Verrückt erklärt und dann zerstört: Das Muster hinter der Eskalation
Die Schreibmaschine klackt. Bourbon daneben, kalt. Draußen zieht ein Hund über die Gosse, der Regen hat aufgehört, das Licht aus dem Café unten sieht aus wie eine angeschlagene Kerze. Ich muss Ihnen etwas zeigen, das in diesen Tagen durch die Nachrichten geistert wie ein Schatten, den niemand greifen will.
Ein Aufsatz. The Intercept, dreizehnter August dieses Jahres. Zwei Männer zeichnen ihn: Eli Clifton, investigativer Reporter, Mitgründer des Quincy Institute, dort Senior Adviser. Ian S. Lustick, Emeritus auf dem Bess-W.-Heyman-Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der University of Pennsylvania. Keine kleinen Namen. Leute, die wissen, wo die Archive liegen.
Worum geht es? Um ein Buch aus dem Jahr 1971. Geschrieben von einem gewissen Yehezkel Dror, damals Professor an der Hebrew University, mittlerweile zweiundneunzig. Dror hat sich selbst gern als Schüler Herman Kahns inszeniert – jenes Amerikaners, der das „Undenkbare" zu denken lehrte, den thermonuklearen Krieg. 2005 bekam Dror den Israel-Preis für seine Arbeit an politischer Planung und strategischem Denken. Ein dekorierter Mann also.
Und was schreibt dieser dekorierte Mann? Er schreibt über „Crazy States: A Counterconventional Strategic Problem". Über Staaten, die mächtig genug sind, sich radikal gegen jede Norm zu stellen. Über „Verrücktheit" als Strategie. Das Konzept war in den Sechzigern nicht neu – Thomas Schelling, wiederum Kahn, hatten im Kontext nuklearer Abschreckung darüber nachgedacht: Wie gewinnt eine Drohung Glaubwürdigkeit, wenn der Drohende als irrational gilt?
Aber Dror dreht den Hebel um. Er sagt nicht: „Seid verrückt, damit eure Drohung funktioniert." Er sagt etwas anderes. Wenn ein normaler Staat einen Gegner als „verrückt" etikettiert, dann muss dieser normale Staat umschalten. Weg von Abschreckung, weg von Selbstverteidigung. Hin zu Zerschlagung. Hin zu Präventivschlag. Hin zu jedem Mittel, das nötig ist, inklusive Subversion, inklusive präventiver Kriegführung. Der unausgesprochene Subtext – so Clifton und Lustick – sei es gewesen, alle Gegner Israels als „verrückt" zu brandmarken und auf diese Weise, im Vorhinein, jede Eskalation zu rechtfertigen. Jede.
Und Dror selbst? Er hat sich nicht versteckt. Im Juli 2020 sprach er mit Aluf Benn, dem Chefredakteur von Haaretz. Dror pries die israelische Führung dafür, dass sie 1948 so viele Palästinenser aus dem Land getrieben habe. Er bestand auf der Richtigkeit seines Plans für einen israelischen Angriff auf den Iran. Er lobte Trumps „Deal of the Century" von 2020. Er forderte eine Weltregierung, geführt von philosophischen Königen. In seinem Buch aus dem Jahr 2020, „Steering Human Evolution", trat er dafür ein, tausend fruchtbare Paare auf dem Mars zu siedeln, damit die Menschheit nicht ausstirbt. Er nannte den Zionismus den „Kernsinn seines Lebens" und sprach von seinem Beitrag zu einer „totalen Revolution in der Geschichte des jüdischen Volkes, auf dem Weg vom Holocaust zur Wiedergeburt".
Ich wiederhole das nicht, weil ich diese Sätze bequem finde. Ich wiederhole sie, weil in ihnen ein Muster liegt. Wer Zivilisation auf den Mars retten will und gleichzeitig die Vertreibung von 1948 als vorbildliche Leistung feiert. Wer eine Weltregierung nach antikem Vorbild ersehnt und gleichzeitig dem eigenen Stamm eine Ausnahmestellung zuspricht. Wer so redet, der hat ein Problem mit dem Konzept „normal". Für ihn ist „normal" gar keine neutrale Kategorie. Es ist eine Waffe.
