FRIEDEN VERHANDELT, GESCHÄFT MITGEDACHT
Asheville, North Carolina. Das Licht über den Blue Ridge Mountains ist höflich, die Luft riecht nach Kaffee und Benzin, und irgendwo hinter den Sicherheitsabsperrungen sitzen zwei Männer, von denen einer einen Krieg führt und der andere einen Frieden verkaufen will. US-Finanzminister Scott Bessent hat seinen russischen Amtskollegen Anton Siluanov getroffen, am Rande des G20-Finanzministertreffens. Was auf der Tagesordnung stand: Trumps Plan zur Beendigung des Ukraine-Krieges – und, wie Quellen der NBC-Korrespondentin Julie Tsirkin berichten, die Wiederaufnahme wirtschaftlicher Zusammenarbeit.
Man schaue genau hin. Denn hier wird gleichzeitig über das Ende eines Krieges gesprochen, in dem am vergangenen Samstag 37 Menschen getötet wurden, und über Geschäfte mit dem Land, das sie getötet hat. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Pointe.
Fox-Business-Reporter Edward Lawrence und CNBC-Kollegin Megan Cassella bestätigen das Treffen. Die New York Times und Bloomberg legen nach. Quellen, Korrespondenten, Stellungnahmen – alles fließt zusammen wie Bourbon in einem schmutzigen Glas. Was nicht fließt: die Tagesordnung. Beide Seiten schweigen sich aus. Das Weiße Haus sagt wenig. Der Kreml sagt weniger. Was übrig bleibt, ist der Geruch von Verhandlung und der Verdacht, dass der Frieden hier als Kulisse dient – nicht als Ziel.
Nehmen wir die Europäer. Die hätten das Treffen am liebsten platzen lassen. Der deutsche Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil und seine Amtskollegen drohten, das traditionelle Gruppenfoto zu boykottieren, sollte Siluanov teilnehmen. Am Ende, so die New York Times, war Siluanov auf dem Foto nicht zu sehen. Europa protestierte lautstark – und verlor still. Der Russe durfte verhandeln. Nur ablichten ließ er sich nicht. Was für ein Handel.
Und es ist nicht irgendein Auftritt. Es ist Siluanovs erste persönliche Teilnahme an einem G20-Treffen seit dem Überfall auf die Ukraine. Die US-Seite gab im Voraus keine Informationen weiter. Kein Nicken aus Brüssel, kein Anklopfen in Berlin, kein Hörspiel mit Paris. Die Einladung war ein fait accompli. Wer entscheidet so? Wer hat das abgesegnet? Und vor allem – wer profitiert davon, wenn Europa vor vollendete Tatsachen gestellt wird?
Die Vorgeschichte ist nicht ohne. Keine Woche zuvor war CIA-Direktor John Ratcliffe in Moskau, das erste öffentlich bekannte Treffen dieser Art seit 2021. Beide Seiten gaben dazu kaum etwas preis. Axios berichtet, Ratcliffe habe ein trilaterales Treffen zwischen Trump, Putin und Selenskyj in den Raum gestellt. Parallel dazu nimmt die Gewalt zu, nicht ab. Russland bombardiert. 37 Tote an einem einzigen Samstag. Selenskyj spricht von Zermürbung. Klingbeil spricht von Bildern. Und Bessent? Der spricht über Wachstum.
Genau dort wird es interessant. Das G20-Treffen, so verlautet aus dem Finanzministerium, habe Bessent genutzt, um eine wirtschaftliche Wachstumsagenda als Schwerpunkt zu setzen – weg von der Biden-Ära, weg von Klimazielen, weg von der Netto-Null-Romantik. Die Frage ist erlaubt: Ist der Friedensplan das Hauptthema, oder die Wiederbelebung eines Marktes, der seit 2022 unter Sanktionen liegt? Die Quellen, die Tsirkin nennt, sprechen von wirtschaftlicher Kooperation. Nicht von Waffenstillstand. Nicht von territorialen Fragen. Von Geschäft.
Und dann ist da noch das iranische Kapitel. Bessent führt „Operation Economic Outcast" – ein Programm zur Isolierung Teherans. Die Iraner, so heißt es, erhalten Informationen von russischer Seite. Russische Drohnen in Rumänien, eine Rakete über Polen, Cyberangriffe in Europa. Das ist nicht das Bild eines Partners, der demnächst aus der Kälse zurückkehrt. Das ist das Bild eines Staates, der Druckmittel hat und sie einzusetzen weiß.
Die Außenwelt schaut zu. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für dieses Jahr ein langsameres globales Wachstum und steigende Inflation. Bessent muss seine Kollegen in Asheville beruhigen, dass die amerikanische Verschuldung das Weltfinanzsystem nicht kippt. Klingbeil droht mit Boykott. Polito fragt nach den Schulden. Bloomberg bestätigt das Treffen. Alles steht im Licht desselben Saals.
Was bleibt? Ein Finanzminister, der Wachstum verspricht. Ein russischer Kollege, der auf sein Foto verzichtet. Europäer, die protestieren und trotzdem am Tisch bleiben. Eine Tagesordnung, über die niemand Auskunft gibt. Und ein Krieg, der weitergeht, während über sein Ende verhandelt wird – leise, am Rand, zwischen Bourbon und Kaffee.
Morgen wird es wieder heißen, man habe über Frieden gesprochen. Die Geschäfte sind dann schon gemacht. Und das Foto? Das ist längst im Archiv – nur nicht das, das alle wollten.
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