TEHERAN DICHT — 145 LÄNDER AN DER PUMPE
Schreibmaschine klappert. Bourbon steht in der Schublade. Evelyn singt unten im Café etwas, das nach gestern klingt, vielleicht nach morgen. Und ich sitze hier und frage mich, wann aus einer Nachricht eine Gefängnisstrafe wird.
In Teheran hat das Parlament eine Resolution durchgewunken, die das Reden selbst zum Verbrechen macht. Zwei Jahre Gefängnis für jeden, der mit einem US-Sender spricht. Wer mit einer ausländischen Botschaft Kontakt hat. Wer mit einer Institution redet, die das Regime als feindlich einstuft. Auch wenn der Sprecher längst das Land verlassen hat. Auch wenn das Gespräch am anderen Ende der Welt stattfindet. Die einzige Ausnahme: das Außenministerium der Mullahs gibt sein Siegel darunter.
Wer profitiert hier? Wer verschweigt was? Die Antwort liegt im Text des Gesetzes selbst. Es kriminalisiert nicht Taten — es kriminalisiert Worte. Es richtet sich nicht gegen Spione, sondern gegen jeden, der überhaupt noch zuhört. Die Struktur ist uralt. Die Römer nannten sie crimen maiestatis, die Großmächte des letzten Jahrhunderts nannten sie Landesverrat. Der Name wechselt mit jeder Generation. Das Prinzip bleibt: Wer schweigt, kann nicht organisiert werden. Wer nicht organisiert werden kann, kann nicht revoltieren. Und wer nicht revoltieren kann, lässt sich regieren.
Marjan, Politologiestudentin in Teheran, gibt ihren volmen Namen nicht — verständlicherweise. Sie sagt, das Land treibe unter dem neuen Obersten Führer, Ayatollah Mojtaba Khamenei, auf eine Nordkoreanisierung zu. Ich übersetze: totale Schließung, totale Überwachung, totale Verelendung. Wer soll das bezahlen? Die 93 Millionen Iraner, die nach übereinstimmenden Berichten Lebensmittel stehlen, weil die Inflation das Gehalt auffrisst. Die ihre Medizin nicht mehr kaufen, weil Benzin und Logistik alles verteuern.
Und hier beginnt die eigentliche Ermittlung. Denn die neue Mauer in Teheran steht nicht allein. Seit sechs Monaten führen die Vereinigten Staaten und Israel ihren Krieg gegen Iran. Seit sechs Monaten steigen in mindestens 145 Ländern die Spritpreise. Myanmar führt die Liste mit 56 Prozent an. Bhutan folgt mit 55. Kuba mit 51. Die Vereinigten Arabischen Emirate mit 50. Nigeria mit 48. In den Vereinigten Staaten selbst: von 2,94 Dollar pro Gallone vor dem Krieg auf 4,09 Dollar heute. Eine Familie, die früher 718 Kilometer fahren konnte, schafft jetzt nur noch 536. Hundertdreiundachtzig Kilometer weniger Reichweite — für den gleichen Geldbeutel, nur weil jemand den Tank füllt.
Der Ökonom David McWilliams bringt es auf den Punkt: Das Blut der Weltwirtschaft ist Transport. Wird das Blut teurer, wird alles teurer — Dünger, Brot, die Lieferung ins Krankenhaus, das Glas Wasser. Wer in den armen Ländern lebt, gibt ohnehin den halben Lohn fürs Essen aus. Diese Leute sind die ersten, die hungern, und die letzten, von denen man je wieder hört.
Rep. Rich McCormick aus Georgia sagt im amerikanischen Fernsehen, man wisse noch nicht einmal, ob die Strategie der eigenen Regierung funktioniere. Er sagt es selbst: Es habe gerade erst angefangen. Aber das Regime in Teheran reagiert bereits — nicht militärisch, nicht diplomatisch, sondern mit dem ältesten Reflex der Macht überhaupt: dem Verschließen der Tür. Wer den Mund aufmacht, verschwindet. Wer den Mund hält, kann wenigstens überleben. Und wer den Mund zu weit aufreißt, dem drohen nicht nur zwei Jahre wegen eines Interviews mit dem falschen Sender. Forschungs- und Lehrtätigkeiten mit Auslandsbezug: zehn Jahre. Politische Vorschläge unter dem Verdacht ausländischer Steuerung: bis zu dreißig Jahre. Die Revolutionsgerichte urteilen. Widerspruch ist nicht vorgesehen.
Die Diskrepanz zwischen den Quellen, die mir vorliegen, ist bezeichnend. Die eine spricht von zwei Jahren Haft, die andere rahmt dasselbe Gesetz als Reaktion auf eine Strategie, deren Erfolg offen ist. Beides schließt sich nicht aus — aber beides zusammen ergibt ein Bild, das niemand aufhängen will: ein Staat, der seine eigene Bevölkerung einschließt, während draußen eine Weltordnung steht, die das Benzin bezahlt. Wer kontrolliert hier wen? Wer treibt wen vor sich her? Ist die Mauer in Teheran Antwort auf den Krieg — oder ist der Krieg nur der Vorwand für eine Mauer, die längst geplant war?
Was bleibt offen? Wer genau in der iranischen Führung dieses Gesetz tatsächlich durchsetzt, und wer in den westlichen Hauptstädten dabei wegschaut, solange die Energiekonzerne ihre Margen halten. Welche der 145 Länder wissen, dass sie nicht für eine ferne Schlacht zahlen, sondern für eine Politik, deren Logik sich jeder Kontrolle entzieht. Und ob irgendjemand den Unterschied noch sehen will — zwischen einem Regime, das zwei Jahre Knast für ein gesprochenes Wort verhängt, und einer Welt, die diesen Preis klaglos weiter entrichtet.
Evelyn singt noch immer. Das Licht vom Café flackert unter mir wie eine kaputte Neonröhre. Die Schreibmaschine wartet auf den letzten Satz. Und die Frage, die niemand beantworten kann, steht morgen früh auf Seite eins: Wenn 145 Länder an der Zapfsäule bluten — wie viele davon ahnen eigentlich, wofür?
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