minus von 4,7 Prozent.
Der Süden steht direkt daneben und verbeugt sich artig. Dort sind die anhängigen Verkäufe fast auf Rekordtief gefallen — im Juni ein Minus von 4,1 Prozent, der niedrigste Juni-Wert, der je gemessen wurde, der sechstniedrigste Stand überhaupt, seit die Statistik existiert. Florida, Texas. Der eine große Träumerladen der Nation, wo jeder seinem Nachbarn erzählte, er könne es sich leisten, und wo nun die Lager der Makler überquellen, während die Käufer in den Cafés sitzen und in ihren Kaffee starren.
Auch im Mittleren Westen und im Nordosten hangeln sich die Zahlen entlang von Rekordtiefs. Das ist der Chor, der nicht mehr singt, sondern nur noch flüstert.
Die offizielle Diagnose, die einem die Branche ins Ohr flüstert, wenn man sie lässt, lautet: Die Preise sind zu hoch. Die Hypothekenzinsen sind weiter gestiegen. Beides ist wahr. Aber — und hier wird Morrison zum harten Hund der Wahrheit — die Preise sind nicht zu hoch, weil der Himmel so verfügt hat. Die Preise sind zu hoch, weil das ganze Kartenhaus auf einer Annahme gebaut wurde: Dass das Haus ein sicherer Hafen sei. Dass das Eigenheim der goldene Käfig sei, in dem der Traum sein Nest baut. Dass der Kredit, den man heute aufnimmt, durch den Wert von morgen bezahlt wird.
Und jetzt? Jetzt hat sich der Wert von morgen verdampft. Jetzt steht ein Siebtel aller abgeschlossenen Kaufverträge vor der Stornierung. Lesen Sie das noch einmal: ein Siebtel. Der höchste Anteil zu dieser Jahreszeit, der jemals verzeichnet wurde. Das ist nicht Panik. Das ist die Mathematik der Leute, die morgens aufwachen, ihren Vertrag lesen und feststellen, dass sie sich selbst nicht mehr leisten können.
Und hier beginnt meine Frage, die niemand beantworten will.
Wer profitiert davon, dass diese Rekorde so leise fallen? Wer hat ein Interesse daran, dass die Schere auf den Boden fällt, ohne dass jemand das Klirren hört? Wer sitzt im Hintergrund, mit gefalteten Händen, und wartet auf den Moment, in dem der Traum vom Eigenheim so billig wird, dass man ihn den Günstlingen der eigenen Bilanz in den Rachen werfen kann?
Der Westen ist der Kanarienvogel, meine Damen und Herren. Wenn der Westen verstummt, ist die Luft im ganzen Haus bereits dünn. Es ist nicht der Anfang vom Ende. Es ist das Ende vom Anfang.
Welche Schere ist das eigentlich, die hier auf den Boden gefallen ist?
Es ist die Schere zwischen dem, was die Statistik als „krisenfester Wert" verkauft hat, und dem, was die Statistik heute als „Rekordtief" ausweisen muss. Es ist die Schere zwischen dem, was die Verkäufer glaubten, was ihr Haus wert sei, und dem, was kein Käufer mehr zahlt. Es ist die Schere zwischen dem, was die Immobilienlobby als „gesunden Markt" bezeichnete, und dem, was an den Küchentischen und in den Garagen dieses Landes längst Realität ist.
Unklar bleibt, wer genau den Mechanismus in Bewegung gesetzt hat, der diese Schere so lautlos hat fallen lassen. Unklar bleibt, wer den Hebel umgelegt hat. Aber eines ist klar: Es ist nicht der Käufer, der hier verliert. Es ist der Käufer, der hier verschwindet. Und das ist ein Unterschied, über den kein Makler, kein Banker und kein Senator in dieser Stadt heute Abend sprechen will.
Evelyn singt jetzt lauter. Der Regen hat aufgehört. Und morgen früh werden die Schlagzeilen wieder voll sein von allem, was nicht zählt. Von Ablenkung. Von Prominenten, die ein Haus kaufen, das kein Mensch sich leisten kann.
Aber das hier, das ist die wahre Nachricht. Die, die weiter wirkt, wenn keiner hinschaut.
Morrison, Terminal Tribune.
❖ Ende des Artikels ❖
