ATEMPAUSE MIT RISSFORMAT — WAS DER ISLAMABAD-AKKORD WIRKLICH BEDEUTET
Zwei Tage. Mehr braucht es manchmal nicht.
Am zwölften August erreicht uns die Meldung: USA und Iran hätten sich geeinigt, den Waffenstillstand zu verlängern. Verlängert — nicht beendet. Nur verlängert. Das Wort wiegt schwer, weil es voraussetzt, dass vorher etwas Stillstand war. Der „Islamabad Accord" wird genannt, als trüge er die Gravität eines Vertragswerks. Die Überschriften klingen wie Erlösung.
Zwei Tage später, am vierzehnten August, liest sich dieselbe Welt anders. Der Kriegsminister sagt vor Reportern, die US-Navy könne die Blockade gegen den Iran „auf unbestimmte Zeit" aufrechterhalten. Der Flugzeugträger George Washington ist auf dem Weg ins Einsatzgebiet, durchquert gerade die Straße von Malakka. Er ersetzt die Abraham Lincoln, die seit über 240 Tagen ausgelaufen ist — Personalprobleme, Versorgungsengpässe, technische Mängel. Der Minister nennt diese Berichte „völlig falsch dargestellt". Niemand glaubt ihm. Alle schreiben es auf.
Und der Präsident selbst schreibt auf Truth Social: „Totale Kontrolle über die Straße von Hormuz." Eine „Wand aus Stahl". Iran habe „keine Marine, keine Luftwaffe, keine bezahlten Soldaten". Die IRGC sei „dezimiert und auf der Flucht". Die Inflation liege bei 300 Prozent und werde schlimmer.
Lesen Sie diese beiden Meldungen hintereinander. Erst Atempause, dann Wand aus Stahl. Erst Verlängerung, dann Verstärkung. Erst „Accord", dann „unbestimmte Zeit". Da passt etwas nicht zusammen. Da reißt es.
Die Blockade ist das eigentliche Wort in diesem Schweigen. Solange sie steht, ist jeder Waffenstillstand ein Stillstand auf Bewährung. Ein Vertrag, dessen wichtigste Klausel nicht im Vertrag steht. Das ist kein Frieden. Das ist Atemholen zwischen zwei verfeindeten Nachbarn, von denen einer die Tür zugesperrt hält und der Schlüssel in der Tasche bleibt.
Was wissen wir wirklich? Wir wissen, dass die USA am 27. Februar ihre Operationen begonnen haben. Wir wissen, dass der Iran zurückschlug. Wir wissen, dass in Islamabad — einem Namen, der nach Versöhnung klingt und doch ein Machtspiel bleibt — etwas unterzeichnet wurde. Wir wissen aus den Hintergrundberichten, dass dieses Memorandum einen 300-Milliarden-Fonds, die Freigabe eingefrorener Vermögen und Sanktionserleichterungen vorsieht. Eine Frau aus Teheran sagt dem Radiosender RFE, zuerst verschwinde das Obst vom Tisch, dann die Milch, dann alles, was nicht zum Überleben nötig ist. Eine andere sagt, Eier und Kartoffeln kosteten jede Woche mehr, Brot doppelt so viel wie vor einem Jahr. Ökonomen sagen, die iranische Wirtschaft stehe „kurz vor dem schweren Kollaps".
Was wir nicht wissen, steht im Kleingedruckten. Über das Nuklearprogramm, über die Uranbestände, über die Zukunft der Anreicherungsanlagen: keine Einigung. Gar keine. Das ist die offene Stelle, über die jede Schlagzeile hinwegtapscht.
Und dann ist da die Zahl, die in keinem der beiden Berichte auftaucht: die der Toten. Wie viele Menschen seit dem 27. Februar? Wie viele Zivilisten, wie viele Soldaten auf beiden Seiten? Wie viele Minen, die nach Berichten im Persischen Golf treiben und deren Lage offenbar selbst der Iran nicht mehr vollständig kennt? Keine Quelle nennt eine Zahl. Keine Quelle traut sich.
Ich sitze hier, Bourbon in der Schublade, Rauch im Zimmer, und stelle die einzige Frage, die zählt: Wem nützt das Schweigen über die Zahlen?
Wer verschweigt, gewinnt Zeit. Wer keine Opfer nennt, kann später keine Verantwortung tragen. Und wer eine Blockade als „Wand aus Stahl" verkauft, während er gleichzeitig einen Accord unterzeichnet, der den nächsten Krieg nicht verspricht, sondern nur verschiebt — der verkauft keine Sicherheit. Der verkauft das Bild von Sicherheit.
Die Wahrheit liegt nicht in Islamabad. Die Wahrheit liegt in der Lücke zwischen dem 12. und dem 14. August. Zwischen Verlängerung und Verstärkung. Zwischen Accord und unbestimmter Zeit.
Evelyn singt unten im Café. Es klingt wie Trost. Es ist keiner.
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