Spinne aus der Maschine: Wie die Drähte der Täuschung gesponnen werden
Ein Outfielder der Washington Nationals hängt am Zaun wie Peter Parker, und das Netz zittert. Jacob Young schnappt den Ball, dreht sich, wirft zurück zur ersten Base — Spielzug beendet. Ein Fang, der in den Kabeln hängenbleibt. Dreißig Sekunden Spektakel, das jeder Sportredakteur gerne verkauft. Solche Bilder sind das Heroin der Klickrate: niedrigschwellig, eingängig, viral. Sie brauchen keine Erklärung, nur ein Netz, an dem man kleben bleibt.
Doch die Spinne, die da am 23. August 2026 am loanDepot Park die Wand hochklettert, ist eine harmlose Verwandte. Die gefährliche krabbelt auf einem ganz anderen Boden. Im August 2026 kursiert ein Bild, das angeblich eine „spinnenförmige Felsformation" auf der Marsoberfläche zeigt — aufgenommen vom NASA-Rover Curiosity. Es sieht aus wie ein Insekt mit Beinen. Es sieht aus wie Leben. Es sieht aus wie das, was jeder sehen will.
Ich habe das Bild durch die Mangel gedreht. Snopes hat es getan. Das Urteil: FAKE.
Bevor wir weitergehen: Der Fang von Young ist echt, die Fakten sind von AP, von Fox News, von MLB.com belegt. Hier geht es nicht um ein Baseball-Spielzeug. Hier geht es um das, was die Maschine mit unseren Augen macht, wenn wir bereit sind, Spinnen zu sehen, wo keine sind.
Das Mars-Bild tauchte zuerst am 2. August 2026 auf der Facebook-Seite „Space Journey" auf. Begleitet von einer Erzählung, die es einem Wissenschaftler gleichtun möchte: Natürliche geologische Prozesse, Formung durch Wind und Staub, keine Hinweise auf Leben. Hübsch formuliert. Hübsch eingebettet. Und genau die Stimme, die ein desinformiertes Publikum hören will — beruhigend, halbamtlich, aber ohne Quelle.
Ich höre auf den Drähten. Also prüfe ich. Snopes lädt das Bild in Google Lens, sucht rückwärts. DuckDuckGo, Google, Yahoo. Ergebnis: kein NASA-Eintrag, keine seriöse Berichterstattung, kein Beleg. Wenn der Curiosity-Rover eine solche Formation fotografiert hätte, würde die NASA darüber berichten. Tat sie nicht.
Also weiter. Das Bild zeigt einen Rover ohne Schatten unter seinem Bauch, während die „Spinne" einen Schatten wirft. Lichtgesetz Nummer eins: dieselbe Lichtquelle, derselbe Schatten. Hier nicht. Facebook hat den Beitrag selbst mit „AI Content" etikettiert — ein digitales Wasserzeichen, das die Plattformen einsetzen, wenn generative Werkzeuge verwendet wurden. Metas eigenes KI-Identifikationstool bestätigt: mit den eigenen Werkzeugen erzeugt.
Das letzte Indiz: Der Bildtext behauptet, die Aufnahme stamme von Sol 3987. Curiosity schickte an jenem Tag tatsächlich Bilder zurück. Nicht dieses. Nie dieses. Die Datierung stimmt, der Inhalt nicht.
Soweit die Mechanik. Nun zur Frage, die mich umtreibt: Wer hat das gesponnen? Der Verursacher ist unbekannt — das schreibt Snopes selbst, und ich werde hier nichts erfinden. Was wir wissen: Das Bild wurde mindestens zweimal auf Facebook veröffentlicht, einmal auf Reddit geteilt, es erreichte genug Reichweite, dass Leser den Fact-Check-Dienst überhaupt anschrieben. Es wurde also nicht in einem geschlossenen Kreis verbreitet. Es trat hinaus.
Wer profitiert? Das ist die Frage, die offen bleibt. Klickrate, algorithmische Belohnung, das Ökosystem der Plattformen, das auffällige Bilder bevorzugt — all das sind mögliche Geschäftsmodelle, belegt sind sie nicht. Unklar bleibt, wer den Faden zuerst gezogen hat.
Und hier kommt Young ins Spiel — nicht als Vergleich, sondern als Sonde. Sein Spider-Man-Fang ist die ästhetische Schwester der Mars-Spinne. Beide nutzen unseren Instinkt, Muster zu erkennen, wo keine sind. Wir sehen einen Mann am Zaun und denken Superheld. Wir sehen einen Fels auf dem Mars und denken Außerirdisches. Je öfter wir die harmlose Version feiern, desto leichter nimmt uns die giftige beim nächsten Mal mit.
Die Maschine, die solche Bilder erzeugt, lügt nicht in dem Sinn, dass sie lügt. Sie rechnet. Sie erzeugt, was gemocht wird. Und das, was gemocht wird, sind Geschöpfe mit Beinen und Zähnen, Geschichten mit Helden, Geschichten mit Monstern. Wer das versteht, braucht keine Verschwörung, um Desinformation zu erklären — nur ein Geschäftsmodell.
Mein Lötkolben summt. Der Kaffee ist kalt. Und die Spinne auf dem Mars ist so echt wie die Wand, an der Young hing — nämlich nur so weit, wie wir bereit sind, die Augen zu schließen und die Fäden zu greifen, die uns jemand hinhält. Wir übersetzen weiter. Aber hört zu, wohin die Drähte führen: in eine Werkstatt, die wir nicht sehen, und in eine Mechanik, die wir gerade erst lernen zu lesen.
❖ Ende des Artikels ❖
