Börse 1937
Terminal Tribune

21. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Vierzehn Tote, hundert Verwundete, ein Roboter aus Indonesien

21. August 2026 — Morrison, over and out.

Krywyj Rih, gestern Nachmittag. Während hier der Bourbon warm wird und der Regen gegen die Scheibe peitscht, sterben in der Heimatstadt eines Präsidenten Menschen beim Wocheneinkauf. Vierzehn. Hundertdrei Verletzte. Siebenundzwanzig davon schwer, drei sind Kinder. Das ist keine Meldung. Das ist ein Tatbestand.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Das Einkaufszentrum, sagt Wolodymyr Selenskyj auf Facebook, sei gewöhnlich gewesen. Ein Ort, wo Leute Brot kaufen und nicht Helden spielen. Es wurde in zwei Wellen getroffen. Erst die Drohnen, dann der Brand, dann, eine halbe Stunde später, als die Rettungskräfte längst zwischen den Trümmern arbeiteten, die zweite Welle. Wer so etwas plant, kennt den Unterschied zwischen Krieg und Hinrichtung. Selenskyj nennt es beim Namen: „absolut zynisch und hinterhältig". Er hat recht. Es ist Terror, und zwar die altmodische Sorte, ohne Netz und doppelten Boden.

Krywyj Rih liegt 350 Kilometer südöstlich von Kiew. Vor wenigen Tagen bereits schlugen Kampfdrohnen und ballistische Raketen dort ein. Zwei Tote damals. Jetzt vierzehn. Russland führt seit viereinhalb Jahren diesen Krieg, und seit einigen Monaten, so die offizielle Lesart, nehmen sie verstärkt zivile Ziele ins Visier. Ich notiere: verstärkt. Als wäre das eine Eskalationsstufe, die man auf einer Liste abhaken kann. Als gäbe es ein Kontingent für zivile Opfer, das irgendwer in Moskau genehmigt.

Aber halt. Hier fängt die Arbeit an, die kein Reporter mehr macht, weil sie keiner mehr bezahlt.

Während in Krywyj Rih Trümmer sortiert werden, während Sanitäter um jede Seele kämpfen, geht um die Welt ein Video, das angeblich zeigt, was wir alle längst befürchten: Ein humanoider Roboter, irgendwo in China, dreht durch. Verprügelt Mitarbeiter. Tritt um sich. Zwei Techniker versuchen ihn zu bändigen, vergeblich. Dann beruhigt er sich wieder. 132,6 Millionen Aufrufe auf TikTok, Stand gestern. Die New York Post titelt: „Außer Kontrolle geratener Roboter verteilt Kung-Fu-Tritte, während Techniker versuchen, ihn zu bändigen." YouTube-Kommentare, ganzer Diskurs, ganzer Untergangstraum in Echtzeit.

Ist es echt? Natürlich nicht. Matthias Bau vom Fact-Check-Projekt Correctiv hat sich hingesetzt und nachgeschaut. Sein Urteil vom 29. Juli 2026 ist eindeutig: Falsch. Das Video ist eine Inszenierung, entstanden vermutlich in Indonesien. Der Roboter heißt Joko Prabuwesi. Unter diesem Namen finden sich Profile bei TikTok und Instagram, und wer weiterklickt, sieht denselben Roboter beim Tanzen, in einer Fußgängerzone, beim Smalltalk. Es gibt sogar eine Aufnahme, die zeigt, wie das Originalvideo entstanden sein soll: Die beiden „Techniker", die im vermeintlichen Überwachungsfilm auftreten, steuern den Roboter ganz offenbar selbst.

Ein Auftritt. Eine Performance. Eine Firma, die auf einer Webseite anbietet, Roboter zu Social-Media-Berühmtheiten zu machen. Die Macher wechselten mittlerweile die Untertitel von Indonesisch auf Englisch. Weltpublikum. Auf TikTok erreicht das Video 132,6 Millionen Menschen, während in Krywyj Rih vierzehn echte Leichen gezählt werden.

Und hier beginnt mein eigentlicher Bericht.

Warum erzähle ich Ihnen das alles in einem Atemzug? Weil an einem einzigen Tag zwei Sorten von Chaos gegeneinander laufen. Da sind die echten Toten in Krywyj Rih, namentlich nicht erfasst, weil Identifizierung dauert. Da ist ein dokumentierter Angriff in zwei Wellen, dokumentiert von der ukrainischen Staatsanwaltschaft, dokumentiert vom Militärgouverneur Olexander Hanscha, dokumentiert von dpa. Fakten, die nachprüfbar sind, weil sie stinken, weil sie bluten, weil sie in Trümmer gebettet sind.

Und daneben, in derselben Stunde, dasselbe Aufmerksamkeitsbecken: ein Roboter, der niemanden verletzt hat, der nicht existiert, der in Indonesien geprobt und als China-Sensation verkauft wurde. Eine Lüge, 132 Millionen Mal angeklickt.

Wer profitiert? Schauen Sie genau hin. Der Algorithmus profitiert. Die Firma profitiert, die den Roboter vermarktet. Die Plattformen profitieren, deren Geschäftsmodell Empörung ist. Und in zweiter Reihe, kaum sichtbar, profitiert jeder, der die Aufmerksamkeit von Krywyj Rih ablenken will — ob durch Desinformation aus Moskau, durch algorithmische Verzerrung oder durch die schlicht menschliche Gier nach dem Spektakulären. Das Ergebnis ist dasselbe. Vierzehn echte Tote gehen unter im Rauschen eines erfundenen Roboters.

Correctiv hat das Video zerlegt, Profile verglichen, Hintergründe recherchiert. Das ist Arbeit. Das ist die Arbeit, die Journale wie dieses hier nicht mehr ausführen können, weil die Redaktionen verkauft wurden und die Schreiberlinge in Talkshows sitzen. Fact-Checking ist kein Bonus. Es ist das Skelett, an dem eine Nachricht hängen muss, sonst kollabiert sie beim ersten Windstoß.

Ich sage es Ihnen, weil es mir wichtig ist: Glauben Sie dem Roboter nicht. Aber glauben Sie auch nicht jedem Foto aus Krywyj Rih, das morgen in Ihrem Feed auftaucht. Fragen Sie nach der Quelle. Fragen Sie nach dem Korrespondenten. Fragen Sie nach dem Namen des Toten, wenn Sie den Namen eines Toten lesen. Das ist kein Misstrauen. Das ist die einzige Anständigkeit, die uns geblieben ist.

Draußen regnet es weiter. Evelyn singt unten im Café etwas über verlorene Liebschaften. Die Schreibmaschine klappert. Und in Krywyj Rih zählt jemand noch immer die Namen.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 3 von 3 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Video zeigen Roboter greift Menschen an: Video ist inszeniert

    „Es ist vielmehr eine Inszenierung, die Millionen erreichte.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT Russland greift Einkaufszentrum in Selenskyjs Heimatstadt an

    im Titel der Quelle gefunden

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „Bei schweren russischen Angriffen auf ein ukrainisches Einkaufszentrum sind mehrere Menschen gestorben... Es befand sich in der Heimatstadt des ukrainischen Präsidenten Selenskyj.“

  3. ZAHL mindestens 14 Menschen sterben

    „Bei russischen Drohnenangriffen sind in der südostukrainischen Großstadt Krywyj Rih mindestens 14 Menschen in einem belebten Einkaufszentrum getötet worden.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

2 Quellen · 3 davon belegt · 3 externe Belege · 3 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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