DAS LOCH IN DER OFFIZIELLEN BILANZ: 160 TOTE, TAUSEND VERSCHOLLEN
Rasuwa-Tal, Grenze zwischen Nepal und China. Eine Eis-Fels-Lawine bricht von einem Gletscher ab, staut den Fluss zum Damm — der bricht — und eine Flutwelle walzt das Himalaya-Tal aus. Hundertsechzig Tote sind bestätigt. Über tausend Menschen werden vermisst, auf beiden Seiten der Grenze. Der Rest ist Schlamm, Schweigen und das Rattern von Generatoren an den Rettungsbasen.
Die Zahlen passen nicht zusammen. Wenn hundertsechzig Leichen geborgen sind und über tausend Namen auf keiner Liste stehen, lügt entweder die Liste, oder der Berg hält sie noch unter sich vergraben. Beides ist möglich. Beides ist hier wahrscheinlich. In den Depeschen steht unausgesprochen zwischen den Zeilen, was niemand laut sagen will: Tausende könnten tot sein, wenn sich die Schlammfrachten setzen.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Ich höre die Frequenzen, die anderen zu hoch sind. Wer zahlt den Preis? Die da unten. Die offizielle Bilanz ist das Produkt dessen, was gerade bergbar ist, nicht dessen, was geschehen ist.
Die Geografie ist ein Bluff, der jetzt offenliegt. Das Rasuwa-Tal auf nepalesischer Seite, Gyirong Port auf chinesischer — durch diesen Pass läuft fast der gesamte Handel zwischen beiden Ländern. Eine Handelsader, die jetzt zerrissen ist. Die Videos, die online laufen, zeigen Szenen wie aus einem Katastrophenfilm: die Schlammlawine erreicht den Grenzposten in Sekunden, Menschen rennen, die Kamera schwenkt weg, dann nichts. Aufgenommen von jemandem, der es nicht überlebte.
Der Auslöser war keine Laune der Natur. Saswata Sanyal vom International Center for Integrated Mountain Development liefert die Mechanik: Ein Eis-Fels-Brocken brach von einem Gletscher auf nepalesischer Seite, blockierte den Fluss, das Wasser staute sich zum See, der Damm brach, die Welle kam talabwärts. Lhende Khola — derselbe Fluss, der schon im Vorjahr nach einem Gletschersee-Ausbruch in Tibet eine Brücke zerstörte und neun Menschen tötete. Vor vierzehn Monaten. Derselbe Fluss. Diesmal in Superlativen.
Und niemand fragt laut, wer hätte warnen müssen — und wer geschwiegen hat, weil eine Warnung den Handel stört. Das Frühwarnsystem, das nicht geschrillt hat, wird jetzt vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping nachträglich gefordert — wer vorher schweigt, baut nachher Akten.
Die widersprüchlichen Ursachenangaben verraten die Informationsasymmetrie. Nepals Flutvorhersagebehörde gibt zu, nur inoffizielle Hinweise auf einen Erdrutsch in Tibet gehabt zu haben. Xinhua platziert den Erdrutsch auf nepalesischer Seite. Reuters berichtet, chinesische Quellen sähen ihn auf tibetischer Seite. Selbst die Geografie des Todes ist umstritten. Wer die Karte zeichnet, zeichnet die Schuld.
Auf dem Boden sieht es so aus: 14 Hubschrauber im Einsatz. Nepalesische Armee, Armed Police Force, nationale Polizei — alle drei gleichzeitig. 25 Menschen bis Mittwochnachmittag aus der Zone getragen, im Steigen. 28 nepalesische Polizisten werden vermisst. Neun Beamte der Armed Police Force am Grenzposten Timure sind verschollen. Hunderte Touristen, viele indische Pilger auf dem Weg zum hinduistischen Heiligtum Mount Kailash. Drei Amerikaner auf der vorläufigen Vermisstenliste.
Die Retter kämpfen gegen Schlamm, gegen weggespülte Straßen, gegen abgeschnittene Dörfer, in die kein Funkspruch mehr durchdringt. Wenn das Wasser zurückgeht, zeigt es, was es mitgenommen hat. Die Bilder spotten jeder Beschreibung.
Die Zahl von hundertsechzig Toten ist eine Zwischenstandsmeldung, nicht mehr. Sie steht so solide wie ein nasser Pappdeckel. Niemand weiß, wie viele Leichen noch unter dem Schlamm liegen, der ganze Dörfer unter sich begraben hat. Niemand weiß, wie viele Namen auf keiner Liste stehen, weil niemand sie kannte — Wanderarbeiter, Lastenträger, kleine Händler, Pendler zwischen beiden Grenzen. Die Toten, an die sich niemand erinnert, sind die ersten Toten jeder Katastrophe. Sie zählen nicht in den Bilanzen, weil niemand sie zählt.
Die Asymmetrie bleibt. China kontrolliert seinen Anteil der Daten, Nepal seinen. Touristenfamilien warten auf Nachrichten, die zwischen den Maschen beider Informationssysteme hindurchfallen. Niemand bekommt eine vollständige Antwort. Niemand erfährt die wahre Zahl, bevor der Schnee der nächsten Saison schmilzt und das Ausmaß offenlegt, was der Sommer bedeckt hat.
Offen bleibt: Wer wusste, dass der Gletscher auf nepalesischer Seite instabil war — und wer hat entschieden, dass eine Warnung den Handel mehr stört als die Flut ihn zerstört? Das ist die Frequenz, die ich weiter abhöre. Diese hier oben ist noch nicht zu Ende.
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