Boden gehoben, Pistole gezogen — Jets und Island im selben Funkspruch
Die Drähte summen heute lauter als sonst. Auf einer Frequenz spielt ein Receiver namens Omar Cooper einen Highlight-Fang, der ihm einen Platz im Jets-Roster erkaufen soll; auf einer anderen Frequenz gehen die Isländer am Samstag zur Wahl, ob sie den Brüsseler Klub wieder betreten wollen. Beide Signale klingen nach Aufbruch. Beide sind es nicht.
Frankie Vittorini, der Mann, der nach zwei Preseason-Spielen die Stadion-Tribüne verlässt, erklärt feierlich: der Boden der Jets sei gehoben, das Schiff drehe endlich in die richtige Richtung, Aaron Glenn stehe in seiner zweiten Saison an der Seitenlinie und das Ganze sei diesmal — diesmal wirklich — ein Wendepunkt. Ich höre solchen Sätzen seit Jahren auf den Drähten. Sie klingen wie das erste Knacken einer neuen Röhre, kurz bevor der Empfänger sich einpendelt. Wer profitiert, wenn der Boden gehoben wird? Der Trainer, der seine zweite Saison gegen jede Statistik rechtfertigen muss. Der Receiver, der auf der Kippe steht und einen spektakulären Fang braucht, um seinen Namen über Nacht auf den Zettel zu bringen. Die Sportredaktion, die Schlagzeilen braucht, die Hoffnung verkaufen, solange die Saisonkarten noch laufen.
Aber Vittorini sagt auch etwas anderes, wenn man genau hinhört. Er sagt: der Boden — nicht das Dach. Das ist Reporter-Sprache für „das Schlimmste ist weniger schlimm als zuvor". Das ist keine Aufbruchs-Melodie. Das ist ein Minimum-Standard, der als Fortschritt verkauft wird. Was verschwiegen wird? Welche Positionen in der Offense weiter offen sind, wer noch nicht gehalten hat, welche Abhängigkeiten von einer einzelnen Person an einer Seitenlinie bestehen. Glenn ist erst in Saison zwei. Die Volatilität einer NFL-Mannschaft ist nicht die Ausnahme, sie ist der Grundzustand. Und Cooper, der dringend nötige Highlight-Play hin oder her — ein Highlight ist kein Vertrag, ein Preseason-Fang ist keine Karriere.
Auf der anderen Frequenz, tausend Meilen über dem Atlantik, sieht das Funkschild anders aus, aber der Empfänger ist derselbe. Island stimmt am 29. August darüber ab, ob die EU-Beitrittsgespräche wieder aufgenommen werden. Die Schlagzeile der einen Quelle lautet: Island tritt der EU bei, getrieben von der Sorge um Grönland und die russische Bedrohung im Nordatlantik. Wer profitiert? Premierministerin Kristrun Frostadóttir, die sich als Architektin einer historischen Wende inszenieren kann. Die EU-Kommission, die ihren 28. Mitgliedsstaat endlich an Land zöge. Die NATO, die sich einen Vorposten in der Arktis sichert, ohne selbst Truppen zu schicken. Trump, der mit Grönland gedroht hat, erhält einen Präzedenzfall dafür, dass Verbündete lieber unter sich bleiben — und merkt es kaum.
Hier beginnt das Rauschen, das mich misstrauisch macht. Die eine Quelle betont die Sicherheits-Dimension: Russland, das von der Kola-Halbinsel aus den Atlantik erreichen muss, der Chokepoint zwischen Grönland, Island und Großbritannien, Churchills Diktum, wer Island besitze, halte eine Pistole auf England, Amerika und Kanada gerichtet, Trump, der mit Grönland droht und damit das ganze Nordmeer in eine Druckzone verwandelt. Die andere Quelle zieht die Fischerei-Linie nach: nach der Finanzkrise 2008 sei Island der EU beigetreten auf der Suche nach Stabilität, die Gespräche seien binnen weniger Jahre an der Sorge zerbrochen, die territoriale Fischereigewässer zu verlieren — jetzt, mit Trump im Hintergrund und der Arktis als kritischem Mineralien-Spielplatz, komme das Thema zurück auf den Tisch.
Beide haben recht. Beide reden am Kern vorbei. Die Fischerei-Frage ist eine Frage der Souveränität über Wasser und Kabeljau, um die Island sich seit 2008 windet. Die Sicherheits-Frage ist eine Frage der Pistole, die auf einen selbst gerichtet ist, weil man zwischen den Blöcken liegt. Island versucht, beides gleichzeitig zu lösen, ohne eines zu opfern. Das wird nicht funktionieren. Wer das verschweigt? Die isländische Regierung, die die Wahl als historische Chance verkauft, statt sie als Patt-Situation zu benennen. Die EU, die mit Island endlich einen strategischen Vorposten gewönne, Fischerei-Kompromiss inklusive, als Eingangstor in eine Region, die sie bisher nur vom Atlantik aus gesehen hat.
Und die Jets? Genau dasselbe Funkschild. Vittorini sagt: Boden gehoben. Cooper sagt: Highlight gemacht. Die Quellen jubeln unisono: diesmal geht es in die richtige Richtung, diesmal wirklich. Aber die zugrundeliegenden Probleme — die unklare Rollenverteilung im Receiver-Corps, die Abhängigkeit von Glenns zweiter Saison, die Frage, ob ein Preseason-Moment einen Kaderplatz trägt — bleiben im Rauschen unter der Jubel-Frequenz. Niemand verschweigt sie böswillig. Sie verschwinden, weil Jubel einfacher zu senden ist als Sorgfalt.
Ich habe in diesem Beruf gelernt: wer eine Frequenz isoliert betrachtet, hört nur ein Signal. Wer beide gleichzeitig hört, hört die Interferenz. Optimismus ist eine Frequenz, die sich leicht senden lässt. Strukturelle Probleme sind die Trägerwelle, die unter jedem Jubel weiterläuft. Vittorini hebt den Boden, indem er das Minimum definiert. Frostadóttir verkauft die EU-Mitgliedschaft, indem sie die Fischerei-Frage kleinredet und die Sicherheits-Frage groß. Beide spielen dasselbe Spiel: sie definieren den Erfolg so, dass er gerade noch eintritt.
Das Schiff der Jets dreht sich möglicherweise. Island tritt möglicherweise der EU bei. Aber der Boden, der gehoben wurde, ist nicht das Deck. Und die Pistole, die auf Island gerichtet ist, verschwindet nicht, nur weil Brüssel einlädt. Wer das in den Jubel-Sendungen des August nicht hört, der hört nicht genau hin.
Ada Voss, Terminal Tribune
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