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28. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Stars and Stripes: Insubordination ist, wenn die Zeitung Soldaten ernst nimmt

28. August 2026 — Morrison, over and out.

Rauch in der Redaktion. Bourbon in der Schublade. Irgendwo unter mir spielt jemand Klavier – schlecht, aber beständig. Evelyn ist es nicht. Heute Nacht hätte ich sie gebraucht.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Max D. Lederer Jr. geht. Nach neunzehn Jahren an der Spitze von Stars and Stripes, der Zeitung, die seit 1861 den amerikanischen Soldaten gehört. Sagt er. Sagt das Pentagon. Sagt die halbe Pressestadt Washington, als wäre das alles ein und dieselbe Stimme. Nur: Es ist nicht dieselbe Stimme. Es sind mehrere – und sie erzählen alle eine andere Geschichte.

Die offizielle Version: Lederer tritt zum 30. September in den Ruhestand. Er habe, schreibt er in einem Memo an die Belegschaft, "eine geraume Zeit über den richtigen Zeitpunkt nachgedacht". Er verlasse das Blatt "mit echtem Stolz". Chefredakteur Erik Slavin nennt ihn einen Mann, der "jahrzehntelang die Interessen der Soldaten und ihrer Familien unterstützt hat – unabhängig von der militärischen Befehlskette".

Unabhängig. Da ist es. Dieses Wort. Es ist der Stein im Stiefel.

Einen Tag bevor Lederers Memo durchsickert, platziert Fox News die andere Lesart. Ein Pentagon-Mitarbeiter, der eng mit Lederer zusammenarbeitet, gibt Auskunft. "Max hat zwei Jahrzehnte als Verleger verschwendet, während Stars and Stripes unter seiner lethargischen, faulen Führung vor sich hin welkte", sagt er. Er nennt ihn einen "typischen Bürokraten-Schlampen", der Steuergelder verschwende, der keine Mails beantworte, der nicht einmal zu Meetings erscheine. Das Urteil: "Insubordination hat das Fass zum Überlaufen gebracht." Schlechte Arbeitsleistung sei der Hauptgrund gewesen. Insubordination der letzte Tropfen.

Insubordination. Das ist kein Wort aus der Verlagswelt. Das ist Militärjargon. Das ist das Wort für Befehlsverweigerung. Das ist die Vokabel, mit der man unliebsame Untergebene aus der Kette entfernt.

Wessen Befehl hat Lederer verweigert? Welche Order hat er missachtet? Sein Vergehen, so sieht es aus, war kein Befehl. Sein Vergehen war, dass er eine Zeitung leitete, die ihrem Auftrag folgte. 1,4 Millionen Leser täglich, die meisten davon online. Eine Zeitung, die den Soldaten gehört, nicht dem Pentagon – auch wenn sie formal der Defense Media Activity untersteht, also dem Verteidigungsministerium. Zwei Drittel der Finanzierung fließen aus Pentagon-Kassen. Der Rest aus Abos und Werbung. Das ist die Leine. Sie hing immer da. Aber wer zieht sie, und wie fest, das ist die Frage.

Schauen wir auf das, was unmittelbar vor Lederers Abgang geschah. Stars and Stripes – gemeinsam mit Military Times und Navy Times – brach die Geschichte über die mentale Gesundheitskrise an Bord der USS Abraham Lincoln. Neun Monate am Golf. Überlastung. Schlechte Arbeitsbedingungen. Eine Ehefrau erzählte, ihr Mann habe versucht, über Bord zu springen. "Schwerer Burnout", sagte sie über einen Mann, der seinem Land dient. Soldaten, die dieses Blatt lesen, sind die Ehemänner, Väter, Söhne dieser Frauen. Sie lesen Stars and Stripes, weil sie dort die Wahrheit vermuten – oder wenigstens vermuteten.

Die Reaktion des Pentagon? Verteidigungsminister Pete Hegseth spricht von "woken Ablenkungen". Woke. Das Wort, mit dem diese Verwaltung jede unbequeme Tatsache markiert, jeden Bericht, der nicht ins Heldentableau passt. Wer über die mentale Gesundheit von Soldaten schreibt, wer Burnout beim Namen nennt, wer die Zustände auf einem Flugzeugträger dokumentiert – der lenkt nicht ab. Der macht den Job, für den diese Zeitung 1861 gegründet wurde.

Nun also Lederer. Neunzehn Jahre. Ein Veteran, der selbst 1992 zur Zeitung kam, ein Mann, der das Blatt durch zwei Kriege und eine Pandemie geführt hat. Sein Vergehen: Er ließ seine Redakteure die Wahrheit drucken. In der Sprache des Pentagon: Insubordination.

Aber halt. Da ist eine zweite Stimme. The Hill, AP, ABC – sie reden nicht von Insubordination. Sie reden von "grundlegenden Unterschieden" in der Frage, wohin sich die Zeitung entwickeln solle. Lederer selbst formuliert es so: Seine "Philosophie der Führung" und sein "Verständnis vom Wert und Auftrag von Stars and Stripes" unterschieden sich "in fundamentaler Weise" von der Richtung, die die Führung des Pentagon für die Organisation habe. Das klingt nicht nach Ruhestand. Das klingt nach einem Mann, der seinen Job verliert und es so formuliert, dass er mit Würde gehen kann. Die Würde ist ihm wichtig. Dem Pentagon ist sie einerlei.

