HAVE I BEEN FLOCKED — UND WER SCHAUT NOCH ZU?
Die Drähte summen lauter als sonst. Nicht Morse, kein Telefon. Datenbanken.
120.000 Augen, und alle gehören einer Hand. Flock Safety. Privat. Profitabel. Verkauft Städten ein Versprechen namens Sicherheit. Liefert: KI-gesteuerte Kameras, die jedes Kennzeichen lesen, das vorbeifährt. Automatisch. Marke, Modell, Farbe, Dellen, Dachträger, Aufkleber — alles wird zum suchbaren Datenpunkt. Ein Netz über dem öffentlichen Raum, das kein Stadtrat in dieser Form genehmigt hat und kein Bürger abwählen kann.
Dann kam die Seite. HaveIBeenFlocked.com. Man tippt sein Kennzeichen ein. Man erfährt, ob jemand mit Flock-Zugriff aktiv nach dem eigenen Auto gesucht hat. Audit-Logs. 6.586 FOIA-Anfragen quer durchs Land. Die Betreiber sagen es selbst: unvollständig. Zu viele Behörden liefern nicht. Zu vieles ist geschwärzt.
Unvollständig — und doch beunruhigend genug.
Die Seite zeigt nicht, wann eine Kamera das Auto erfasst hat. Sie zeigt: jemand hat gesucht. Jemand mit Systemzugriff. Jemand hat einen Grund angegeben. Meistens.
Savannah, Georgia. Vier ehemalige Mitarbeiter des Police Department. Festgenommen. Wegen Missbrauchs des Flock-Systems. Vier — in einer einzigen Stadt. Eine Zahl, die mehr sagt als jede offizielle Stellungnahme. Was nicht in den Meldungen steht: wie viele Städte noch. Wie viele Suchanfragen pro Tag in keinem Audit-Log auftauchen. Wie viele "Welfare Checks" in Wahrheit etwas anderes sind.
South Carolina. Ellie Anna Hammond. 24 Jahre alt. Mauldin Police Department. Zwischen März und Juli suchte sie 166 Mal nach dem Kennzeichen ihres Ex-Freundes. 166 Mal. Die angegebenen Gründe: Warrant Check, Verkehrsverstoß, Welfare Check. Alle erfunden. Gefeuert, nicht angeklagt. "Personalmangel", sagt das Revier. Kein Kommentar.
Einzelfall? Sicher. Genauso sicher: die sichtbare Spitze eines Eisbergs, den niemand vermessen will. Flock verkauft Zugang. Flock erfährt nicht, was mit diesem Zugang geschieht. Flock will es vielleicht nicht wissen. Privat, öffentliche Funktion, keine Aufsicht, die diesen Namen verdient.
Hier klafft der erste Riss im Narrativ. In Savannah führte Missbrauch zu Festnahmen. In South Carolina führte vergleichbarer Missbrauch zur Kündigung — keine Anklage. Gleiches Werkzeug, andere Konsequenz. Wer definiert eigentlich, was Missbrauch ist? Und wer prüft das nach, wenn die Stadt lieber schweigt?
Dann die Kehrseite desselben Dramas. Ein Instagram-Account namens 3chordpolitics postet ein Bild. CEO Garrett Langley, namentlich genannt, abgebildet. Ein schwarzer Balken über den Augen — der klassische Targeting-Effekt. Drei Kugeln neben einer Luigi-Figur. Ein Verweis auf Luigi Mangione, auf die Erschießung des UnitedHealthcare-CEO Brian Thompson. Dazu der Slogan "No CEO Left Behind". Die Bildunterschrift "Let's downsize". Die Anti-Kommunist-Analystin Karlyn Borysenko schreibt, was jede_r sehen kann: ein Aufruf zur Gewalt gegen CEOs. Instagram hat den Post bis Donnerstagmorgen nicht entfernt.
Ich verteidige Gewalt nicht. Ich beobachte, wohin ein Klima kippt, in dem ein Unternehmen flächendeckend Augen über Städte wirft und niemand kontrolliert, wer hineinschaut — und in dem gleichzeitig Menschen glauben, Kugeln seien eine politische Sprache. Das ist kein Zufall. Das ist ein System, das sich selbst verzehrt.
Wer profitiert? Flock Safety verkauft Kameras. Städte kaufen das Versprechen von Sicherheit. Polizeibeamte nutzen die Werkzeuge — manche für ihre Aufgabe, manche für private Rache, manche für Schlimmeres. Wer zahlt den Preis? Der Bürger, dessen Bewegungsprofil in einer Cloud liegt, die er nicht einsehen, nicht löschen, nicht anfechten kann. Der Ex-Freund, dessen Kennzeichen 166 Mal eingegeben wurde. Die Demokratie, die aufhört, eine zu sein, wenn Sichtbarkeit nur in eine Richtung fließt.
Die offene Frage, die mich nicht loslässt: Wie viele Hammonds sitzen noch hinter den Tastaturen? Wie viele Suchanfragen finden täglich statt — und wie viele davon in keinem Audit-Log auftauchen? Was geschieht, wenn die Stimmung weiter kippt, wenn Bürger CEOs mit Zielscheiben verwechseln? Wer kontrolliert dann die Kameras, die Daten, die Archive? Und welche Opferzahlen — Casualties im Jargon der Akten — stehen am Ende einer Rechnung, die niemand aufschreiben will?
Unklar bleibt, wie viele weitere Festnahmen folgen werden. Unklar bleibt, ob Flock jemals vollständige Audit-Logs offenlegen wird. Unklar bleibt, ob FOIA ausreicht, wo ein privatwirtschaftliches System die Hoheit über öffentlichen Raum beansprucht.
Ada Voss schreibt aus dem Loft über der Setzerei. Der Lötkolben glüht. Der Kaffee ist kalt. Die Drähte summen. Und die Kameras schweigen nicht.
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