Die Ware Wut: Wie Fox Nation aus Charlie Kirks Tod Kapital schlägt
Die Drähte summen. Das Datum ist heute. Die Frequenz, die ich höre, ist älter als das Koffein in meiner Tasse. Was sich seit dem zehnten September fünfundzwanzig aus Utah ergießt, ist kein Kriminalfall. Es ist das Skript einer Fabrik.
Am zehnten September fünfundzwanzig fällt Charlie Kirk, Mitgründer von Turning Point USA, auf dem Campus der Utah Valley University in Orem. Er spricht bei einer Debatte im Freien. Ein Gewehr. Ein Schuß. Der Scharfschütze hockt auf dem Dach des Losee Building. Der Tote ist konservativ, jung, mediengewandt, eng an Donald Trump. Der Verdächtige stellt sich am Folgetag: Tyler Robinson, dreiundzwanzig Jahre alt.
Danach springen zwei Maschinen an. Sie arbeiten mit demselben Rohstoff.
Die erste heißt Fox Nation. Eineinhalb Jahre später startet dort die dritte Staffel von »God. Family. Football.« — exklusiv auf einer Abo-Plattform der Fox News Media. Pastor Denny Duron, Head Coach der Evangel Christian Academy in Louisiana, führt seine Mannschaft durch die erste Saison nach dem Mord. Episode zwei. Duron eröffnet mit einem Satz, der die Architektur verrät: »I have used football as my platform to be able to speak the name of Jesus to the world, but he used politics.« Plattform. Genau das ist der Begriff: eine Tribüne, jetzt umgewidmet für eine dritte Botschaft.
Duron predigt seinen Spielern, Zorn nicht in Gewalt zu verwandeln, hält eine Gedenkminute, bittet um Frieden auf Erden. Der Offensive Coordinator Kramer Hagan, gleichzeitig Civics-Lehrer, diskutiert mit Schülern über Kirks Tod. Hagan doziert, man dürfe andere nicht entmenschlichen, dürfe aber für die eigene Überzeugung streiten. Daneben laufen in den ersten drei Folgen ein Kampf gegen Leukämie und einer gegen Parkinson als Staffage. Alles wandert in dieselbe Maschine. Eine Saison wird zur Liturgie; die Liturgie hält das Abo.
Die zweite Maschine heißt Justiz. Sie arbeitet langsamer, aber mit demselben Stoff. Am achtzehnten August sechsundzwanzig legt die Staatsanwaltschaft ein neunzehnseitiges Dokument vor. Richter Tony Graf entscheidet am ersten September, ob der Fall vor Gericht rückt. Verteidigung will die Todesstrafe vom Tisch haben. Anklage will sie drauf.
Beide fechten über eine Kugel mit Gravur: »Hey Facist! CATCH!« — Rechtschreibfehler inklusive, verewigt in den Akten. Die Anklage liest die Inschrift als offen politische Referenz. Die Verteidigung kontert, eine Textnachricht reiche nicht für ein politisches Motiv: »I had enough of his hatred. Some hate can't be negotiated out.« Was die Staatsanwaltschaft sonst noch vorlegt: Robinson habe sich auf das Dach des Losee Building geschleppt, geschossen, das Gewehr — eine hochleistungsstarke Büchse aus dem Besitz seines Großvaters — im Wald versteckt, Kleidung beseitigt, den Mitbewohner angewiesen, Chats zu löschen. Der Mitbewohner heißt Lance Twiggs; er habe nach Ermittlerangaben zum Zeitpunkt der Tat eine Geschlechtsanpassung erwogen, Robinson sei mit ihm liiert gewesen. Kirks Positionen gegen gleichgeschlechtliche Ehe und gegen geschlechtsangleichende Versorgung stehen im scharfen Kontrast zum Profil des Angeklagten. Die Anklage erhebt zusätzlich Zeugenmanipulation und den Vorwurf, Robinson habe eine Gewalttat in Gegenwart eines Kindes begangen. Schließlich wirft sie der Verteidigung vor, sich auf Präzedenz zu berufen, die der Utah Supreme Court später verworfen hat — ohne Richter Graf darauf hinzuweisen. »This blatant omission violates counsel's duty of candor to the court.« So steht es schwarz auf weiß.
