Wolhyniens langer Schatten über Kiews neuem Pantheon
Die Schreibmaschine steht kalt. Der Bourbon bleibt zu. Evelyn unten im Café hat aufgehört zu singen, irgendwann zwischen dem fünften und sechsten Telegramm. Draußen trommelt Augustregen, und die Nachrichten riechen wieder nach Pulver und Tinte.
Zwei Meldungen aus derselben Woche. Beide aus Osteuropa. Beide über dasselbe Schlachtfeld – nur dass die Gräben diesmal im Kopf liegen.
Erstens: Wolodymyr Selenskyj hat am Samstag ein Gesetz unterschrieben, das in der Kiewer Höhlenkloster-Lawra ein nationales Pantheon aus der Taufe heben soll. Ein Ort für die Gebeine jener, die das Land als seine Helden beansprucht. Wer diese Helden sein werden, steht nicht im Gesetz.
Zweitens: Am Sonntag trat der polnische Vizeminister Marcin Bosacki vor die Kameras und sagte Kiew ins Gesicht: Wenn ihr Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch in euer Pantheon hebt, wird das mit der Europäischen Union ein „riesiges Problem". Ein Veto, verpackt als Beitrittswarnung.
Was wie ein Streit über Denkmalpflege aussieht, ist keiner. Es ist ein Erpressungstableau mit drei Figuren, drei Geschichten und einer offenen Rechnung, die bis ins Jahr 1943 reicht.
Die UPA – Ukrainische Aufständische Armee – mordete damals in Wolhynien und Ostgalizien. Rund hunderttausend polnische Zivilisten, mehrheitlich Frauen und Kinder. Ethnische Säuberung, sagt Warschau. Völkermord, sagt Warschau. Kiew weigert sich, das Wort in den Mund zu nehmen. Für viele Ukrainer bleibt die UPA zugleich Befreiungsarmee gegen Moskaus Sowjetherrschaft. Beides stimmt. Beides gleichzeitig. Und genau deshalb brennt es bis heute.
Im Mai benannte Selenskyj eine Militäreinheit nach den „Helden der UPA". Warschau zog die höchste Auszeichnung zurück, den Orden des Weißen Adlers. Selenskyj antwortete im Juni: Dann bauen wir unser eigenes Pantheon. Niemand diktiere uns unsere Helden. Das Parlament verabschiedete das Gesetz im Juli, die Unterschrift folgte am Vorabend des ukrainischen Unabhängigkeitstags. Timing ist alles in diesem Gewerbe.
Bosackis Drohung wiegt schwer – oder sie wiegt nichts. Das ist die offene Frage, die in Warschau und Brüssel niemand offen ausspricht. Die Ukraine braucht die EU wie die Luft zum Atmen. Ein polnisches Veto im Erweiterungskonsens könnte den Beitritt auf Jahre einfrieren. Auf der anderen Seite hat Warschau den Orden bereits entzogen und damit eine diplomatische Krise riskiert, die Polen selbst teuer zu stehen kommt. Die Mechanik ist eindeutig: Erinnerung ist Munition, und beide Seiten laden nach.
Und dann ist da Radoslaw Sikorski. Sein Vorschlag einer „Europäischen Legion" – eine stehende Truppe, die „erfahrene Profis aus der europäischen Familie rekrutiert", einschließlich „kampferprobter ukrainischer Veteranen nach dem Krieg". Das klingt nach großer Vision. Es klingt auch nach etwas ganz anderem.
Denn derselbe Sikorski hat vor anderthalb Jahren Selenskyjs „Armee Europas" noch brüsk zurückgewiesen. Heute kommt der gleiche Mann mit einer eigenen Version aus der Hüfte – zwei Monate, nachdem Großbritannien, Frankreich und Deutschland von einer „Koalition der Willigen" sprachen. Man kann das als späte Einsicht lesen. Man kann es auch als Versuch deuten, die unangenehmen Fragen zu Wolhynien mit großen Worten über eine europäische Zukunftsarmee zu überlagern. Ein Ablenkungsmanöver? Möglich. Belegt ist es nicht. Belegt ist nur, dass Sikorski – Ehemann der Historikerin Anne Applebaum, vernetzt in jeden westlichen Hauptstadtflur – weiß, wann die Bühne wechselt.
Die Struktur hinter dem Vorhang wird sichtbar. Sikorski ist kein Mann der polnischen historischen Rechnungen. Er gehört zum kosmopolitischen Westflügel, der Geschichte als rhetorisches Werkzeug begreift. Sein Vorschlag zielt weniger auf Warschau oder Kiew als auf London, Berlin und Paris. „Wir können nicht jedes Mal Washington anrufen", sagte er. Subtext: Europa soll zahlen, ausrüsten, schicken. Bitte mit polnischer Beteiligung, versteht sich.
Heikel wird die Rechnung hier: Der konservative Präsident Karol Nawrocki ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Sollte jedoch die liberale Koalitionsregierung über ihren Verteidigungsminister Truppen unter EU-Kommando stellen, bleibt offen, ob Nawrocki das verhindern kann. Eine Verfassungskrise als Nebenwirkung. Genau jene Dynamik, über die in Warschau niemand laut redet.
Was bleibt? Ein Pantheon, das noch leer steht, aber schon Schatten wirft. Ein Veto, das entweder Hebel oder Bluff ist. Eine Legion, die entweder Verteidigungsinitiative oder Nebelvorhang für jene ist, die gerade nicht über hunderttausend tote Polen reden wollen.
Die Quellenlage ist dünn: Notes from Poland, Pravda, ein paar Agenturmeldungen. Ob ein abgestimmtes Narrativ dahinter steht oder drei Wahrheiten, die zufällig in dieselbe Richtung zeigen, lässt sich von hier aus nicht entscheiden. Skepsis bleibt die einzige Tugend, die in diesem Gewerbe noch zählt.
Was am Ende zählt, ist nicht, wer in der Lawra beigesetzt wird. Sondern wer das Veto in der Hand hält, wenn es soweit ist. Pantheone sind Friedhöfe. Aber wer die Gräber füllt, schreibt die Zukunft.
Draußen regnet es immer noch. Evelyn ist längst verstummt. Die nächste Wahrheit wartet, und sie wird niemand drucken wollen.
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