Apples neuer Pakt mit dem eigenen Verschleiß
Die Drähte summen. Aus Cupertino kommt ein neues Versprechen, eingepackt in die warme Sprache des Kundenservices. AppleCare One hat Deutschland erreicht. Drei Geräte, ein Vertrag, eine regelmäßige Rate. Was nach Fürsorge klingt, ist bei näherem Hinhören ein Vertrag über die Vorauszahlung des eigenen Defekts.
Beginnen wir mit dem, was die Broschüre nicht erzählt. Ein junger Mann, so steht es in der Frankfurter Allgemeinen, steckt sein iPhone 13 in die Hosentasche und springt in den Pool. Das Telefon war als wassergeschützt verkauft worden. Apple wirbt gern damit. Nur: Flüssigkeitsschäden sind von der einjährigen Herstellergarantie ausgenommen. Wer also genau das tut, wozu die Werbung ihn einlädt, steht mit einem nassen Display da und ohne vertraglichen Schutz. Hier öffnet sich die erste Tür.
AppleCare One springt ein. Gegen Aufpreis, versteht sich. Das ist die Mechanik: Das Gerät wird so gebaut, vermarktet und verkauft, dass seine Alltagsrealität — Schwimmbad, Regen, Kaffeetasse — regelmäßig außerhalb der Garantie liegt. Das Abo verspricht, genau diese Lücke zu schließen. Das ist keine Fürsorge. Das ist das Einhegen eines Risikos, das der Hersteller selbst gestaltet hat.
Und nun zur Logistik des schnellen Tausches. Apple nennt es Express Replacement Service: Das defekte Gerät kommt in eine Schachtel, das Ersatzgerät trifft vorab ein, das alte wird zurückgesendet. Ein reibungsloser Kreislauf. Was wie Bequemlichkeit wirkt, ist buchstäblich die industrielle Routine eines geplanten Austauschs. Das Gerät bricht. Der Vertrag greift. Ein neues wird geliefert. Der Vertrag läuft weiter. Oder wird, so verrät es Apples eigenes Newsroom aus dem Juli, beim Neukauf direkt von Apple umgeschrieben — das alte Produkt fliegt aus dem Plan, das neue rein. Wer mit Apple handelt, bleibt im Vertrag.
Wer profitiert? Der Hersteller, der die Lebensdauer seiner Geräte längst in die Margenkalkulation eingepreist hat. Wer zahlt den Preis? Die Kundin, der Kunde, die regelmäßig für die Möglichkeit zahlen, dass ihr Gerät so versagt, wie es die Werbung verheißt.
Da ist ein zweiter Strang, den man im Auge behalten muss. Das Bundeskartellamt hatte Apple wegen seines App Tracking Transparency Framework auf dem Kieker. Die Bonner Behörde sah den Anfangsverdacht einer verbotenen Ungleichbehandlung: Apple erlegte Drittanbietern strengere Regeln auf als sich selbst. Frankreich und Italien verhängten bereits Geldbußen von zusammengenommen rund 250 Millionen Euro. Polen ermittelt. Nun lenkt Apple ein — die Abfragefenster werden neutraler gestaltet, Drittanbieter bekommen mehr Spielraum beim Verknüpfen ihrer Datenabfragen. Das Verfahren in Bonn ist damit vorerst beendet.
Was hat das mit AppleCare One zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten: alles. Denn Apple ist ein Konzern, der gleichzeitig das Privatleben seiner Nutzerinnen und Nutzer als Werbefläche vermarktet — und nun beginnt, genau diese Fläche auch Dritten wieder zugänglicher zu machen, unter Aufsicht der Wettbewerbshüter, nach Strafen in drei Ländern. Währenddessen wird ein Abo etabliert, das die Kundschaft an den Konzern bindet, solange die Geräte den Geist aufgeben. Das eine ist das Geschäft mit den Daten. Das andere das Geschäft mit der Hardware. Beide Geschäfte leben davon, dass die Menschen im Apple-Universum bleiben.
Unklar bleibt, wie viele deutsche Kundinnen und Kunden AppleCare One in den ersten Wochen seit dem Start tatsächlich angenommen haben — die Zahl nennt das Unternehmen nicht. Ebenso offen ist die Frage, welche Selbstbeteiligungen im Ernstfall fällig werden und inwieweit die Wasserschadenklauseln über die Grenzen der einjährigen Garantie hinaus tatsächlich greifen. Das Versprechen im Newsroom klingt großzügig. Das Kleingedruckte schreibt Apple selbst.
Was bleibt, ist eine schlichte Rechnung: Ein Konzern, dessen Geräte zwischen Werbeversprechen und Garantiebedingungen ein Eigenleben führen, verkauft nun die Versicherung gegen genau dieses Eigenleben. Im selben Konzern werden Datenschutzregeln gelockert, um Werbekunden entgegenzukommen — beaufsichtigt, bestraft, weiterhin unter Verdacht. Wer hier noch von Zufall spricht, hat nicht zugehört.
Die Drähte summen weiter. Ich bleibe dran.
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