Merz schreit, Ben-Gvir schweigt — und die Koalition hält den Atem an
Berlin. Es regnet. Wie immer, wenn jemand in dieser Stadt etwas Wichtiges sagt, das er eigentlich nicht sagen will. Bundeskanzler Friedrich Merz lässt über einen Sprecher mitteilen. Nicht selbst. Nicht im Bundestag. Nicht vor Kameras. Ein Sprecher. Ein Mann ohne Gesicht, ohne Stimme, ohne Risiko. So spricht man in der Wilhelmstraße, wenn man sich die Hände schmutzig machen will, aber den Anzug nicht ruinieren möchte.
Was sagt der Sprecher? Dass der Kanzler die gezielte Tötung von Palästinensern im Gazastreifen entschieden ablehnt. Menschenverachtend, nicht hinnehmbar. So steht es in den Depeschen, so hört man es in den Funkhäusern, so liest es die Welt am Morgen über ihren Kaffee. Die Bundesregierung kritisiert. Der Zentralrat der Juden äußert sich. Alles ordnet sich in seine Reihe.
Aber hört hin. Hört genau hin.
Itamar Ben-Gvir ist kein Hinterbänkler. Er ist Minister für nationale Sicherheit in einer Regierung, die der Kanzler — dieselbe Regierung, deren Existenz von der Stillhaltung der internationalen Gemeinschaft abhängt — öffentlich umarmt wie einen Bruder, der beim Familienfest zu viel trinkt. Ben-Gvir hat nicht geflüstert. Er hat Zahlen genannt. Dreißig bis vierzig pro Nacht. So wie ein Schlachter seine Ausbeute kalkuliert. Das ist kein Ausrutscher. Das ist Programm. Das ist die Sprache einer Koalition, die ihre eigene Ideologie nur noch in Schüben ausspuckt, weil der Druck von rechts die Mitte frisst.
Und jetzt kommt Merz. Und was tut er? Er verurteilt. Öffentlich. Laut. Auf dass jeder höre, dass Deutschland nicht schweigt. Dass Berlin Haltung zeigt. Dass man in dieser Sache ein Gewissen hat.
Fragt sich nur: wessen Gewissen.
Man muss verstehen, was hier gespielt wird. Es geht nicht um Gaza. Es ging nie um Gaza in dem Moment, in dem der Kanzler seinen Sprecher losschickte. Es geht um eine Koalition, die im eigenen Land wankt. Es geht um eine Regierungsmehrheit, die jeden Tag daran erinnert werden muss, dass sie noch steht. Es geht um die Wiederbelebung eines moralischen Kapitals, das die Bundesrepublik seit dem Sieben-Oktober-Krieg mit jedem Tag mehr verspielt — nicht durch Schweigen, sondern durch das falsche Schweigen. Durch das Schweigen, das dann bricht, wenn es gerade noch rechtzeitig ist, um Schaden abzuwenden, aber zu spät, um etwas zu verhindern.
Wer also profitiert?
Merz profitiert. Er kann zeigen, dass er den Hebel kennt. Dass er eingreift. Dass er die Sprache der Menschenrechte noch buchstabieren kann, auch wenn seine Außenpolitik in den vergangenen Monaten wenig davon verriet. Die Verurteilung kommt nicht aus Überzeugung. Sie kommt aus Notwehr. Aus der Notwehr einer Führung, die sonst nichts hat als das Image des Anstands.
Ben-Gvir profitiert. Jeder, der ihn öffentlich angreift, macht ihn größer. Jede Empörung aus dem Ausland ist Wasser auf seine Mühle. Er ist der Mann, der ausspricht, was die Siedlerbewegung seit Jahren denkt. Berlin kann ihn nicht zähmen, indem man ihn tadelt. Man stärkt ihn.
Und die Koalition in Jerusalem? Sie atmet kurz durch. Sie muss nicht reagieren. Sie muss nur abwarten, bis der nächste Skandal aus Israel die Schlagzeilen zurückdreht. Die Bundesregierung hat den Ball aufgenommen, ihn ein wenig hochgeworfen und wird ihn bald wieder vergessen. So funktioniert das.
Was bleibt, ist die Frage, die niemand stellt: Was hat Merz eigentlich gesagt, als Ben-Gvir zum ersten Mal seine Sprache verschärfte? Damals, vor Wochen, als die Drohungen begannen und die Welt wegschaute? Damals, als das Töten in Gaza schon Alltag war und die Berliner Pressekonferenzen weiterliefen wie das Räderwerk einer gut geölten Maschine? Nichts. Der Kanzler schwieg. Wie er schwieg, als die Waffenlieferungen diskutiert wurden. Wie er schwieg, als das Völkerrecht gebeugt wurde. Wie er schweigt, wenn Schweigen billiger ist als Reden.
Heute redet er. Heute ist der Preis des Schweigens höher als der Preis des Redens. Morgen wird er wieder schweigen. Das ist die Mechanik. Das ist die Struktur hinter dem Vorhang.
Evelyn unten im Café singt etwas von Liebe. Es klingt wie eine Lüge, aber eine schöne. Der Bourbon ist leer. Die Schreibmaschine klappert noch ein wenig, dann verstummt sie.
Was bleibt, ist ein Satz, der nicht aus dem Kanzleramt kommt, sondern aus dem Rauch dieser Stadt: In Berlin wird nicht verurteilt, weil man es meint. Man verurteilt, weil man muss. Und das ist der Unterschied, der alles ist.
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