Hundert Stücke, die das Met nicht zählen will
Heute keine Funksprüche aus dem Feld. Heute eine Leerstelle — und was sie verrät.
Das Metropolitan Museum of Art. Größtes Haus seiner Art auf diesem Kontinent. 1,5 Millionen Objekte im Bestand, eine Sammlung, die Kontinente verschluckt. Und seit Jahren ein Verfahren, das aussieht wie Arbeit, aber funktioniert wie ein Vorhang.
Das International Consortium of Investigative Journalists hat die Drähte noch einmal angezapft. Was durchkommt, ist keine Überraschung, sondern eine Bestätigung im Telegramm-Stil: Auch nachdem die Behörden in New York seit 2017 Objekte im Wert von mehr als 95 Millionen Dollar aus den Met-Beständen beschlagnahmt haben — 120 Stücke, Werte zwischen zwanzigtausend und sechsundzwanzig Millionen Dollar — hält das Museum weiterhin Hunderte Werke. Verbunden mit denselben Personen, die im Verdacht stehen, Tempel leergeräumt, Gräber geöffnet, Netzwerke betrieben zu haben.
Die Namen sind keine Randnotiz. Subhash Kapoor, 2011 in Deutschland festgenommen, von US-Behörden selbst als einer der produktivsten Schmuggler der Welt beschrieben, später in Indien verurteilt. Robert E. Hecht, von Italien des Handels angeklagt, 2012 verstorben, ohne dass die Akte geschlossen wurde. Douglas Latchford, angeklagt im Zusammenhang mit der massenhaften Plünderung kambodschanischer Kulturstätten, 2020 verstorben. Drei Tote, drei Netzwerke — und über tausend Stücke im Katalog des Hauses, das sich als Hüter der Weltkultur versteht.
Die ICIJ hatte zuvor bereits über mehr als 1.100 Stücke im Met berichtet, die mit Personen verknüpft sind, die wegen Antiquitätendelikten angeklagt oder verurteilt wurden. Die neue Analyse zeigt: das Museum hält weiterhin Hunderte Objekte, die ebenjene Personen einst besaßen, die für die meisten Beschlagnahmungen verantwortlich zeichnen. Hecht, Kapoor, weitere Namen. Dieselben Händler, deren Werke gerade den Saal verlassen mussten — und deren andere Werke weiter im Saal bleiben.
Und was sagt das Haus?
Lucian Simmons, Leiter der Provenienzforschung, lässt ausrichten: das Met wolle kein gestohlenes Gut in seiner Sammlung. Man habe erhebliche Mittel in die Forschung investiert. Man repatriere Stücke. Man verfolge einen objektweisen Ansatz. Bei zweien der mit Hecht verbundenen Stücke habe man exzellente Herkunftsunterlagen.
Exzellente Herkunftsunterlagen. Zwei Stücke. Bei einem Bestand, der über dieselben Händlernetze läuft, die Interpol, die italienische Staatsanwaltschaft, die indische Justiz seit Jahren beschäftigen. Das ist keine Recherche. Das ist ein Alibi im Ton einer Pressemitteilung.
Die Struktur ist deutlich. Die Manhattner Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Das Met beschreibt das Verfahren später als kollaborativ. Im März 2023 wurde öffentlich, dass das Met mehr als 1.100 Stücke hielt, die zuvor im Besitz beschuldigter Personen waren. Im September 2024 wurde ein Anwalt aus dem Haus entfernt, nachdem Kambodscha die Rückkehr verlorener Schätze gefeiert hatte. Im März 2024 wurde die Provenienzforschung mit einer Führungskraft von Sotheby's neu besetzt.
Die Verschiebungen verraten das Muster. Solange Namen wie Hecht, Kapoor, Latchford im Katalog stehen — Namen, die in Gerichtssälen in Rom, Chennai, Phnom Penh auftauchen —, ist die Sammlung des Met kein neutraler Ort. Sie ist Knotenpunkt. Und ein Knotenpunkt lässt sich nicht durch objektweise Forschung auflösen, sondern nur durch lückenlose Offenlegung jedes Stücks, das je über die Theke dieser Händler ging.
Was offen bleibt: welche Provenienzketten das Museum tatsächlich für ausreichend hält, welche Standards die neue Provenienzforschung anlegt, welche Stücke heute noch im Bestand sind, die morgen vor Gericht stehen könnten. Das Met veröffentlicht seine Arbeitsstände online. Die ICIJ hat sie geprüft. Das Ergebnis klingt wie eine alte Depesche: viele Worte, wenige Funksprüche.
Die Reporterin, die diese Zeilen schreibt, hat keine Sammlung zu verteidigen. Sie hat nur die Drähte. Und auf denen liegt: Hunderte Stücke, deren Weg in den Saal über Hände ging, die vor Gericht stehen oder standen. Das Met nennt das Forschung. Die Justiz nennt es Beweismaterial. Die Welt, die ihre Tempel leerräumen sieht, nennt es das, was es ist: ein System, das sich selbst nicht traut.
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