Bildung als Beute: 2,2 Millionen HK-Dollar und die offene Frage
Hongkong, im August 2026. Ein Universitätsprofessor wird angeklagt, weil er Schmiergelder in Höhe von 2,2 Millionen Hongkong-Dollar kassiert haben soll. Gary Wong Ka-wai, 45, lehrte an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der University of Hong Kong. Die unabhängige Korruptionsbehörde ICAC wirft ihm vor, zwischen August 2023 und Juni dieses Jahres bei der Vergabe von sieben Beschaffungsverträgen für IT-Bildungsdienstleistungen Bestechungsgelder angenommen zu haben. Die Auftragssumme: über zehn Millionen HK-Dollar. Wongs Belohnung: zehn bis fünfzig Prozent pro Auftrag.
Ich sage Ihnen, was das ist: kein Einzelfall. Das ist Architektur.
Wong leitete das Centre for Information Technology in Education (CITE) der HKU. Seine Aufgabe: den Einsatz von IT in der Bildung fördern, finanziert durch Stiftungen wie die Hong Kong Jockey Club Charities Trust und den Quality Education Fund der Regierung. Mit anderen Worten: öffentliche Gelder, die für die Zukunft unserer Kinder gedacht sind. Gelder, die durch die Hände eines Mannes flossen, der — so die Anklage — den Hebel umlegte und sich bedienen ließ.
Mitangeklagt: Huen Man-ho, 56, alleiniger Direktor und Anteilseigner zweier Bildungsdienstleister — Immersive Learning und Koding Kingdom. Huens Ehefrau Joel Chu Wai-yi, 57, und sein Neffe Cheung Chun, 26. Insgesamt neun Anklagepunkte wegen Verschwörung eines Beamten zur Vorteilsannahme, zwei wegen Betrugs. Die Struktur ist eindeutig: Auftraggeber, Mittelsmann, Verwandtschaft als Firmenmantel. Ein Kreis, der sich schließt, sobald das Geld fließt.
Die Frage, die niemand stellt: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Die HKU ist 1911 gegründet, die älteste Universität Hongkongs, international anerkannt, forschungsstark. Wenn dort ein Professor über Jahre hinweg Verträge lenken kann, ohne dass interne Aufsicht greift, dann ist das kein persönliches Versagen. Dann ist das ein Systemversagen. Dann ist die Frage nicht ob, sondern wer noch.
Ich übersetze: Die Universität als Beute. Bildung als Markt. IT als Türöffner für Gelder, deren Herkunft niemand prüft.
Und nun — Melbourne. August 2026. Taskforce Hawk der Polizei durchsucht sechs Objekte, darunter die Zentrale der CFMEU in Victoria. Fünf Männer werden festgenommen. Beschlagnahmt: vier registrierte Fahrzeuge der Gewerkschaft, zehn Mobiltelefone, ein .22-Gewehr mit Munition, Laptops, Dokumente, iPads, USB-Sticks. Die Vorwürfe: geheime Provisionen, Betrug, Drogenhandel — alles verknüpft mit der Baubranche.
Was hat das mit Hongkong zu tun? Alles.
Denn das Muster ist dasselbe. Eine Struktur, in der Insider Aufträge vergeben, Provisionen fließen lassen und das System sich selbst nicht mehr kontrolliert. Ob Universität oder Gewerkschaft, ob IT-Bildung oder Hochhaus — das Prinzip bleibt: wer die Vergabe kontrolliert, kontrolliert den Profit. Wer kontrolliert wird, sind die, die nicht im Kreis sitzen.
Im Fall der CFMEU: Operation Hawk wurde im Juli 2024 gegründet, im Folgejahr zur Taskforce. Die Administratoren der Gewerkschaft beteuern, kein Funktionär sei angeklagt worden. Die Polizei sagt: die Ermittlungen dauern an. Was offen bleibt — und das ist die Leerstelle, die mir Sorgen macht — ist die Verzahnung zwischen registrierten Gewerkschaftsfahrzeugen, sichergestellten Waffen und angeblichen Geheimprovisionen. Entweder wusste die Zentrale nichts, oder sie wusste alles. Beides ist ein Skandal.
Unklar bleibt — weil die Quellen schweigen — wer in Hongkong welche Aufsicht über die Vergabe öffentlicher Mittel in der Bildung trägt. Unklar bleibt, welche Rolle die Stiftungen bei der Prüfung der Endempfänger spielen. Unklar bleibt, ob Wongs Netz isoliert war oder ob die Struktur, die hier sichtbar wird, tiefer reicht — in andere Universitäten, andere Behörden, andere Sektoren. Wer profitiert? Wer zahlt den Preis? Das sind die Fragen, die ich an die Drähte hänge.
Ich höre die Frequenzen, die andere nicht hören wollen. Hier ist, was ich höre: 2,2 Millionen HK-Dollar, die zwischen 2023 und 2026 flossen. Ein Professor, der sie angeblich kassierte. Eine Firma, die angeblich lieferte. Eine Universität, die angeblich nichts wusste. Und ein Vertrauen, das gerade zerbricht.
Angeblich.
Die Drähte summen. Die Korruption summt mit.
❖ Ende des Artikels ❖
