Zehn Millionen Dollar für Assads Schatten: Niemand fragt nach
Es riecht nach verbranntem Geld in Genf. Wieder einmal.
Die Vereinten Nationen haben im vergangenen Jahr rund zehn Millionen Dollar an Firmen überwiesen, die einst dem Regime des gestürzten syrischen Präsidenten Baschar al-Assad dienten. Das sind keine Gerüchte aus irgendeiner dunklen Ecke. Das sind Zahlen aus den im Juli freigegebenen UN-Beschaffungsunterlagen, durchgerechnet vom International Consortium of Investigative Journalists.
Assad ist seit Dezember 2024 nicht mehr an der Macht. Gestürzt, davongefegt von der Geschichte, die er selbst geschrieben hat. Und was tun die Herren in ihren blauen Gebäuden am Genfer See? Sie schicken weiterhin Dollars an die Leute, die ihm dienten.
Mindestens elf Unternehmen, die dem alten Regime nahestanden, haben auch nach seinem Sturz UN-Aufträge erhalten. Eines davon ist Shorouk, eine syrische Sicherheitsfirma. Während Assads Herrschaft kassierte Shorouk mindestens elf Millionen Dollar von den Vereinten Nationen. Im Dezember 2025 hat das ICIJ aufgedeckt, was die Welt eigentlich längst hätte wissen müssen: Shorouk gehörte heimlich einer Abteilung von Assads Geheimdiensten. Hilfsgelder flossen direkt in eine Behörde, die wegen Folter und Mord an syrischen Zivilisten sanktioniert ist.
Aber das ist nicht alles. Shorouk hat im Jahr 2025 weitere 1,6 Millionen Dollar von den UN erhalten. Nur unwesentlich weniger als im Jahr zuvor.
Dann gibt es ProGuard. Auch eine Sicherheitsfirma. Auch ein Assads-Mann. 2,2 Millionen Dollar im Jahr 2025, der größte Sicherheitsauftragnehmer der UN in Syrien überhaupt. Unter Assad gehörte ProGuard einem Geschäftsmann und ehemaligen Parlamentarier, der von der Europäischen Union und Großbritannien sanktioniert wurde, weil er das syrische Regime unterstützte.
Die Frage, die sich aufdrängt, ist nicht ob hier jemand wegsieht. Die Frage ist: Wie ist das möglich? Wie kann eine Organisation, die sich die Förderung von Frieden und Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat, weiterhin Geld an die Leute schicken, die Folter und Mord finanziert haben?
Die Antwort liegt in einer Choreografie des Vergessens. Die syrische Regierung hat im Geheimen undurchsichtige Deals mit Assads Wirtschaftsoligarchen ausgehandelt. Im Gegenzug für die Erlaubnis, in Syrien weiterarbeiten zu dürfen, haben diese Geschäftsleute einen großen Teil ihres Vermögens abgegeben. So werden aus Tätern Kooperationspartner. So wird aus Blut Geld. So nennt man es, wenn das System sich selbst überlebt.
Das UN-Landteam in Syrien erklärte gegenüber dem ICIJ, dass Shorouk und ProGuard nach Assads Sturz unter die „Verwaltung" einer neuen Firma gestellt wurden: Defense Safe. Diese neue Firma habe die Unternehmen unter ihrem Dach konsolidiert, „nach der Entlassung ihrer früheren Direktoren". Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP verlängerte seinen Vertrag mit Shorouk monatlich durch das Jahr 2025 hindurch. Die meisten Shorouk-Mitarbeiter wurden inzwischen an einen dritten Sicherheitsauftragnehmer übergeben, al-Fajr, der ebenfalls in Defense Safe integriert wurde.
Was hier passiert, ist ein Spiel mit drei Karten. Erst Shorouk und ProGuard. Dann Defense Safe. Jetzt al-Fajr. Die Namen wechseln. Die Gesichter bleiben. Das alte Regime hat sich nicht aufgelöst — es hat umfirmiert.
Experten sagen, dieses Vorgehen sei geheim und planlos und untergrabe die Bemühungen um Übergangsgerechtigkeit. Aber wer hat diese Experten überhaupt gefragt? Wer hat dieses Vorgehen genehmigt? Wer hat das Geld freigegeben? Welcher Beamte in New York, welcher Direktor in Genf hat unterschrieben, ohne hinzusehen?
Die UN-Sprecher schreiben Antworten. Sie schreiben, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Sie schreiben, dass die Firmen unter neuer Verwaltung stünden. Sie schreiben das, was sie schreiben müssen.
Unklar bleibt, wer in den Hauptquartieren diese Verträge tatsächlich genehmigt hat. Unklar bleibt, welche Sorgfaltsprüfungen stattgefunden haben. Unklar bleibt, ob die neuen Eigentümer von Defense Safe, al-Fajr und Co. tatsächlich unabhängig sind — oder ob das alte Netzwerk nur einen anderen Anzug trägt.
Was bleibt, ist dies: Die Vereinten Nationen, gegründet nach den Gräueln des letzten Krieges, gegründet als Antwort auf die Verbrechen der Menschheit, zahlen weiterhin Geld an die Architekten syrischen Leids. Sie nennen es Beschaffung. Sie nennen es Verwaltung. Sie nennen es, wie sie es nennen müssen.
Aber die Toten in den syrischen Gefängnissen wissen, was es wirklich ist.
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