Es geht nicht nur um Lederer. Auch andere Mitglieder der Führung von Stars and Stripes wurden im Zuge dieser Auseinandersetzung um journalistische Unabhängigkeit entfernt – der Chefredakteur wegen Insubordination entlassen, wie Quellen berichten. Eine "Leadership-Shakeup", wie der Washingtoner Jargon es nennt. Das ist das englische Wort für: Wir haben die Redaktion ausgemistet. Wir haben die Leute entfernt, die uns nicht gehorchen wollten. Wir bestimmen jetzt, was unter diesem Namen erscheint.

Und hier beginnt das, was mich nicht schlafen lässt. Stars and Stripes ist kein Boulevardblatt. Es ist die Zeitung der Truppe. Das Blatt, das der einfache Soldat auf dem Stützpunkt liest, der Pilot vor dem Einsatz, die Frau zu Hause, die wissen will, was mit ihrem Mann auf See passiert. Wenn diese Zeitung verstummt, wenn ihre Reporter nur noch das abdrucken, was das Pentagon genehmigt – dann hat die Regierung nicht einen Redakteur entfernt. Dann hat sie einer Berufsgruppe das Mikrofon abgedreht. Der einzigen Berufsgruppe, die in Uniform schreibt.

Die Quellen widersprechen sich, und das ist kein Zufall. "Insubordination" steht in einem Memo. "Grundlegende Unterschiede" in einem anderen. "Schlechte Arbeitsleistung" in einer Pentagon-Quelle. "Unabhängige Berichterstattung" in der Erklärung des Chefredakteurs. Vier Versionen, vier Wahrheiten, ein Ergebnis: Lederer ist weg. Wer nach Slavin kommt, weiß, was passiert, wenn er den gleichen Fehler macht – wenn er die Wahrheit druckt, die das Pentagon nicht lesen will.

Die unbeantwortete Frage steht im Raum, und sie ist so alt wie die Pressefreiheit selbst: Wem gehört eine Zeitung, die mit Steuergeld finanziert wird, deren Leser aber keine Alternative haben? Zwei Drittel Pentagon-Geld, ein Drittel Markt – das ist keine Unabhängigkeit. Das ist eine Hängematte über dem Abgrund. Und das Pentagon schneidet gerade die Seile durch.

Wer profitiert? Nicht die Soldaten. Nicht die Familien, die auf das Blatt warten, wenn der Flugzeugträger ausläuft. Nicht die Steuerzahler, die es bezahlen. Profitiert, wer nicht mehr erklären muss, warum ein Ehemann versucht hat, ins Meer zu springen. Profitiert, wer den nächsten Einsatz verkünden will, ohne dass vorher eine Zeitung über den Zustand der Truppe schreibt. Profitiert eine Verwaltung, die "woke" zum Synonym für "unerwünscht" gemacht hat.

Max Lederer hat in neunzehn Jahren viele Geschichten begleitet. Er hat das Blatt nicht erfunden, aber er hat es durch ein Jahrhundert geführt, das nicht zimperlich mit Zeitungen umgegangen ist. Er geht. Die Frage ist, was bleibt. Ein Blatt, das den Namen noch trägt – Sterne und Streifen, das Banner derer, die für dieses Land sterben. Aber wer bestimmt, was unter diesem Banner gedruckt wird? Heute, so sieht es aus, nicht mehr die, die dafür bezahlen. Heute bestimmt es die Uniform, die die Zeitung bisher nur beobachtet hat.

Unten spielt das Klavier weiter. Schlecht, aber beständig. Evelyn ist es nicht. Heute Nacht hätte ich sie gebraucht. Denn wenn eine Regierung ihrer eigenen Zeitung den Hals zudreht, dann ist das kein Ruhestand. Das ist die Ouvertüre zu etwas, das wir noch nicht zu Ende gehört haben.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 4 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Longtime publisher of Stars and Stripes to retire, citing differences with Pentagon leadership

    „The publisher of the military newspaper Stars and Stripes announced he is leaving due to "fundamental" differences with Pentagon leadership.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT Max Lederer wurde vom Pentagon wegen Insubordination entlassen/befristet

    „One U.S. official familiar with the matter told Fox News Digital his "poor job performance" as publisher is the main factor but that "insubordination pushed it over the edge."“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZITAT Das Pentagon hat mehrere Führungskräfte von Stars and Stripes aufgrund redaktioneller Unabhängigkeit abgesetzt

    die vorgeschlagene Belegstelle steht so NICHT im Quelltext und wurde deshalb verworfen; das ist eine Aussage ueber den Vorschlag, nicht ueber die Quellenlage

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „""“

  4. ZITAT Stars and Stripes Journalisten verklagen das US Defence Department wegen ihrer Entlassung

    die vorgeschlagene Belegstelle steht so NICHT im Quelltext und wurde deshalb verworfen; das ist eine Aussage ueber den Vorschlag, nicht ueber die Quellenlage

    vorgeschlagene Belegstelle verworfen, weil so nicht im Quelltext: „""“

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 2 davon belegt · 4 externe Belege · 4 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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