ES REGNET — DOCH BRITANNIENS LEITUNGEN SIND LÄNGER LEER ALS DER HIMMEL
London. Regentropfen auf ausgedörrtem Asphalt. Die Kameras zeigen Erlösung, die Schlagzeilen flüstern "Endlich." Ich höre etwas anderes auf der Leitung: das Ticken eines Reservoirs, das niemand hören will.
Am neunundzwanzigsten Juli erklärte die Umweltbehörde halb England offiziell als dürregeplagt. "Flash drought" — Blitzdürre. Ein Wort, das so harmlos klingt wie ein Wetterphänomen und so gefährlich ist wie ein Kurzschluss in einem Umspannwerk, der zu spät entdeckt wird. Der Juli war der trockenste seit Beginn der Aufzeichnungen. Das ist nicht Natur. Das ist ein Ergebnis.
Jetzt endlich Regen. London, Kent, Essex, Sussex — ein paar Tropfen über ausgelaugtem Boden. Die Wetterdienste sprechen von "dem ersten sinnvollen Regen seit langem." Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, sagen wir Telegraphisten. Eine Schwalbe macht noch keinen Stausee.
Die Reservoirs liegen auf "außergewöhnlich niedrigem" Niveau. Niedrig ist ein Wort, das Wasserversorger benutzen, wenn sie nicht "kritisch" sagen wollen. Niedrig ist ein Wort, das Zeitungen drucken, damit das Publikum nicht aufsteht. Niedrig ist ein Euphemismus, der genau so viel verbirgt wie ein verschlossenes Ventil.
Denn hören wir genauer hin. Was füllt diese Reservoirs? Regen, ja. Aber was leert sie? Hier beginnt die eigentliche Geschichte, die keine Schlagzeile trägt.
Autowaschanlagen. Schwimmbäder. Gartenbesprengung, Golfplätze, industrielle Kühlkreisläufe. Während Halbengland am Tropf hängt, planen die ersten Betreiber von Waschstraßen und Pools bereits die Wasserbeschränkungen. Planen. Sie wissen es also. Sie wissen es seit Wochen. Wer also hat weitergewaschen, weitergeplantscht, weitergepumpt, während das Land dörrte? Wer wurde nicht gezwungen, früher zu drosseln? Wer profitierte vom Status quo?
Die offene Frage, die kein Redakteur stellt: Wer kontrolliert die Ventile? Wer legt fest, wer noch Wasser bekommt und wer nicht? Wasserversorger sind keine neutralen Verwalter eines Gemeinguts. Sie sind Unternehmen mit Aktionären, Margen und stillen Vorzugsbehandlungen. Wenn die Infrastruktur bei "außergewöhnlich niedrig" steht und der Regen nicht reicht, dann ist die Krise nicht das Wetter. Die Krise ist die Architektur.
Und nun die perfide Pointe des Systems. Heftiger Regen auf ausgedörrtem Boden wird keine Dürre beenden. Er wird Überschwemmungen auslösen. Das Wasser rinnt über die rissige Krume, findet keinen Halt, schießt in die Bäche und richtet in den Städten Schäden an — ohne dass ein einziges Reservoir sich nennenswert füllt. Das ist die Rechnung, die uns präsentiert wird: Die Schwäche des Systems wird im Regen sichtbar, nicht im Sonnenschein. Die Kanalisation ist zu eng dimensioniert. Die Auffangbecken sind zu klein. Die Versickerungsflächen sind zugepflastert. Was als Trockenheit begann, endet als Sturzflut.
Dr. Anna Murgatroyd von der Universität Newcastle, Hydrologin, rechnet im Podcast des Guardian vor, wie viel Regen nötig wäre, um Britannien über den nächsten Sommer zu retten. Ihre Zahl steht in keiner Schlagzeile, nur im Podcast. Das allein sagt viel. Eine Wissenschaftlerin rechnet vor. Die Politik schweigt. Die Versorger sortieren ihre Pressemitteilungen.
Meine Damen und Herren, die Leitungen sind nicht leer, weil der Himmel trocken war. Die Leitungen waren so dimensioniert, dass ein extremer Sommer genügt, um sie leerzulaufen. Die Leitungen wurden gebaut für ein Klima, das es nicht mehr gibt. Die Schwimmbäder, die Waschanlagen, die industriellen Großverbraucher — sie zapfen weiter, bis die Behörde den Hahn zudreht. Und wenn sie ihn zudreht, zahlt der kleine Mann in der Suppenküche die Zeche, nicht der Vorstand im klimatisierten Büro.
Was bleibt offen: Wer entscheidet in den nächsten Wochen, welche Verbraucher zuerst abgeschaltet werden? Welche Verträge schützen welche Industrien? Welche Resorts dürfen ihre Pools weiter füllen, während in Yorkshire der Rasen verbrennt?
Der Regen ist ein Ablenkungsmanöver. Die wahre Dürre sitzt in den Bilanzen, in den Leitungsquerschnitten, in der politischen Bequemlichkeit, ein System zu unterhalten, das bei der ersten Hitzewelle zusammenbricht. Wer das nicht sehen will, braucht nur weiter den Himmel zu beobachten.
Ich bin Ada Voss. Aus dem Funkhaus an der Themse. Die Drähte summen weiter.
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