LEERE FREQUENZ — HONGKONG POST HÖRT DAS SIGNAL NICHT MEHR
Repulse Bay. Werktag, Vormittag. Das Postamt steht fast leer wie ein Empfangsraum ohne Sendung. In einer Stunde gehen fünf Kunden durch die Tür, zwei Beamte bedienen sie. Einer von ihnen ist Dicky Lo, dreiundvierzig, freier Mitarbeiter, der ein Paket nach Europa schickt. Er kommt zwei-, dreimal im Monat. Meist um Online-Bestellungen abzuholen. „Nicht viele Bewohner nutzen diese Filiale. Genau deshalb mag ich sie — keine Schlange."
Wer weiterliest, hört das eigentliche Signal: Die Post lebt, weil der elektronische Handel sie am Leben hält. Nicht weil sie Briefe trägt. Was hier stirbt, ist eine Infrastruktur. Was überlebt, ist ein anderes Geschäft — und es gehört nicht mehr der Post.
Acht Jahre in Folge Verluste. Fünf Filialen mit einem Produktivitätsindex unter fünfzig Prozent. Die Regierung hat beim Legislativrat 4,6 Milliarden Hongkong-Dollar, rund 510 Millionen US-Dollar, als Rettungsschirm für die nächsten drei Jahre beantragt. Das ist kein Reformprogramm. Das ist ein Aufschub auf Pump.
Die Frage ist nicht, ob Hongkong Post profitabel sein muss. Die Frage ist, wessen Geschäftsmodell hier gerade abgeschrieben wird — und wessen Kasse die Abschreibung bezahlt.
Hören wir die Frequenzen ab. Da ist zunächst der Bericht der Audit Commission von 2024, der den Personalkosten den schwarzen Peter zuschiebt. Das ist bequem. Das ist auch das Einzige, was man anfassen kann, ohne Verträge zu zerreißen, die über die Post hinausgehen. Aber wer wirklich zahlt, ist nicht die Belegschaft. Es ist ein Modell, das die Post als Selbstfinanzierer baute — in einer Zeit, in der die Regierung selbst mit iAM Smart das Briefaufkommen systematisch trockenlegt.
Vier Millionen Nutzer bis Ende 2025 auf der digitalen Plattform. Wasser, Strom, Steuer — alles wandert in die App. Was bleibt der Post? Pakete. Aber Pakete sind das Geschäftsfeld privater Kuriere. Hongkong Post überlebt dort nur, weil sie billig ist und weil sie in Stadtteilen steht, die der Wettbewerb längst gemieden hat. Der Bürger an der Repulse Bay sagt es selbst: „Sie sind anders als private Kuriere." Ja. Sie sind günstiger. Das ist nicht dasselbe wie zukunftsfähig.
Dänemark hat den Schnitt bereits gemacht. PostNord stellte zum Jahresende 2025 die Briefzustellung ein. Das Land ist zu fünfundneunzig Prozent digitalisiert — eine andere Ausgangslage als Hongkong. Aber das Prinzip ist dasselbe, das jede Telegraphenstation im vorigen Jahrhundert lernen musste: Wenn das Signal woanders ankommt, wird der Mast zur Immobilie.
Hongkong hat diese Entscheidung noch nicht getroffen. Die Reform-Roadmap soll 2028 stehen. Drei Jahre, in denen Gelder fließen, Stellen abgebaut werden und niemand sagt, was die Post eigentlich noch sein soll. Öffentlicher Auftrag? Billige Logistik für den Onlinehandel? Soziale Anlaufstelle für jene, die keine App bedienen? Alles gleichzeitig, nichts davon vollständig.
Wer profitiert vom langen Schweigen? Die Immobilienwerte der Poststandorte, die irgendwann freigegeben werden. Die digitalen Plattformen, die jedes verdrängte Amt als neuen Nutzer verbuchen. Die privaten Kuriere, deren Margen steigen, sobald sich die Post zurückzieht. Die Verwaltung selbst, die mit jedem iAM Smart-Klick einen kleinen Souveränitätsgewinn verbucht — weniger sichtbare Briefkästen, mehr sichtbare Bildschirme. Und die Politik, die eine unpopuläre Grundsatzentscheidung in eine „Roadmap" verschieben kann, die erst in drei Jahren verbindlich wird.
Was bleibt offen? Wer entscheidet am Ende, ob Hongkong Post öffentliche Aufgabe bleibt — oder ob das Modell „Rettungsschirm plus Personalabbau" das letzte Kapitel ist? Warum wird die Reform-Roadmap erst 2028 vorgelegt, wenn die Bilanz längst schreit? Welche Rolle spielen die fünf unproduktiven Filialen als Verhandlungsmasse im Geschäft mit künftigen Partnerschaften zwischen Staat und Privatwirtschaft? Und wer hat eigentlich das Mandat, einer ganzen Stadt zu sagen, dass Briefkästen keine Infrastruktur mehr sind?
Das Wirtschaftsministerium und Hongkong Post haben im Juni eine breitere Überprüfung des Betriebsmodells angekündigt. Internationale Praktiken, öffentlich-private Partnerschaften, Kommerzialisierung — die Sprache ist offen genug, um jede Richtung einzuschlagen. Sie ist auch leer genug, um nichts festzulegen.
Ada Voss hört weiter. Die Drähte summen leiser als früher. Aber sie summen noch.
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