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Terminal Tribune

28. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Diplomatenpass und Trojaner: Die Anatomie des Pegasus-Geschäfts

28. August 2026 — Morrison, over and out.

Der Rauch aus dem Café unter der Redaktion zieht die Treppe hoch wie eine Erinnerung, die nicht gehen will. Evelyn singt heute nicht. Heute passt nur das Klappern der Tasten und die Gewissheit, dass irgendwo auf diesem Planeten jemand in ein Telefon hineinsieht, während ich diese Zeilen schreibe.

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Beginnen wir mit einem Pass.

Shalev Hulio, Mitgründer der NSO Group — jener Firma, die Pegasus gebaut hat, diesen digitalen Heinzelmännchen, der in Ihr Telefon steigt, Ihre Nachrichten liest, Ihre Kamera öffnet und Ihnen zuhört, wenn er gerade nichts Besseres vorhat —, dieser Hulio reiste 2013 mit einem israelischen Diplomatenpass nach Panama. Das Pegasus-Projekt hat die Belege öffentlich gemacht.

Ein Diplomatenpass. Für den Mitgründer einer Firma, deren Produkt später in Rabat dazu benutzt wurde, Journalisten zum Schweigen zu bringen und Kritiker zu zerstören.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist ein Stempel im Pass.

Nun nach Marokko. Die Regierung dort hat jahrelang bestritten, Pegasus einzusetzen. Ein ehemaliger Offizier des marokkanischen Geheimdienstes hat das jetzt eingerissen. Er sagt: Marokko hat Pegasus genutzt. Gegen Journalisten. Gegen Menschenrechtsverteidiger. Gegen französische Politiker. Gegen spanische Kabinettsminister und Polizeioffiziere. Verbündete und Kritiker gleichermaßen — der Feind ist überall, wenn das Werkzeug nur gut genug ist.

Der Guardian, Middle East Eye, The Intel Drop — drei Häuser, drei Kontinente der Recherche, zeichnen das gleiche Bild. Das Bild einer Regierung, die ihren Überwachungsapparat mit israelischer Technik aufgerüstet hat, um jeden zu treffen, der sich bewegt.

Jetzt die Frage, die niemand stellen will. Wer profitiert?

Die erste Tür: die NSO Group, die mit Pegasus Millionen kassiert und sich als seriöses Cybersicherheitsunternehmen verkleidet, während ihre Kunden regimekritische Telefone knacken.

Die zweite Tür: die israelische Regierung, deren Diplomatie diese Exporte offenbar flankiert. Hulios Diplomatenpass ist kein Versprecher, er ist ein Indiz. Wenn der Mitgründer einer privaten Cyberwaffenfirma mit Diplomatenstatus reist, ist die Trennung zwischen Staat und Firma eine Fiktion, die man besser nicht zu genau prüft.

Die dritte Tür: die kaufenden Regierungen. Marokko ist der Fall, den uns dieser Tage ein Whistleblower aufgemacht hat. Nach dem Muster zu urteilen, das das Pegasus-Projekt seit Jahren dokumentiert, nicht der einzige. Pegasus wird genutzt als Werkzeug der inneren Befriedung und der äußeren Ausspähung. Auch gegenüber Partnern. Besonders gegenüber Partnern.

Die vierte Tür: die Geheimdienste westlicher Hauptstädte, die still zusehen, solange das Geschäft ihre eigenen Bürger nicht direkt belastet. Frankreich, Spanien — eigene Minister und Polizisten wurden ausspioniert. Die offizielle Antwort war ein Achselzucken, das man als stillschweigende Duldung lesen muss.

Und dahinter, im Halbschatten, eine fünfte Tür, die niemand öffnen will. Unit 81.

Alon — vormals Avishay — diente in Unit 81, einer der am höchsten klassifizierten Einheiten der israelischen Militärgeheimdienstdirektion, spezialisiert auf Technologie für Spezialoperationen. Später tauchte diese Person in den Führungsetagen von Amazon und Microsoft wieder auf. Heute sitzt sie in einem US-Gefängnis, verurteilt unter anderem wegen Entführung und Drohung mit einer scharfen Waffe, an die Einwanderungsbehörden überstellt, die Abschiebung steht im Raum.

Ich berichte nicht über die konkreten Taten. Das ist Sache der amerikanischen Justiz. Was mich interessiert, ist die Pipeline. Unit 81 ist die Kaderschmiede. Was dort an Methoden und Technik gelernt wird, sickert in die kommerzielle Überwachungsindustrie. In Firmen wie NSO. In Plattformen wie die Ihren. In die Geräte von Reportern, die über Korruption schreiben.

Die politische Spannung, die diesen Apparat zusammenhält, ist nicht das Übliche. Sie liegt nicht in der Frage, ob autoritäre Regime ihre Bürger bespitzeln — das ist so alt wie die Pharaonen. Sie liegt in der Architektur. In der Frage, ob die Pipeline zwischen Militärgeheimdienst, Privatwirtschaft und westlichem Schweigen ein System ist oder ein Unfall. Wer dort wen liefert, wer welche Passagen öffnet, wer welche Telefone abhört — das sind die Fragen, die nicht gestellt werden, weil die Antworten unbequem wären.

Was wir wissen: Marokkos Whistleblower bestätigt, was das Pegasus-Projekt seit Jahren dokumentiert. Was wir wissen: Ein israelischer Diplomatenpass öffnete 2013 einem Cyberwaffenhändler die Türen einer internationalen Geschäftsreise. Was wir wissen: Die Menschen, die in Unit 81 ausgebildet werden, verschwinden nicht in der Versenkung — sie tauchen in den höchsten Etagen der globalen Tech-Industrie wieder auf, und gelegentlich in den Akten amerikanischer Gerichte.

Was wir ahnen: Dass die Überwachung des einundzwanzigsten Jahrhunderts kein Werk einzelner Bösewichter ist, sondern ein Geschäftsmodell mit Aktenzeichen, Diplomatenpass und Kaffeepause.

Der Bourbon ist leer. Es regnet. Evelyn schweigt.

Und irgendwo in Rabat sitzt jemand an einem Bildschirm und liest mit. Vielleicht diese Zeilen. Vielleicht Ihre.

❖ Ende des Artikels ❖

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