Börse 1937
Terminal Tribune

24. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

EL CHAPOS ERSTE STUNDEN: VIER VIDEOS, EINE QUELLE, NULL GEWISSHEIT

24. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. In meinem Büro riecht es nach Lötzinn und kaltem Kaffee, und auf dem Schreibtisch liegt ein Zettel aus der Redaktion: neue Bilder von El Chapo, dem Mann, den die Welt seit Jahren kennt wie einen Geist aus Blei und Koks. Die New York Post meldet, die mexikanische Zeitung El Universal habe vier bearbeitete Videos veröffentlicht, die Joaquín Guzmán Loera in den ersten Stunden nach seiner Festnahme am 8. Januar 2016 zeigen sollen. Gefangen nach dem Auftauchen aus einem Mannloch in Los Mochis, Sinaloa. Zusammen mit seinem Leibwächter Orso Iván Gastelum, genannt El Cholo Iván.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Bevor ich weiterblättere, halte ich inne. Denn die Frage ist nicht zuerst, was El Chapo sagt. Die Frage ist: wer liefert das Material, wer schneidet es, wer veröffentlicht es, und wer profitiert von diesem Zeitpunkt.

El Universal ist eine mexikanische Tageszeitung mit Reichweite, aber auch mit Besitzverhältnissen, die kein redlicher Ermittler ungefragt lässt. Unklar bleibt, aus welcher Quelle die Zeitung die Bänder erhielt. War es eine offizielle Stelle? Ein Insider? Ein Kopiervorgang aus einem Militärhangar? Die Post schweigt dazu. Und El Universal, soweit ich es von hier, zwischen Lötkolben und Kaffeetasse, beurteilen kann, schweigt ebenso.

Das Material selbst: vier Videos. Bearbeitet. Das heißt, jemand hat geschnitten. Jemand hat entschieden, welche Einstellung bleibt, welche fliegt. Im ersten Film wäscht El Chapo sich das Gesicht, bittet um Seife, fragt, ob es den Augen schade. Ein Polizist hält seine Hände unter den Spender. Im zweiten sitzt er, handschellen-tragend, im Wagen und verneint Misshandlung. Im dritten sagt er den Militärs, er habe seinen Leuten verboten, für ihn zu kämpfen: Es sei nicht ratsam, dass Leute mit der Regierung kämpfen, es werde keinen Krieg geben. Im vierten sitzen er und sein Leibwächter mit verhüllten Köpfen im Flugzeug.

Das klingt wie Beweismaterial. Es riecht aber auch nach Inszenierung. Denn El Chapo ist ein Mann, der Aussagen macht, die ihm nützen. Dass er 2016 in Gewahrsam sagt, es werde keinen Krieg geben, steht in scharfem Kontrast zu dem, was am 17. Oktober 2019 in Culiacán geschah. Damals stellten Angehörige des Sinaloa-Kartells Straßensperren auf, zündeten Fahrzeuge an und führten einen kriegsähnlichen Angriff durch, um seinen Sohn Ovidio Guzmán López kurzzeitig zu befreien — bis der damalige Präsident Andrés Manuel López Obrador die Freilassung anordnete. Wer also behauptet, der Kartell habe nie für ihn gekämpft, sagt das vor Männern, die ihn festhalten, mit Gründen, die nur er kennt.

Nun zum Medium. Wir leben in einer Zeit, in der ein YouTube-Kanal — Aristegui Noticias — das Video weiterverbreitet. In meiner Zeit, 1937, hieße das: ein Radiosender spielt eine Tonband-Aufzeichnung. Damals wie heute gilt: wer das Band besitzt, besitzt die Geschichte. Das digitale Material lässt sich schneiden, beschleunigen, einfärben, mit Untertiteln versehen, in Endlosschleifen senden. Es lässt sich aber auch zurückverfolgen — wenn man die Mittel hat. Hat El Universal diese Mittel offengelegt? Unklar.

