Woke 1 war verrückt — Woke 2 beweist das System
Sonntagmorgen, "This Week" bei ABC. Alexandria Ocasio-Cortez grinst. "Woke 1 was crazy", sagt sie, ein Spruch, den sie Chi Ossé zuschreibt, einem Stadtrat in New York. Sie spricht über die erste Welle, die sie selbst mit angeführt hat. Über "Defund the Police". Über die "huge opening of the Overton Window" während der Pandemie. Die Aufstände nach dem Tod von George Floyd, in denen mehr als zwanzig Millionen Menschen auf die Straße gingen — sie erwähnt sie nicht. Sie lacht.
Die Reaktion folgt dem Drehbuch. Brandon Gill, Republikaner aus Texas, postet auf X. Ein Account mit mehr als 350.000 Followern zieht nach. Steve Guest, konservativer Kommentator, schreibt: "Never forget that AOC led Woke 1 charge." Bei Breitbart legt Alex Marlow in seiner Radioshow am Dienstag noch einen drauf: "Woke 1" sei vorbei, jetzt komme "Woke 2". Als Beweis dient ihm Francesca Hong, Kandidatin der Demokraten für das Gouverneursamt in Wisconsin — eine der radikalsten Figuren, die je für ein wichtiges Amt kandidiert habe.
Das ist nicht Politik. Das ist Industrie.
Werfen wir einen Blick auf die Mechanik. Da ist eine Äußerung von wenigen Sekunden. Sie wird gesendet. Der Algorithmus sortiert. Wer empört ist, klickt. Wer teilt, klickt. Wer kommentiert, klickt. Die Reaktion kommt innerhalb von Stunden, nicht Tagen. Sie kommt von Konten, deren Reichweite größer ist als die Auflage der meisten Zeitungen. Sie kommt aus Formaten, deren Geschäftsmodell exakt dieses Muster ist: Marlow sendet auf Salem Radio, "coast to coast", von zwölf bis eins Ostküstenzeit, und parallel auf YouTube, Rumble, Apple Podcasts, Spotify.
Die alten Kupferdrähte summten einst in beide Richtungen, aber langsam. Heute reicht ein Mikrofon, ein Profil, eine Reaktion. Die Sendeleistung gehört nicht mehr dem Sender. Sie gehört dem Zwischenraum.
Unklar bleibt, wer am Ende bezahlt wird. Was offen zutage liegt: Die Akteure — AOC, Gill, Marlow, Guest — bestreiten das Programm, sie sind nicht seine Verfasser. Sie liefern den Stoff. Die Anstalt verarbeitet ihn. X sortiert nach Engagement, nicht nach Wahrheit. Die Hörerzahlen von Salem Radio sind Geschäftsberichte. Die Zahl 350.000 Follower ist Marktkapitalisierung.
Es gibt einen zweiten Mechanismus, und der ist älter. "Woke 1" und "Woke 2" — das ist keine Chronologie, das ist Markenwechsel. Marlow nennt Hong "way ahead, one of the most radical people who's ever run for a major office". Die republikanische und die demokratische Seite benötigen einander zu diesem Tausch. Würde eine Seite verschwinden, wäre die andere arbeitslos. Die Konjunktur braucht beide Lager, und sie braucht sie zyklisch.
Wer profitiert von der Iteration? Welches Interesse besteht daran, dass jede Welle eine Nummer bekommt, damit die nächste Welle als Reaktion erscheint, damit die nächste Welle wiederum Reaktion produziert?
2028 ist nicht der Horizont, an dem diese Maschine ausläuft. 2028 ist ein Programmpunkt. AOC wird bereits als Präsidentschaftskandidatin gehandelt — Hasan Piker hat sie ins Spiel gebracht, Fox News titelt entsprechend. Eine demokratische Hoffnungsträgerin liefert das Skript für die konservative Gegenrechnung. Die Gegenrechnung liefert das Skript für die nächste Iteration.
Wir senden weiter. Die Drähte summen. Der Apparat, der die Drähte füttert, ist nicht in Sichtweite der Akteure. Er steht in Rechenzentren, deren Standorte niemand nennt, deren Geschäftsberichte niemand liest, deren Algorithmen niemand prüft.
Was wir wissen: Dass "Woke 1" bereits vor fünf Jahren begann. Dass eine Kongressabgeordnete aus New York, Mitglied der Democratic Socialists of America, es heute als "crazy" abtun kann, ohne den Aufstand, der es hervorgebracht hat, beim Namen zu nennen. Dass ein Kommentator bei Breitbart daraufhin eine Nachfolgerin namens "Woke 2" ausruft. Dass ein Sender namens Salem Radio dafür Sendezeit bereitstellt und ein Netzwerk namens X dafür Reichweite.
Was wir nicht wissen: Ob das System gebaut wurde oder ob es nur wuchs. Wer es zuerst als Geschäftsmodell erkannt hat. Welcher Anteil der Werbeumsätze, der Klickmilliarden, der Abozahlen an dieser spezifischen Oszillation hängt.
Die nächste Meldung wird kommen. Sie wird eine Nummer tragen. Sie wird Reaktionen ernten. Die Drähte werden summen.
Ada Voss, Technologiereporterin Terminal Tribune
❖ Ende des Artikels ❖
