Hohe Worte in Teheran, tiefe Krater in Gaza
Morrison hier. Redaktion. Bourbon steht, Schreibmaschine tickt. Draußen schreit jemand nach seinem Hund oder nach seinem Leben – schwer zu sagen in dieser Stadt.
Heute Morgen landeten zwei Quellen auf meinem Schreibtisch. Zwei. Eine reicht heutzutage nicht mehr, weil die andere Hälfte des Planets sich weigert zu antworten. Schauen wir sie uns an – und prüfen wir sie, bevor wir ein Wort drucken.
Quelle A: Middle East Eye, der Morgenreport. Aggregator, klar, aber wenigstens einer, der die Region beim Namen nennt. Dort lese ich – und ich lese zweimal, weil mir beim ersten Mal flau wurde –, daß Irans oberster Führer Mojtaba Khamenei die Vereinigten Staaten und Israel zu „geschworenen Feinden" der muslimischen Einheit erklärt. Geschworen. Feinde. Einheit. Drei Wörter, jedes ein Dynamitstab. Sein Präsident Masoud Pezeshkian legt nach: Man suche keinen Krieg, aber man werde jedem Angreifer standhaft widerstehen. Die IRGC-Marine wiederum weist die amerikanische Behauptung zurück, die Straße von Hormus sei offen – ein Manöver, sagen sie, um die Ölpreise zu kontrollieren und das eigene Versagen zu tarnen.
Quelle B: Naked Capitalism. Ein Newsletter. Eine Filmkritik. Über Jan Švankmajers „Alice" aus dem Jahr 1988. Tschechischer Surrealismus, Stop-Motion, ein Mädchen, das in eine Welt aus verwesendem Spielzeug fällt. Wunderbar. Aber wie, frage ich Sie sehr direkt, hilft mir das beim Verständnis von drei toten Palästinensern in Khan Younis und Gaza-Stadt, niedergestreckt von israelischen Luftschlägen – heute, jetzt, in dieser Stunde?
Ich sage Ihnen wie: gar nicht. Und genau das ist der Zirkus.
Sehen wir die Diskrepanz. Khamenei spricht von Einheit, während sein Korridor um die Straße von Hormus zur Zitrone wird. Pezeshkian schwört keinen Krieg – aber seine Generäle reden wie Männer, die den Krieg bereits im Schädel haben. Und dann, im selben Atemzug, krachen Bomben auf al-Amal und Tal al-Hawa. Drei Tote. Drei. Eine Zahl, die nach Anonymität schreit. Wer waren diese drei? Welches Alter, welcher Name, welcher Gebetsruf wurde noch gesprochen, bevor der Beton kam? Wir wissen es nicht. Die Quelle schweigt sich aus. Und weil wir nur zwei Quellen haben, müssen wir jede Ziffer, die uns gereicht wird, mit dem Vergrößerungsglas ansehen – nicht weil sie lügt, sondern weil sie zu wenig sagt.
Quelle A berichtet weiter. Maskierte israelische Siedler überfielen ein NBC-News-Team und eine palästinensische Frau in Jalud bei Nablus. Eli Cohen, Israels Energieminister, kündigt an: Wenn Iran versuche, Atom- oder Raketenprogramm wieder aufzubauen, werde man erneut zuschlagen. Der Präsident des Landes nennt den Siedlerangriff auf Qusra einen „Schandfleck auf Israels Gesicht". Netanjahu sekundiert. Amnesty International fordert die Freilassung von Dr. Abu Safiya, der sechshundert Tage in Haft sitzt. Ägypten und Kuwait rufen zur Rückkehr an den Verhandlungstisch. Israelische Soldaten schließen den Eingang eines westjordanischen Dorfes, während Siedler Schafe stehlen. Und Israels Verteidigungsminister Katz droht mit Abschiebungen – wegen Drachen, meine Damen und Herren, wegen fliegender Drachen aus Gaza.
Muster? Muster.
Was ich hier sehe, ist eine Maschine mit zwei Kurbeln. Die eine sitzt in Teheran und produziert Vokabular – Feinde, Einheit, Widerstand. Die andere sitzt in Tel Aviv und produziert Krawall – Schlägertrupps, Bomben, Drohungen. Beide Seiten reden miteinander, aber sie reden in der Sprache des vorigen Jahrhunderts, während ihre Waffen dem jetzigen gehören. Und mittendrin stehen die Leute in Gaza, in Khan Younis, in Tal al-Hawa, in Jalud. Sie stehen nicht. Sie liegen. Drei davon für immer.
Wer profitiert? Wer verschweigt? Welche Struktur trägt das? Unklar bleibt, wie viele Drachen, wie viele Bomben, wie viele Worte nötig sind, bis die Kurbeln stillstehen. Unklar bleibt auch, ob die Zahl drei heute Mittag noch stimmt. Wir veröffentlichen trotzdem – nicht weil die Fakten reichen, sondern weil das Schweigen teurer ist. Das ist keine Zusammenfassung. Das ist eine Skizze der Maschine.
Morrison, Terminal Tribune. Der Bourbon ist leer. Die Maschine nicht. Bis morgen.
❖ Ende des Artikels ❖
