Ansturm oder Echo? Was die Wellen von Ceuta uns verschweigen
Immer wenn die Welt zu klein wird für ihre Schmerzen, läuft das Telefon heiß. Bei mir lief es gestern Abend. Ceuta. Der fünfzehnte August. Wieder. Die Welle, sagen sie. Eine neue Welle. Social Media ruft, die Guardia Civil mahnt, die Kanzleramtsministerin aus Wien fordert härtere Grenzen. Das Drehbuch ist alt, die Bühne ist neu, das Publikum ist dasselbe: wir.
Ich schalte den Bildschirm an. Ich schalte das Hirn dazu. Denn wer in diesen Tagen über Ceuta schreibt, sollte wissen, dass er gerade über zwei Erzählungen gleichzeitig schreibt: über die, die das Handy erzählt, und über die, die sich auf dem Boden verifizieren lässt. Beide stimmen diesmal nicht zusammen.
Ende Juli überquerten zehntausende Menschen aus Marokko die Grenze in die spanische Exklave. Über hundert kamen ums Leben. Die meisten sind längst wieder zurück, tausende nicht, viele von ihnen minderjährig. Das ist die eine Geschichte, das ist der Knochen, von dem alles andere abfällt.
Die andere Geschichte ist das, was die Algorithmen aus dem Knochen gemacht haben. Bei CORRECTIV haben Reporter drei Wochen lang nicht nur in die Kameras gesprochen, sondern mit den Menschen. Salim, achtzehn, aus dem etwa zweihundert Kilometer entfernten Fes. Vier jüngere Brüder. Keine Möglichkeit, zu Hause genug zu verdienen. Er hat auf Instagram gesehen, dass die Grenze offen sei. Andere Schutzsuchende erzählen Ähnliches. Manche haben vorher bei Bekannten angerufen, die schon drüben waren, und sich die Information aus zweiter, dritter Hand bestätigen lassen. Das ist keine Kampagne. Das ist Verzweiflung, die ein Smartphone findet.
Und trotzdem: Am 30. Juli, dem Tag des Massenandrangs, haben spanische Faktenchecker von Maldita, zusammen mit dem Arab Fact-Checking Network, über zweihundert Beiträge mit demselben arabischen Text gezählt. Ein Video zeigt dutzende Menschen, die durch ein Tor auf der spanischen Seite rennen; der Ort ist verifiziert, fünfzigtausend Likes, Salim zeigt es mir selbst auf seinem Display. Authentisches Material. Daneben: Falschbehauptungen, Routentipps in WhatsApp-Gruppen, eine Fehlinterpretation eines Gerichtsurteils, das Versprechen aus einem Clip: „Sie werden euch helfen, sie werden euch nicht zurückschicken."
Die Versuchung ist jetzt, das Wort Kampagne in die Schlagzeile zu setzen. Hybrider Angriff, sagen manche. Mastermind, raunen andere. Wer profitiert, fragen die Ermittler, und sie haben Recht, das zu fragen. Aber: Umfassende Analysen, von CORRECTIV, von Maldita, vom Arab Fact-Checking Network, von El País und vom Bericht der Guardia Civil, der RTVE vorliegt, haben bislang keine handfesten Beweise für eine zentral gesteuerte Kampagne ergeben. Was sie ergeben haben: dezentrale Aufrufe. WhatsApp-, Facebook-, Instagram-Gruppen. Keine identifizierbaren Verantwortlichen.
Ich sage nicht, dass das beruhigend ist. Dezentral ist das neue Zentral. Eine Wolke aus tausend Handys, die alle in dieselbe Richtung schreien, braucht keinen General. Sie braucht nur einen Funken.
Und der Funke glüht gerade wieder. Für den 15. August werde in den Netzwerken offenbar Aufrufe geteilt, erneut massenhaft nach Ceuta zu gehen. Die Guardia Civil sagt das, mit „hoher Wahrscheinlichkeit". Ein Sprecher des spanischen Innenministeriums ergänzt: Man habe seit dem Frühjahr einen Anstieg des Migrationsdrucks beobachtet, aber es habe keinerlei Warnung vor einem Massenzustrom wie am 30. Juli gegeben. Heißt im Klartext: Nichts ist unter Kontrolle. Aber es ist auch nichts zentral organisiert. Es ist das gefährliche Dazwischen, eine Bewegung, die sich selbst genug ist.
Meta hat inzwischen ein Team eingesetzt, das die Lage in Echtzeit beobachtet. TikTok hat eine Taskforce mobilisiert. Die Konzerne tun, was Konzerne tun, wenn die Kamera nah genug ist: sie zeigen Hände. Die Algorithmen, die das alles möglich gemacht haben, bleiben im Nebel. Sie sind die unsichtbare Architektur dieser Welle. Sie verdienen daran, aber sie verantworten nichts.
Wem nützt es? Den Ministern, die jetzt wieder „härtere Grenzen" fordern, als sei das eine Antwort auf ein Smartphone. Den Schleusern, deren Geschäftsmodell sich in Gruppenchats materialisiert. Den Regierungen in Rabat und Madrid, die sich gegenseitig die Schuld zuschieben können, ohne je einen Algorithmus offenlegen zu müssen. Den Plattformen, die das Problem „monitoren", während es durch ihre Rohre läuft. Was bleibt offen? Wer hinter den zweihundert identischen Posts am 30. Juli wirklich stand. Warum ein Achtzehnjähriger aus Fes lieber in ein Display starrt als in eine Zukunft, die ihn halten könnte. Und wer eigentlich das nächste Video hochlädt, wenn der fünfzehnte August schiefgeht.
Morgen ist der fünfzehnte August. Ich werde wach sein. Sie auch.
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