Börse 1937
Terminal Tribune

29. August 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Kenscoff brennt, und die Zahlen, die sie uns geben, sind der Rauch

29. August 2026 — Morrison, over and out.

47 Tote. Mehr als 50 Entführte. 22 Verwundete. Fünf Kinder unter den Toten. Das sind die Zahlen, die BINUH, das integrierte UN-Büro in Haiti, am Dienstag in die Welt pustet. Mindestens. Ich sitze hier, dritte Tasse Bourbon, der Rauch vom Café kriecht die Treppe hoch, Evelyn singt etwas, das nach Mitternacht klingt, obwohl es Mittag ist — und ich frage mich, wem diese Zahlen eigentlich gehören. Der UN. Der Polizei. Den Bandenchefs selbst.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Dort oben, in den Bergen über Port-au-Prince, in einer Gemeinde, die einmal »friedlich« hieß, was auch immer das in Haiti noch heißen soll, rammten bewaffnete Männer am Sonntag eine Welt in Brand, die ohnehin schon brannte. Häuser wurden angezündet. Autos stehen als verkohlte Skelette an Straßen, an denen Leute vorbeilaufen und wegschauen. Es ist ein Massaker, so nennen es die Depeschen: »Haiti gangs carrying out mass killings«. Es ist nicht das erste. Es ist die Fortsetzung. Wer zählt, hat verloren.

Der Bandenchef, der sich Izo 2 nennt — eine Hommage an Johnson André, genannt Izo, einen der mächtigsten Bandenführer Haitis — und im Geschäft auch Didi heißt, spricht in einem Video direkt an den Chef der nationalen Polizei, Wladimir Paraison. Er warnt vor Drohnen gegen die Banden. Wer auch nur einen seiner Leute verletze, sagt er sinngemäß, bringe alle Geiseln um. Hört sich das an wie ein Bandenchef? Hört sich das an wie ein Mann ohne Staat? Das ist die Sprache des Souveräns. Der Staat, der sich duckt. Der Bandenchef, der droht. Die Geisel als Kriegswaffe, wie es keine Armee der Welt besser macht. Das hatten die schon in Rom.

Romain Le Cour, der die Haiti-Beobachtungsstelle der Global Initiative Against Transnational Organized Crime leitet, sagt es offen: Dies ist ein Test. Für die Regierung. Für die Polizei. Für die UN-Mission. Ein Test, der bereits verloren wird. Die Banden zwingen die Sicherheitskräfte, sich zu verzetteln. »Sie haben nicht genug Leute«, sagt Le Cour. Wenn du sie zwingst, mehr Truppen zu verlegen, geht das auf Kosten anderer Gebiete. So sah Eroberung immer aus. Hier der Mann, der zählt. Dort der Premier, der sagt: Wir können schützen. Beide haben einen Mund. Einer hat Boden.

Was bleibt offen? Wer hat das Manifest der Entführten? Wer kann beweisen, wer noch lebt, wer bereits verkauft ist, wer längst in irgendeinem Hinterhaus verblutet? Die Bandenchefs wissen es. Die Polizei weiß es angeblich. Die UN sagt: mehr als 50. Mehr als 50 ist die diplomatische Umschreibung von Schwarz. Die Geiseln sind Ware, gehandelt im Dunkeln. Izo 2 hat keine Adresse. Hat keinen Pass. Hat einen Namen, der nicht seiner ist. Der Staat, der ihn jagt, kennt seinen Vornamen nicht.

Während wir noch rechnen, geschieht andernorts das Nächste. Eine Bande rammt das Haus der Mutter eines Teenagers aus dem Fall A66 — und kurz darauf ein Crash, der sieben Menschen das Leben kostet. A66. Der Fall, der Familien zerlegt. Der Fall, der ein Versprechen war, dass jemand hinschaut. Die Bande sagt: Hinschauen kostet. Wer hier wohnt, ist Material. Wer hier trauert, ist Material. Der Alltag selbst ist verwundet.

Dann, als schrieben Götter mit schwarzem Humor, kommt aus Washington die nächste Meldung. Die Vereinigten Staaten haben mehr als fünfzig Menschen nach Haiti abgeschoben. Auch jetzt, auch nach diesem Wochenende. Unter den Abgeschobenen, sagt man, ein Berufsboxer aus den Bahamas. Ein Mann, der seine Heimat gegen ein Flugticket eingetauscht hat und sie auf Haiti wiederbekommt, an einem Sonntagabend, an dem das Land seine Toten zählt. Die Komödie der Imperien. Wir exportieren Probleme und importieren unser Gewissen zurück als Pressekonferenz.

Am 13. Dezember sollen Wahlen stattfinden. Die ersten seit über einem Jahrzehnt. Die Banden sagen: Wählt mal. Wir sind hier. Wir sind die Opposition, die keine Parteizentrale braucht. Wir sind der Beweis, dass eure Schutzversprechen Schall sind, der auf Asphalt zerschellt.

Ich schalte die Lampe aus. Evelyn singt immer noch. Irgendwo in Kenscoff zählt jemand Namen in ein Heft, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Irgendwo in Washington tippt jemand eine Abschiebungsliste. Irgendwo an einer Straßenecke steht eine Mutter und fragt sich, ob das Haus, das sie ihrer Tochter gebaut hat, noch steht.

Fragt euch das auch.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 4 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL At least 47 killed and dozens kidnapped in gang attack near Haiti capital

    „At least 47 people were killed and more than 50 others kidnapped when armed men attacked a once peaceful community near Haiti’s capital at the weekend, the UN has said.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT Gang 'rammed home belonging to mother of A66 teen' in ANOTHER attack moments before fatal crash that killed seven people

    „Gang 'rammed home belonging to mother of A66 teen' in ANOTHER attack moments before fatal crash that killed seven people | Daily Mail Online“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZAHL Seven people killed

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  4. ZAHL More than 50 hostages

    im Titel der Quelle gefunden

  5. ZITAT Gang leader threatens to execute more than 50 hostages

    im Titel der Quelle gefunden

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 4 davon belegt · 3 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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