HORMUS 'KONTROLLIERT' — UND ELF MENSCHEN BRENNEN
Der Bourbon schmeckt heute morgen nach Asche. Evelyn unten im Café singt etwas von Liebesverlust, und ihr Tremolo passt zu der Nachrichtenlage wie ein nasses Streichholz zum Pulverfass.
Drei Quellen auf dem Schreibtisch. Drei Wirklichkeiten. Die Süddeutsche schreibt es geradeheraus: Nach einer Minenräumung sei die Meerenge wieder befahrbar, werde „zu 100 Prozent" von den USA kontrolliert. Der Präsident fordert Schadenersatz von Iran — als wäre er der Geschädigte. Als hätte er nicht am 27. Februar die Operationen eröffnet, auf die Iran nur antwortete. Man darf fragen: Wer schuldet hier wem was?
Dann der Spiegel. Da brennt bereits alles. Elf Zivilisten in Saudi-Arabien, verletzt bei Huthi-Angriffen. Sieben Saudis, zwei Ägypter, ein Pakistani, ein Jemenit. Elf Menschen mit Verbrennungen, die jetzt in Krankenhäusern liegen und nicht wissen, dass sie zu einer Pressekonferenz-Fußnote geworden sind. Elf Indikatoren für moralisches Versagen. Oder für die Übermacht, die sich keine Namen mehr merkt.
Saudi-Arabien erwartet, so der Spiegel, „in sehr naher Zukunft" koordinierte Angriffe irakischer Milizen und der Huthis — unter Anleitung der iranischen Revolutionsgarden. Da ist sie wieder, die Kette. Iran, Huthi, irakische Milizen, IRGC. Ein Bündnis ohne Unterschrift, aber mit deutlicher Handschrift.
Und Washington? Der Präsident sagt, der Krieg ende „ziemlich bald". Eine Einigung zur Straße von Hormus stehe bevor. „Es könnte bald sein." Drei Mal „bald" in drei Sätzen. Wer so oft „bald" sagt, hat Angst vor dem Wort „nie". Manche Experten — jene, die der Spiegel zitiert — sagen das Gegenteil: Den USA könnte die Puste ausgehen, kostspielige Dauerbelastung, innenpolitische Hypothek, Parlamentswahlen im November.
Aber Moment. Iran und Oman — also jener Iran, dessen Präsident wirtschaftliche Schwierigkeiten einräumt, der die USA vor einem Wirtschaftskrieg warnt und den Golfstaaten droht — Iran und Oman sagen, sie seien kurz vor einer Einigung für die blockierte Straße.
Hier liegt der Riss.
Quelle A: USA kontrolliert zu 100 Prozent. Quelle B: Iran und Oman handeln eine Öffnung aus. Was denn nun? Ist die Straße offen, weil Amerika sie kontrolliert? Oder offen, weil Iran sie öffnen will? Oder ist sie einfach eine Bühne, auf der jeder seine eigene Szene spielt? Die Römer hätten sich Notizen gemacht. Die letzte Generation hat sich auch Notizen gemacht — und sie dann verbrannt.
China hilft uns nicht weiter. Peking kauft den Großteil des iranischen Öls, war 2025 zweitgrößter Handelspartner Irans, und der Außenamtssprecher sagt, die Zusammenarbeit erfolge „stets im internationalen Rahmen". Schöne Worte für ein Geschäft ohne Grenzen. Washington antwortet mit „Economic Outcast" — Sanktionen gegen Dutzende Personen und Organisationen, darunter Firmen in Hongkong. Peking droht zurück. Peking verkauft weiter.
Pakistan vermittelt. Pakistan, das Land, das immer dann vermittelt, wenn die Kavallerie bereits durch ist. Eine Vermittlung ist keine Lösung. Eine Vermittlung ist ein Aufschub.
Was hier vor sich geht, Leser, ist kein Unfall. Das ist Schach. Ein Großmacht-Spiel, bei dem jeder Zug dokumentiert wird, aber keiner die Regeln kennt. Die USA eröffnen am 27. Februar. Iran schlägt zurück — auf der Straße von Hormus, in Saudi-Arabien, mit Huthis und irakischen Milizen, mit Briefen an die UN, in denen Sanktionen als „Wirtschaftsterrorismus" bezeichnet werden. Die USA antworten mit „Economic Outcast". China droht Vergeltung an. Iran droht den Golfstaaten. Die Golfstaaten brechen ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Iran ab, weil ballistische Raketen auf ihrem Territorium einschlugen.
Eine Eskalationsspirale ohne Boden.
Unklar bleibt, wer in dieser Kette tatsächlich den nächsten Zug plant — Iran, Washington, Peking oder die Huthis, die den Jemen 2014 überrannten und nie mehr aufgehört haben. Unklar bleibt, was „bald" in Trumps Mund bedeutet: heute, morgen, oder erst nach den Wahlen im November, wenn der Krieg entweder gewonnen ist oder verloren — beides politisch gleich wertlos.
Was bleibt, ist ein Boulevard aus Widersprüchen. Eine Meerenge, die „zu 100 Prozent" kontrolliert und gleichzeitig verhandelt wird. Eine Straße, die offen ist und auf der Minen lagen. Eine Welt, in der elf Verletzte eine Fußnote sind und 100 Prozent Kontrolle eine Schlagzeile.
Evelyn singt jetzt leiser. Die Asche im Bourbon sinkt. Und ich frage mich zum Schluss: Wenn alle Quellen widersprechen und die Wahrheit nirgends steht — steht sie dann am Grund der Straße von Hormus, im Wasser, das keiner trinken will?
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