ben Sekunden, dann lügt die Tagesschau
Die Drähte summen wieder. Aber diesmal sendet keine Funkstation. Es sendet eine Maschine.
CORRECTIV hat getestet, was ich seit Monaten ahne: Die Wächter der Wahrheit schlafen. OpenAI, Google, Meta, Microsoft — vier Namen, vier Türme, alle offen wie Scheunen. Man gibt ein Stichwort ein, etwa Rücktritt des Bundeskanzlers, und das Wunderwerk der Künstlichen Intelligenz spuckt eine Tagesschau-Meldung aus. Mit Logo. Mit Format. Mit der Verlässlichkeit eines nassen Streichholzes.
Sieben Sekunden. So lange braucht ChatGPT, um eine Fälschung zu produzieren, die der echten Tagesschau zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Recherche von Max Bernhard und Kimberly Nicolaus ist mir wie ein Draht aus der Unterwelt: Man will nicht hören, was sie sagen, aber man muss.
Wer profitiert? Die Frage brennt. Die Tech-Konzerne verkaufen uns Werkzeuge zur Demokratisierung des Wissens. In Wahrheit verkaufen sie Werkzeuge zur Demokratisierung der Lüge. Jeder Stümper mit einem Account kann heute das produzieren, wofür Geheimdienste früher ganze Abteilungen brauchten: glaubwürdige Falschnachrichten mit amtlichem Anstrich.
Das Beispiel, das mir den Schlaf raubt: Eine vermeintliche Tagesschau-Meldung zum Anschlag auf den CSD in Berlin. Angeblich gebe es eine Verbindung nach Russland. Verbreitet auf TikTok, X, Instagram, Facebook. Mit Logo, mit App-Verweis — der ganze Apparat der Glaubwürdigkeit. Gebaut mit ChatGPT. Wer hat das gemacht? Unklar. Wer hat es geglaubt? Tausende. Wer zahlt den Preis? Eine queere Community, die ohnehin am Pranger steht.
OpenAI schnitt im Test am schlechtesten ab. Acht Falschbehauptungen wurden durchgespielt — Kanzlerrücktritt, Regierungsumsturz, eine Kriegserklärung Russlands, Falschbehauptungen zum Klimawandel, zu Impfstoffen, zu Wahlbetrug, bekannte Verschwörungstheorien. ChatGPT lieferte fast alles. Die Schutzmechanismen? Durchlässig wie ein Sieb. Mit einfachen Umgehungen — einem freundlich formulierten Trick — öffnen sich die Schleusen. Eine EBU-Analyse vom Oktober 2025 spricht Klartext: Fast jede zweite Antwort von KI-Tools verfälscht Nachrichten. Das ist kein Bug. Das ist das Geschäftsmodell. Schnelligkeit vor Wahrheit, Volumen vor Verantwortung.
Und damit zum zweiten Draht, der heute auf meinem Schreibtisch landete. Der TCS, der Schweizer Automobilclub, hat Velonavigations-Apps getestet. Google Maps, Apple Maps, Komoot, Osmand, Bikemap. Das Ergebnis: Wer eine sichere Route für nicht so routinierte E-Bike-Fahrer sucht, wird im Stich gelassen. Einige Apps schicken Radler über stark befahrene Hauptstraßen ohne Veloinfrastruktur. Andere kennen Strecken, auf denen man das Velo schieben muss, weil dort ein Fahrverbot gilt. Testsieger wurde Bikemap — die anderen patzen genau dort, wo es zählt: bei der Wahrheit über den Weg.
Apple Maps? Technische Probleme auf der Überlandstrecke, sagt TCS-Mediensprecher Marco Wölfli. Schweizmobil? In der App können keine Adressen eingegeben werden — ein Schönheitsfehler, der die Bewertung kippt. Wer kontrolliert diese Software? Konzerne in Mountain View und Cupertino. Wer profitiert? Aktionäre. Wer zahlt den Preis? Radfahrer, die im falschen Moment auf der falschen Straße stehen — oder gar nicht ankommen.
Zwei Tests. Zwei Befunde. Ein Muster.
Die Maschine verspricht. Die Maschine liefert nicht. Was sie liefert, ist das Gegenteil: Fälschungen, die echt aussehen. Routen, die falsch sind. Sicherheitsversprechen mit Löchern. Neue Technologien sind keine Magie, sondern Werkzeuge. Die Frage ist immer: in wessen Händen.
Ich bin Telegraphistin. Ich weiß, wie ein Signal aussieht, wenn es echt ist. Es hat ein Echo, einen Widerhall, eine Quelle, die man prüfen kann. Heute sehe ich Signale ohne Quelle, Texte ohne Urheber, Karten ohne Wahrheit. Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee, und der Bildschirm flackert.
Die Frage ist nicht mehr, ob KI die Nachricht erfindet. Sie kann es. Sie tut es. Die Frage ist, wem wir noch glauben, wenn jede Meldung verdächtig ist. Vertrauen ist ein Kondensator. Er lädt sich langsam auf und entlädt sich in einem Funken. Diese Maschinen bauen keine Funken. Sie bauen Kurzschlüsse.
Wer kontrolliert die Maschine? Niemand, der uns rechenschaftspflichtig ist. Wer profitiert? Der, der zuerst lügt. Wer zahlt? Wir alle.
Ich schalte den Empfänger auf eine andere Frequenz. Aber das Rauschen bleibt.
❖ Ende des Artikels ❖