Und hier, lieber Leser, beginnt die Mechanik, die ich Ihnen zeigen will. Es geht nicht mehr um Dror als Person. Es geht um die Architektur.
Stellen Sie sich die Mechanik vor. Sie brauchen ein Feindbild. Aber nicht irgendeins. Sie brauchen ein Feindbild, das jede Reaktion Ihrerseits als Notwehr erscheinen lässt. Sie brauchen ein Etikett, das nach internationalem Recht – nach dem Nerv aller Tribunale, die je zusammentreten werden – als Auslöser funktioniert. „Wahnsinn" ist ein solches Etikett. „Wahnsinn" sagt: Hier kann man nicht verhandeln. Hier hilft nur noch Vernichtung. Hier ist jeder noch so harte Schritt legitim, weil die Gegenseite irrational ist.
Und genau das schreibt Dror 1971: Wenn ein Staat „verrückt" ist, dann ist der „normale" Staat berechtigt – nein: gezwungen –, von Abschreckung auf Zerschlagung umzuschalten.
Clifton und Lustick weisen auf den unausgesprochenen Subtext hin. Sie schreiben ihn nicht aus, sie deuten ihn an. Sie nennen das Etikett „nicht so versteckt". Sie sagen, es habe darum gegangen, alle Gegner Israels als „verrückt" zu brandmarken, um im Vorhinein jede Maßnahme zu rechtfertigen.
Und nun, im August 2026, schreibt Snuffysmiths Blog – ein Korroborationsfaden, wenn Sie so wollen – unter dem Titel: „Israel Justified Its Wars by Calling Enemies 'Crazy.' Now, the Warning Signs All Apply to Israel." Mit einer Beobachtung: Der Krieg am Golf habe zwei amerikanische arabische Verbündete geschwächt. Europe Says und Google News greifen die Schlagzeile auf. Der Mechanismus, einmal in die Welt gesetzt, kehrt zu seinem Erfinder zurück.
Das ist der Punkt, an dem mein Notizbuch zittert. Nicht weil ich Dror für einen Narren halte. Sondern weil ich beobachte, wie eine Doktrin funktioniert. Eine Doktrin, die in einem Buch aus dem Jahr 1971 formuliert wurde, die einen Israel-Preis bekam, die in höchsten Redaktionen besprochen wurde. Eine Doktrin, die sagt: Wer seinen Feind als wahnsinnig etikettiert, der kauft sich das Recht auf den Präventivschlag. Im Vorhinein. Ohne Beweis. Ohne Tribunal.
Offen bleibt, und das sage ich Ihnen offen: Ich weiß nicht, ob diese Doktrin in den Entscheidungsstäben der heutigen Regierungen als Handlungsanleitung dient. Ich weiß nicht, welche Berater welche Seminare gelesen haben. Ich weiß nicht, ob das Etikett „Wahnsinn" in den internen Papieren jener Staaten, die wir gerade beobachten, überhaupt eine Rolle spielt. Das alles ist nicht belegt. Was belegt ist, ist das Muster: ein Buch, ein Preis, eine Empfehlung, ein unausgesprochener Subtext. Mehr nicht. Aber Muster, meine Herrschaften, sind in meinem Geschäft die einzigen Spuren, die bleiben, wenn die Dokumente unter Verschluss liegen.
Ich will nicht spekulieren. Ich will, dass Sie sehen, was vor Ihren Augen liegt. Eine Architektur, in der ein Etikett zur Vorab-Rechtfertigung wird. Eine Architektur, in der „Wahnsinn" als außenrechtlicher Köder ausgelegt wird. Eine Architektur, in der jeder, der dieses Etikett akzeptiert, bereits die nächste Eskalation unterschrieben hat.
Die Schreibmaschine klackt noch einmal. Evelyn unten singt etwas, das nach Gin klingt. Der Hund von vorhin ist verschwunden. Und ich frage mich, ob es je einen Unterschied gemacht hat, ob ein Staat „verrückt" ist oder ob er nur so etikettiert wird. Für die Bombe, die fällt, ist der Unterschied gleich null.
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