Diese Akten sind keine Akten. Sie sind Drehbücher. Jede Seite ans Gericht wandert am nächsten Morgen durch den Kabelticker. Die Kugel liest sich wie eine Requisite; die Textnachricht wie ein Monolog; der Mitbewohner wie das dritte Standbein einer Erzählung, die schon vor dem Prozeß weiß, wie sie enden will. Das Verfahren ist die zweite Staffel derselben Show; die Plattform heißt Nachrichten, das Abo Aufmerksamkeit.
Was nirgends gedruckt wird, ist das Substantiv: Gewinn.
Eine Abo-Plattform kassiert pro Haltezeit. Eine Nachrichtenmaschine kassiert pro Tag Reichweite. Turning Point USA kassiert pro Mitgliederzuwachs, den ein Märtyrer in die Spendenkonten spült; die Organisation hat im Wahlkampf fünfundzwanzig massiv für Trumps zweite Amtszeit mobilisiert. Der Prozeß hält die Ikone im Bild, gleichgültig mit welchem Urteil. Fox Nation hält die Ikone im Abo.
Unklar bleibt mir, wer die Produktion von »God. Family. Football.« finanziert — Sponsoring aus Sportwetten, kirchliche Netzwerke, konservative Stiftungen, irgendwer. Unklar ist der Werbeumsatz von Fox Nation seit dem zehnten September fünfundzwanzig. Unklar der Anteil der Murdoch-Holdings am Aktienkurs nach jeder Prozeß-Woche. Wer jenseits eines Pflichtverteidigers die Verteidigung Robinsons bestreitet, darüber schweigt die Aktenlage. Was offen zutage liegt: drei Maschinen — Abo, Nachrichtenzyklus, Parteiorganisation — ziehen am selben Strick, und der Strick heißt Charlie Kirk.
Dazu kommt ein vierter Mechanismus, der keiner Maschine bedarf, sondern nur einer Grammatik: das Wort »Schockwelle«, das in jeder Schlagzeile steht. Wellen brechen; Wellen klingen ab. Der Algorithmus belohnt nicht das Abklingen, sondern die nächste Welle. Also wird produziert: eine Episode, ein Projektil, ein Zitat, eine Gedenkminute. Die Maschinen sind so verkettet, daß der Output nie stillsteht.
Dazwischen steht ein dreiundzwanzigjähriger Angeklagter, der noch keinen Plea eingelegt hat. In dieser Architektur ist er keine Person; er ist ein Vektor — gespeist in einen Algorithmus, eine Spendenkampagne, ein Gericht, ein Abo. Die Gewalt ist zur Ware geworden, ehe der erste Prozeßtag begann.
Wer bezahlt die Trauerfabrik? Welche Summen aus kirchlichen und politischen Großspenden sind seit dem Sommer fünfundzwanzig in Plattformen geflossen, die Kirks Andenken in Cashflow verwandeln? Wer bestreitet die Verteidigung, und mit welchen Mitteln? Die zugängliche Aktenlage schweigt auf all diese Fragen, so wie ein altes Relais schweigt, wenn der Stromkreis offen ist.
Was bleibt, ist das Muster. Es ist so alt wie die erste verkaufte Sendezeit. Ein Mann fällt. Aus dem Schuß werden drei Cashflows. Aus den Cashflows werden drei Erzählungen. Aus den Erzählungen wird ein Perpetuum mobile der Empörung, das jeden Monat eine neue Staffel braucht. Wer das Schema einmal gehört hat, hört es nie wieder weg. Es schreibt eine Frau, die in dieser Reihe nichts zu suchen hat, und unterschreibt trotzdem.
— Ada Voss
❖ Ende des Artikels ❖
