Börse 1937
Terminal Tribune

31. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

WER KASSIERT, WENN ROBOTER BRENNEN

31. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Texas. Eine Fabrik. Ein halber Milliarde Dollar. Null brauchbare Granaten.

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Die Geschichte beginnt mit Eile und endet in Schweißbränden. Das ist die kurze Akte, die ProPublicas Reporter Jesse Coburn aus 36 Interviews und internen Dokumenten zusammengetragen hat. Sie handelt von einem Auftrag, den die US-Armee im Frühjahr 2022 an General Dynamics vergab – in einem gehetzten Verfahren, nachdem Russland die Ukraine überfallen hatte und die Biden-Regierung die Produktion von 155-Millimeter-Granaten hochfahren wollte.

General Dynamics war zu diesem Zeitpunkt die einzige Firma in den Vereinigten Staaten, die die Metallhülsen für diese Granaten herstellte, und das in einer hundert Jahre alten Anlage in Pennsylvania. Man hätte das bewährte Verfahren aus der Ära des Koreakriegs replizieren können. Stattdessen schlug General Dynamics eine Produktionslinie der türkischen Firma Repkon vor – einem Unternehmen, das im amerikanischen Verteidigungsapparat praktisch unbekannt war.

An dieser Stelle wird es interessant. Was Repkon liefern konnte, waren Maschinen, die in anderen Ländern ein älteres, einfacheres Granatenmodell bauten. Ob diese türkischen Anlagen mit dem Stahl der neueren 155-Millimeter-Hülse zurechtkamen, war zum Zeitpunkt der Vergabe nicht gesichert. Repkon selbst wies, soweit sich Coburns Bericht rekonstruieren lässt, darauf hin, dass Armee und General Dynamics etwas nicht garantieren könnten – der genaue Wortlaut bricht im vorliegenden Material ab. Was sie nicht garantieren konnten, bleibt offen. Es liegt nahe, dass es um die Stahlverträglichkeit ging. Festhalten lässt sich: Die Warnung stand im Raum. Man hat sich darüber hinweggesetzt.

Was folgte, liest sich wie eine Krankenakte. Roboterarme, die Feuer fingen. Die Schlüsselmaschine, die den Stahl für die Hülsen bearbeiten sollte, brach ihn. Arbeiter, die mit Vorschlaghämmern auf die Geräte einschlugen, um sie überhaupt zum Laufen zu bringen. Selbst ein Müllcontainer auf dem Werksgelände brannte – ein „dumpster fire" im wörtlichen Sinn, und ein früherer Armeeoffizieller, der den Vorgang beobachtete, sprach gegenüber Coburn von einem „absolute disaster". Sein Name steht nicht im Artikel. Anonyme Quellen sind ein alter Hebel investigativer Arbeit, aber auch ein Indiz dafür, wie wenig Vertrauen die Beteiligten in ihre eigene Kette haben.

Die Fabrik hat keine einzige brauchbare Granate produziert. Das ist kein Gerücht, keine Schätzung. Das steht im Bericht des Pentagon-Inspekteurs vom Juli. Die Anlage hat, mit anderen Worten, exakt das geleistet, was die Maschinen konnten – nichts.

Bevor wir die Firmenzentralen in Dallas und Istanbul befragen, lohnt ein Blick auf die Architektur der Verantwortung. Die Armee sagt, sie übe „rigorous oversight" aus und prüfe, „wo Auftragnehmer die Vertragsspezifikationen nicht erfüllen" – so, als wäre das ein Verfahren auf Augenhöhe und nicht das Eingeständnis, dass die Aufsicht über 533 Millionen Dollar Steuerzahlergeld versagt hat. Man prüfe „recoupment", also Rückforderung. Man verlagere Ressourcen. Das sind Sätze, die in Pressemitteilungen stehen, nicht in Werkhallen. Wir haben sie gehört. Wir werden uns merken, was daraus wird.

General Dynamics seinerseits verweigerte ein Interview. Eine Sprecherin erklärte gegenüber ProPublica, der Konzern habe die Anforderungen „erfüllt oder übertroffen" – so steht es laut dem DoD-Inspekteurebericht. Die Berichterstattung „mischaracterize" die Lage „grundlegend", hieß es weiter. Auf die Bitte, diese angeblichen Fehler konkret zu benennen, antwortete die Firma nicht.

Hier wird es methodisch interessant. Wer behauptet, eine Faktenrekonstruktion sei falsch, aber nicht sagen kann, an welcher Stelle, der hat zwei Möglichkeiten: Er fürchtet das, was die Akten zeigen, oder er fürchtet das, was die eigenen Ingenieure sagen könnten. General Dynamics hat sich für die Pressemitteilung entschieden. Das ist eine Wahl.

Coburn hat mit 36 Menschen gesprochen, die für die Armee, das Pentagon, General Dynamics oder das Weiße Haus gearbeitet haben. Er hat interne Firmendokumente gesichtet, Fotos und Videos aus dem Werk. Das ist die Sorte Quellenarbeit, an der sich jede Geschichte messen lassen muss. ProPublica ist kein Sensationsblatt; die Redaktion arbeitet seit Jahren mit investigativer Methode, vielfach ausgezeichnet. Die übrigen mir vorliegenden Auswertungen – NationofChange, Radio Free, Daily Kos – greifen Coburns Stück auf oder spiegeln es. Die Primärarbeit liegt bei ProPublica. Sie ist belastbar, und sie ist die einzige Primärquelle, die wir haben. Das schuldet man den Lesern zu sagen, bevor man den Hebel ansetzt.

Was bleibt, ist die Frage nach dem System. Man hat 2022 unter Zeitdruck entschieden, das ist verständlich. Man hat sich für eine unbekannte türkische Technologie entschieden, obwohl eine bewährte Alternative am Tisch lag, das ist die erste Merkwürdigkeit. Man hat die dokumentierten Bedenken über die Stahlverträglichkeit in den Wind geschlagen, das ist die zweite. Man hat zugesehen, wie eine Anlage in Texas monatelang Roboterautos, Vorschlaghämmer und Feuer produzierte, ohne den Stecker zu ziehen, das ist die dritte. Und am Ende sagt die Armee: Wir prüfen. General Dynamics sagt: Wir haben alles richtig gemacht. Der Steuerzahler sagt: 533 Millionen.

Meine Aufgabe ist nicht, das Urteil zu sprechen. Das Urteil sprechen die Aufsichtsbehörden, der Kongress, die Strafverfolgungsbehörden – wenn sie denn den Mut dazu finden. Meine Aufgabe ist, hinzuhören, wenn die Drähte summen. Hier summen sie laut.

Was wir verlangen, bevor dieses Blatt seine nächste Ausgabe druckt: eine vollständige, namentliche Aufstellung der Rückforderungen, die die Armee ankündigt. Eine öffentliche Anhörung im Streitkräfteausschuss des Senats, in der die Ingenieure, die die Maschinen bedient haben, unter Eid aussagen. Die Veröffentlichung der Vertragsverhandlungen, in denen General Dynamics die Repkon-Linie vorgeschlagen hat. Und eine ehrliche Antwort auf die Frage, wer in welcher Stunde des Frühjahrs 2022 den Entschluss fasste, das Bewährte durch das Unbekannte zu ersetzen.

533 Millionen Dollar sind keine Schweißnaht. Sie sind eine Signatur. Wir werden sie zuordnen.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 1 Behauptung belegt
  1. ZAHL $533 Million

    „The U.S. Army paid General Dynamics $533 million for an artillery factory that failed to produce a single usable shell.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 1 davon belegt · 3 externe Belege · 1 prüfbare Behauptung

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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