Portalwächter: Wenn die Maschine entscheidet, wer vergessen wird
Kolkata. Die Drähte summen. Was hier zusammengeführt wird, ist keine Erleichterung. Es ist ein Register.
Die Self-Enumeration für Indiens 16. Zensus hat in Westbengalen begonnen — vom 1. bis 15. August. In Assam lief sie ebenfalls an, in zwei überfluteten Distrikten wurde sie ausgesetzt. Was als bürgerfreundliche Selbsterfassung angepriesen wird, ist der größte Datenabgriff, den diese Republik je organisiert hat. Eine Online-Plattform, ein Klick, ein digitales Profil.
Parallel dazu: das UMEED-Portal. Seit seinem Start verzeichnen die Waqf-Eintragungen in Westbengalen einen Anstieg von 35.000 Registrierungen. Eine stattliche Zahl. Doch wer prüft, wer profitiert, wer auf welcher Seite der neuen Karte landet? Die Maschine entscheidet mit, wer als Eigentümer sakraler Güter im Staatsregister steht — und wer nicht.
Hier beginnt die eigentliche Spur. Die Wählerlisten erzählen die Geschichte bereits: 34 Prozent der ausgeschlossenen Wähler sind Muslime — bei einem Bevölkerungsanteil von nur 27 Prozent. Eine Diskrepanz, die kein Zufall sein kann. Das ist kein statistisches Rauschen. Das ist ein blinder Fleck mit System.
Und die Abgeordneten? Sie haben sich abgemeldet — unter Druck der Polizei und zentraler Behörden. Wer sich nicht mehr traut, seinen eigenen Namen in eine Liste zu schreiben, weil der Apparat daneben steht, der zählt auch im Zensus nicht mehr mit.
Dann betritt Chief Minister Suvendu Adhikari die Bühne. Er ermahnt die Polizei: „Versteckt keine Kriminalitätsdaten wie die vorherige Regierung." Keine einzige Zahl solle reduziert werden, die das Innenministerium zu Verbrechen an Frauen und Kindern anfordere. Die NCRB habe Kolkata jahrelang als sicherste Stadt geführt — während die Gewalt gegen Frauen ungebrochen weiterging. Das ist Eingeständnis und Anklage in einem.
Adhikari hat Recht mit der Forderung. Aber genau hier wird es undicht. Wenn dieselbe Polizei, die Daten fälschen konnte, jetzt zur Ehrlichkeit ermahnt wird — wer kontrolliert die Kontrolleure? Die Help Desks für Frauen, die Cybercrime-Schalter in allen 500 Polizeistationen sind hübsche Fassade. Siebenhundertzwanzig Stunden später, Baruipur, ein zwölfjähriges Mädchen, vergewaltigt, ermordet, im Teich gefunden. Eine Vermisstenanzeige um 23:50 Uhr. Drei Festnahmen, Section 63, 70(2), 103(1), 238 BNS, POCSO. Drei Namen, die in den Akten stehen. Wer steht daneben, unsichtbar, in keiner Statistik?
Es gibt noch ein drittes Eingeständnis. Polizeiliches Versagen im Gewahrsam. Ein Toter, dokumentiert, anerkannt. Wenn schon der Tod in eigener Obhut nicht verheimlicht werden konnte — was sagt das über das, was alles andere still verschwiegen wurde?
Ich bin Technologiereporterin. Ich übersetze Signale. Das UMEED-Portal ist keine Verwaltungsreform. Es ist eine Verdichtung. Wer Eintragungen vornimmt, wer sie prüft, wer sie löscht — das sind die Schalthebel einer neuen Macht. Die 35.000 zusätzlichen Waqf-Registrierungen sind kein Beweis für Inklusion, sondern für eine neu geschaffene Sichtbarkeit, die jederzeit wieder entzogen werden kann.
Die Self-Enumeration ist Selbsterfassung nur auf dem Papier. In der Praxis ist sie eine Übung in Vertrauen — und Vertrauen ist das, was dieser Apparat am gründlichsten zerstört.
Offen bleibt: Wer in den flood-hit districts von Assam, in denen die Zählung ausgesetzt wurde, zählt später mit? Wer definiert, wann die Bedingungen für eine Erfassung „geeignet" sind? Unklar bleibt, welche Instanz über die Wählerlisten wacht, in denen 34 Prozent der Gestrichenen Muslime sind — und welche Verfahren jene Parlamentarier rehabilitieren, die unter Druck verschwanden.
Die Maschine summt. Sie übersetzt nichts. Sie sortiert.
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