Hier zücke ich mein Fact-Check-Werkzeug. Snopes, eine Kollegin im Geschäft, hat kürzlich eine Behauptung über die Aktivistin Marion Stokes geprüft. Stokes, eine schwarze sozialrechtliche Aktivistin und TV-Produzherin, soll von 1979 bis zu ihrem Tod im Dezember 2012 Fernsehnachrichten aufgenommen haben — auf bis zu acht Videorekordern gleichzeitig, mit über 70.000 Bändern. Die ursprüngliche Behauptung, sie habe 300.000 Stunden Material gesammelt, wertete Snopes als Mischung aus wahr und unbestimmt. Die genaue Dauer ließ sich nicht belegen.

Was hat das mit El Chapo zu tun? Mehr als man denkt. Stokes' Projekt entstand, weil TV-Sender ihre eigenen Archive löschten, um Speicher zu sparen. Niemand behielt die Aufzeichnung. Also behielt sie sie. Heute, da digitale Bänder, Festplatten und Cloud-Speicher jeden Clip aufbewahrbar machen, gilt das Gegenteil: zu viel Material, zu viele Schnitte, zu viele Hände im Spiel. Wer kontrolliert das Rohmaterial? Wer entscheidet, was veröffentlicht wird? Bei den El-Chapo-Videos ist die Antwort: ein einziger mexikanischer Verlag, dessen Quelle wir nicht kennen, gesendet über einen mexikanischen YouTube-Kanal, aufgegriffen von der New York Post.

Eine einzige Quelle. Das ist die rote Flagge. In meinem Geschäft — und ich habe als Telegraphistin angefangen, dann Funk, dann Radar — bedeutet eine einzige Quelle: Halt. Bevor wir das drucken, muss das Band selbst vor. Das Original muss verifiziert werden. Nicht nur der Inhalt, sondern die Kette: Wer hat aufgenommen? Mit welchem Gerät? Wo wurde es gelagert? Wer hat es an El Universal übergeben? Welche Stellen sind echt, welche nachgesprochen? Ist der Ton ungeschnitten, oder wurde er aus verschiedenen Takes zusammengesetzt?

Denn die Technik lügt nicht, aber sie lässt sich belügen. 1937 wie 2026.

Frauen in meinem Beruf, 1937 — wir existieren offiziell nicht. Ich sitze trotzdem hier. Ich höre Frequenzen, die anderen zu hoch sind. Und was ich heute höre, ist dies: vier Videos, ein Kartellboss, ein mexikanischer Verlag, ein amerikanisches Boulevardblatt, und die Behauptung, der gefährlichste Drogenhändler der Welt habe seinen Killern den Kampf verboten — serviert auf einem YouTube-Kanal, an einem Samstag im August 2026.

Bevor ich das setze, warte ich auf eine zweite Stimme. El Universal direkt. Das mexikanische Verteidigungsministerium. Den Bericht zur Auslieferung in die Vereinigten Staaten. Ein zweites Medium, das das Material unabhängig prüft. Nicht weil ich El Chapo glaube — ich glaube ihm kein Wort. Sondern weil ich weiß: wer das Band besitzt, besitzt die Wahrheit. Und die Wahrheit gehört mir nicht. Sie gehört denen, die sie nachprüfen.

Bis dahin: ein Foto von Guzmán im Hubschrauber, ein AFP-Bild, ein Siegel der Quelle — und der Hinweis an die Leserschaft, dass diese Aufnahmen bislang nur über eine einzige Kette verbreitet wurden. Wer zahlt den Preis, wenn das Band ein Schnitt ist? Nicht El Chapo. Nicht die Redaktion. Die Geschichte.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZAHL mehr als 300K Stunden Nachrichtenmaterial

    „Over 300,000 hours of television.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT Der berüchtigte Drogenbaron bestand darauf, dass sein Kartell ihn nicht aus dem Gefängnis retten würde

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

2 Quellen · 1 davon belegt · 3 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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