Von der See aufs Festland — Amerikas nächster Krieg beginnt mit einer Lüge
Mexico City, irgendwo zwischen Bourbon und Wahrheit — Die Vereinigten Staaten haben einen neuen Krieg begonnen, und wie alle Kriege der Geschichte beginnt er mit einer kleinen Lüge.
Seit dem siebenundzwanzigsten Februar schickt die US-Marine Raketen auf Boote, die angeblich Drogen schmuggeln. Über sechzig Angriffe. Über zweihundert Tote. Das behaupten die Generäle aus Miami, aus dem Pentagon, aus den Sprechräumen des Southcom. Mehr als zweihundert Menschen, sagt Washington. Mehr als sechzig Einsätze. Doch wie viele es wirklich waren, wie viele davon unschuldig waren, wie viele Kinder zwischen den Splittern lagen — das weiß niemand. Diese Zahl ist das erste Schweigen dieses Krieges. Ich habe Kollegen anrufen wollen, die an den Küsten Kolumbiens und Ecuadors leben. Sie gehen nicht ans Telefon. Oder sie sagen: frag nicht.
Jetzt kommt der nächste Schritt. Die nächste Stufe der Eskalation. Pete Hegseth, Verteidigungsminister und Mann mit dem Selbstvertrauen eines Mannes, der noch nie eine Kugel gehört hat, verkündete vergangene Woche im Dschungel Panamas, dass Kolumbien, Guatemala und Honduras zugestimmt hätten, US-Truppen auf eigenem Boden gegen kriminelle Gruppen operieren zu lassen. Ecuador macht das bereits seit März. "Wie die Angriffe auf die Drogenboote", sagte Hegseth beim Manöver. "Gleiche Wirkung an Land."
Doch Guatemala sagt: Nein. Guatemala hat eine solche Vereinbarung bestritten. Da stehen sie also, der Verteidigungsminister mit der großen Klappe und ein Land in Mittelamerika, und sie widersprechen sich. Während ich diese Zeilen schreibe, laufen die Pressereferenten heiß, eine Erklärung wird nachgeschoben, eine andere zurückgezogen. Wer lügt? Die Frage ist nicht rhetorisch. Sie ist der ganze Artikel.
Sehen wir uns das Muster an. Zuerst kommen die Boote. Dann kommen die Drohnen. Dann kommen die Soldaten. Dann kommen die Verträge. Dann kommen die Basen. Wer diesen Kontinent in den letzten hundert Jahren beobachtet hat, kennt die Reihenfolge. Die Vereinigten Staaten liefern Waffen, sie liefern Ausbildung, sie liefern Geheimdienstberichte, und wenn das alles nicht hilft, liefern sie Leichen. Diese Spur zieht sich von Chile bis Guatemala, von Honduras bis Panama. Man muss kein Historiker sein, um das Drehbuch zu erkennen. Man muss nur lesen können.
Im Juli 2024 starb der zehnjährige Dilan Camilo Erazo Yela in El Plateado, Kolumbien. Eine Drohne flog über den Fußballplatz, an einem Dienstagabend um halb zehn, und warf eine Bombe auf spielende Kinder. Dilan wollte Radfahrer werden. Sein Lehrer nannte ihn still und höflich. Zwölf weitere Verletzte, darunter ein elfjähriger Junge mit Brustwunde und ein zweijähriges Mädchen, das danach nicht mehr schlafen konnte. Die kolumbianische Armee schob es den EMC zu, abtrünnigen FARC-Kämpfern, die den Friedensvertrag von 2016 nicht unterschrieben hatten. Erst leugneten sie — der Bericht bricht hier ab, der Rest liegt in einer Schublade, die ich noch öffnen werde. Was sich zwischen den Zeilen findet, ist trotzdem klar: Drohnen, die aus dem Nichts kommen, sind nicht mehr nur Kriegswerkzeug ferner Schlachtfelder. Sie sind jetzt kolumbianisches Werkzeug, ecuadorianisches Werkzeug, panamaisches Werkzeug. Die Technologie wandert, und die Toten wandern mit.
In Peking sitzt Xi Jinping und lächelt sein höfliches Lächeln. Lateinamerika solle frei wählen, wen es als Partner wähle, sagte er diese Woche zu Ecuadors Präsident Daniel Noboa. Außenstehende sollten sich nicht einmischen. Das ist eine Lüge, natürlich — Peking mischt sich überall ein, mit Krediten und Häfen und langen Verträgen — aber es ist auch eine Wahrheit. Die Zone des Friedens, 2014 von dreiunddreißig Staaten unterzeichnet, verbietet ausländische Militärintervention. Sie hat nur einen Fehler: Sie existiert auf Papier.
Die Trump-Regierung hat zwanzig lateinamerikanische Gruppen zu "foreign terrorist organisations" erklärt. Das Wort ist wichtig. Sobald jemand Terrorist ist, gelten andere Regeln. Sobald jemand Terrorist ist, darf man ihn ohne Prozess töten. Sobald jemand Terrorist ist, muss man keine Trauer tragen. Das ist die Maschine, die hier läuft. Dieselbe Maschine, mit der man vor zwanzig Jahren im Nahen Osten Dörfer dem Erdboden gleichmachte.
Michael Shifter vom Inter-American Dialogue sagt es offen: "Das ist kein kooperatives Verhältnis, das ist offensichtlich ein sehr asymmetrisches." Er hat recht. Es ist die alte Geschichte, neu verpackt. Diesmal mit Drohnen, diesmal mit Terror-Etiketten, diesmal mit der Behauptung, es gehe um Drogen. Aber das Muster ist dasselbe. Washington projiziert Macht. Washington demonstriert militärische Überlegenheit. Washington setzt seine Agenda durch. Und wer nicht mitmacht, bekommt die nächste Sanktion, die nächste Botschaft, das nächste Geschoss.
Was bleibt offen? Wer hat in den sechzig Booten wirklich gesessen? Wie viele der zweihundert Toten waren Schmuggler, wie viele Fischer, wie viele Passagiere? Wer trägt die Verantwortung, wenn die ersten US-Soldaten auf kolumbianischem oder guatemaltekischem Boden getötet werden? Wer trägt die Verantwortung, wenn sie töten? Wer zählt die Toten in den Dörfern, die nie eine Zeitung sehen werden? Ich werde weiter nachfragen. Ich werde weiter bohren, wo die Kameras wegschwenken.
Die Redaktion hier unten riecht nach kaltem Kaffee und kaltem Zynismus. Aber die Wahrheit ist: Dies ist nicht der erste amerikanische Krieg in Lateinamerika. Es ist nur der erste, bei dem die Generäle glauben, sie müssten sich nicht einmal mehr die Mühe machen, ihre Lügen schön zu erzählen.
Evelyn singt unten im Café. Irgendwo in Panama steht Hegseth vor Kameras. Irgendwo auf dem Pazifik verbrennt ein weiteres Boot.
Und niemand zählt richtig.
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