Petros Bürgerkrieg: Warum ausgerechnet Avicii?
Ich sitze in Wien. Unter dem Schreibtisch steht der kleine Koffer. Er steht da seit 2015.
In Cali haben kolumbianische Polizisten am Mittwoch einen Bus entschärft: sieben Zylinder Ammoniumnitrat, vierhundertzwanzig Kilogramm. Sieben versteckte Abschussrampen. Zwanzig Minuten vor der Stadt, in der am Freitag Abelardo de la Espriella als Präsident vereidigt werden soll. Elftausend Polizisten sind postiert. Gesucht wird Jaime "Mad Max" Martínez, FARC-Kommandant. Kopfgeld: fünfhundert Millionen Pesos. Die kolumbianische Justiz behandelt die Drohung ernst.
Am Montag hat Gustavo Petro die erwartete Pressekonferenz geliefert: Werde de la Espriella vereidigt, drohe Bürgerkrieg. Die Wahl sei gestohlen, ausländisches Geld, ausländische Finger, Israel habe manipuliert, weil der gewählte Kandidat versprochen habe, die diplomatischen Beziehungen nach Jerusalem wiederherzustellen. Beweise legt Petro seit Monaten nicht vor. Iván Cepeda, sein eigener Mann, hat die Niederlage bereits eingeräumt. Die Stichwahl am 21. Juni ging an de la Espriella. Internationale Beobachter feierten sie als eine der saubersten Wahlen, die Amerika je gesehen hat. Bernie Moreno, republikanischer Senator aus Ohio, war vor Ort und nannte das Verfahren lehrbuchwürdig. Petro brach sein Versprechen, beim Übergang zu helfen, reiste stattdessen nach Kuba — und kehrte mit der Bürgerkriegsdrohung zurück.
In diese Tage fällt ein Satz, der methodisch mehr verrät als jede Wahlbehauptung. Petro hat eine Verschwörungstheorie aufgeworfen, wonach der schwedische DJ Avicii 2018 ermordet worden sei, um Jeffrey Epstein zu schützen.
Ich muss innehalten.
Diese Behauptung ist nicht verifiziert. Sie ist nicht halbverifiziert. Sie ist Spekulation, geboren aus dem gleichen Reflex, mit dem Petro die kolumbianische Wahl dem Ausland zuschreibt. Avicii starb 2018. Die offiziellen Untersuchungsbehörden, die Familie, die forensischen Berichte benennen Suizid. Es gibt keine belegbare Verbindung zwischen DJ und Epstein-Komplex, der in New York und Miami sein gerichtlich dokumentiertes Eigenverbrechen hat. Was Petro hier betreibt, ist nicht Aufklärung. Es ist Nebel.
Warum bringt ein scheidender Präsident, der die katastrophalste sicherheitspolitische Bilanz einer linksgerichteten Regierung Kolumbiens zu verantworten hat, einen schwedischen DJ ins Spiel?
Die Antwort liegt nicht in Stockholm. Sie liegt in den Zahlen der kolumbianischen Denkfabrik FIP. Unter Petros "Totaler Frieden"-Initiative sind die bewaffneten Gruppen um neunzig Prozent gewachsen. Der Clan del Golfo von 4.061 auf 12.268 Mitglieder. Die ELN plus zweiundzwanzig Prozent. Die "aufgelöste" FARC verteilt auf vier Fraktionen mit 10.424 Kämpfern. Insgesamt 28.802 Bewaffnete im Juli 2026, gegen 15.120 Ende 2022. Vierzehn gleichzeitige Konfliktszenarien. Erzwungene Binnenvertreibung auf Rekordniveau. Das, was bleibt von vier Jahren einer Politik, die verhandeln wollte, wo nur gerauft werden konnte.
Genau in diese Bilanz schneidet de la Espriellas angekündigte Migrationspolitik. Eine konservative Wende, Wiederanlehnung an Washington, Beendigung des "Totalen Friedens", harter Kurs gegen jene Strukturen. Petro weiß, dass diese Politik das Fundament seines Projekts angreift. Wenn de la Espriella am Freitag vereidigt wird, beginnt die Rechnung.
Die offene Frage: meint Petro mit "Bürgerkrieg" die Mobilisierung jener Gruppen, die er vier Jahre lang verhandelnd besänftigte? Oder die Straßen seiner Anhänger, deren Gewaltbereitschaft sich in den Juni-Unruhen zeigte? Cepeda hat verloren und akzeptiert. Petro hat nicht akzeptiert. Die Antwort bleibt offen — und genau diese Unschärfe ist Teil des Manövers.
Was mich beschäftigt, ist die Struktur dieses Manövers. Petro droht mit Bürgerkrieg, dessen Inhalt er nicht benennt. Petro verbreitet eine Avicii-Epstein-Verschwörung, deren Quellen er nicht nennt. Petro behauptet israelischen Wahlbetrug, dessen Beweise er schuldig bleibt. Immer dasselbe Muster: Eine konkrete politische Niederlage wird durch eine spekulative Erzählung überlagert. Die Zuhörer sollen nicht wissen, was am Freitag passiert — sondern dass überall Verschwörung ist.
Wer profitiert, bleibt offen. Petro selbst, mit seinem Rest an Anhängern — vermutlich. Die FARC-Fraktionen, deren Verhandlungspartner er war — vermutlich. Wer hinter dem Bus von Cali steht, ermitteln die Behörden. Der gesuchte Kommandant ist Martínez.
Warum ausgerechnet jetzt Avicii? Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass Avicii seit acht Jahren tot ist. Ich weiß, dass die Akte Epstein ihre eigene Dynamik hat. Ich weiß, dass das Timing verdächtig ist. Ich weiß, dass ein Präsident, der neunzig Prozent Wachstum bei bewaffneten Gruppen zu verantworten hat, jede Ablenkung braucht, die nicht bei den konkreten Zahlen bleibt.
Morgen ist Freitag. Ich schreibe aus Wien. Der Koffer bleibt unter dem Schreibtisch. Für alle Fälle.
❖ Ende des Artikels ❖
