JEJU: AKTEN GESCHLOSSEN, LEICHEN GEFUNDEN, VERTRAUEN ZERBROCHEN
Die Drähte summen wieder. Diesmal aus Fernost. Und was sie tragen, ist kein Routinebulletin.
Vier Leichen auf einer Ferieninsel. Vier Vermisste, die niemand mehr suchen wollte, weil ein Polizeisergeant namens Bu die Akten schloss, ohne zu prüfen. Ohne hinzusehen. Ohne hinzuhören. So wie Männer Akten schließen, wenn die Akte ihnen lästig wird.
Jang Mi-ran, 37 Jahre, verschwand im Mai. Am Montag fand man ihre Leiche auf einer Plantage, 500 Meter von ihrem Zuhause. Vermutlich hat sie sich selbst getötet. Wer das verhindert hätte, wenn jemand rechtzeitig gesucht hätte — das steht in keinem Protokoll. Weil niemand ein Protokoll aufnahm.
Ein Mann in den Sechzigern aus Jeju City, seit dem 28. Juni vermisst. 51 Tage hat die Familie gewartet. Sergeant Bu sagte ihnen, der Vater sei "in Sicherheit" und wolle "seinen Aufenthaltsort nicht preisgeben". Die Polizei hat das geglaubt. Die Familie hat das geglaubt. Was zurückkam, war eine Leiche. Das ist kein bedauerlicher Einzelfall. Das ist ein System, das Lügen als Ermittlungsergebnis verkauft.
Quelle A spricht von vier Leichen in drei Tagen. Quelle B lässt die Frist länger laufen. Beides ist möglich, denn hier schaut niemand genau hin. Bu hat möglicherweise fast dreihundert Vermisstenfälle bearbeitet. Dreihundert Akten, die jetzt geöffnet werden müssen. Wer öffnet eine Akte, in der etwas steht, das jemand nicht sehen wollte?
Vier Offiziere in Bus Befehlskette sind auf Verwaltungsurlaub geschickt worden. Präsident Lee Jae Myung ordnete eine grundlegende Reform der Polizei an. Schöne Worte, große Worte. Ich übersetze: Man hat Angst, dass der Skandal wächst. Man will den Kopf, nicht das System. Das System bleibt stehen, weil das System nützlich ist.
Und hier wird es interessant. Denn dies ist nicht der einzige schwarze Fleck auf der Inselkarte.
Am 29. Dezember 2024 rutschte eine Boeing 737-800 der Jeju Air in Muan von der Landebahn. 179 Menschen starben. Kein Flugschreiber, aber ein Vogelschlag wurde als Ursache identifiziert. Ich wiederhole, weil es jeder wiederholen sollte: Der Flugschreiber, das Gerät, das jede Bewegung, jedes Gespräch im Cockpit aufzeichnet, gilt als verschollen. Der Vogel, das vermutliche Auslöseereignis, wurde gefunden. In welcher Physik soll das funktionieren? In welcher Ermittlungslogik?
Sieben Mitarbeiter des Verkehrsministeriums wurden angeklagt. Wegen dieser Katastrophe. Gut. Aber ein Stück Metall, das über eine Piste rutscht, ist kein Unfall. Es ist das Ende einer Kette von Entscheidungen, von Freigaben, von Bequemlichkeiten. Irgendjemand hat unterschrieben. Irgendjemand hat weggesehen.
Hören Sie das Muster.
Eine Polizei, die Vermisstenakten schließt, ohne zu verifizieren. Eine Aufsichtsbehörde, die ein Flugzeugwrack untersucht und den entscheidenden Beweis nicht findet. Ein Apparat, der Akten schließt, bevor sie geöffnet werden. Ein Apparat, der Beweise verliert, bevor sie ausgewertet werden.
Bu sitzt jetzt. Aber Bu ist nicht das System. Bu ist das Symptom. Die Frage ist nicht, was Bu getan hat. Die Frage ist, warum er es tun konnte. Die Frage ist, wie viele weitere Bu es gibt, in wie vielen Polizeirevieren, die nicht erwischt werden. Die Frage ist, was diese gleiche Struktur mit den Ermittlungen zum Jeju Air Absturz gemacht hat. Ob vollständig. Ob ehrlich. Ob überhaupt.
70.000 Vermisstenmeldungen pro Jahr in Südkorea. 99 Prozent gelten binnen eines Monats als gelöst. Gelöst ist nicht gefunden. Gelöst heißt: Akte zu, Statistik schön, Vorgang vergessen. Wer kontrolliert diese Zahlen? Wer profitiert von einer niedrigen Quote "ungelöster" Fälle? Die Behörde, die ihre Bilanz vorzeigt. Wer zahlt den Preis? Die Familien, die 51 Tage warten, bis eine Leiche die Akte wieder öffnet.
Die Terminal Tribune nimmt keine Erklärung für bare Münze, die von jenen kommt, die zu wenig aufgeklärt haben. Autoritäre Behauptungen werden hier zerlegt, nicht wiederholt.
Was bleibt belegt? Vier Tote. Ein verhafteter Sergeant. Rund 300 neu zu prüfende Akten. Sieben Angeklagte aus dem Verkehrsministerium. Ein verschwundener Flugschreiber und ein gefundenes Vogelteil. Und eine Insel voller Palmen, auf der niemand mehr glaubt, dass jemand nach ihm sucht, wenn er verschwindet. Das ist der eigentliche Totalschaden. Nicht das Vertrauen in Bu. Das Vertrauen in jeden Apparat, der behauptet, für die Menschen da zu sein, und stattdessen Formulare abheftet.
Ada Voss — Terminal Tribune Funkraum Seoul, Relais Jeju, gedruckt im Nachtschichtgang
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