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Terminal Tribune

2. September 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

Das Opfer und die vier Schritte: Wie Tokio am Yasukuni vorbeitanzt

2. September 2026 — Morrison, over and out.

Fünfzehnter August. Tokio. Die Luft schmeckt nach Salz und nach dem, was man hier Erinnerung nennt. Vor dem Budokan steht eine Frau in Schwarz und verbeugt sich zweimal über die Straße hinweg, in Richtung eines Schreins, den zu betreten sie sich heute nicht leisten kann. Premierministerin Sanae Takaichi tut, was ihre Vorgänger taten: Sie schickt eine Opfergabe. Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi geht hin. Drei weitere Kabinettsmitglieder gehen hin — Wirtschafts- und Finanzminister Minoru Kiuchi, Wirtschaftssicherheitsministerin Kimi Onoda, Staatsminister Hitoshi Kikawada. Die Erde merkt nichts, die Kameras merken alles, und die Geschichte — nun, die Geschichte zuckt die Schultern.

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Einundachtzig Jahre sind es jetzt. Takaichi, die Konservative, die vor ihrem Amtsantritt im Oktober den Schrein bei jeder sich bietenden Gelegenheit besuchte, hat das Tempo gedrosselt. Sie trat als Liberdemokratin an die Macht und zahlte das Opfer aus eigener Tasche, heißt es, Generalsekretär Shunichi Suzuki übersetzt die Geste für die Mikrofone: „Ich verstehe die Gefühle der Premierministerin für die Geister der Kriegstoten, deshalb besuchte ich den Schrein in ihrem Sinne." Wer bezahlt, befiehlt. Wer befiehlt, spricht nicht.

Hinter der Bühne steht das, was Tokio nicht sagen will. Yasukuni ehrt zweieinhalb Millionen Kriegstote — und seit 1978 vierzehn als Götter eingeschriebene Anführer des japanischen Kaiserreichs, darunter Hideki Tojo, 1948 hingerichtet wegen Verbrechen gegen den Frieden. Der Schrein ist, diplomatisch ausgedrückt, ein Symbol. Politisch ausgedrückt ist er ein Altar mit doppeltem Boden. Wer hingeht, ehrt Soldaten und verurteilte Verbrecher zugleich. Wer eine Gabe schickt, wäscht sich die Hände nicht, aber er hält sie trocken.

Koizumi weiß das. Er ging trotzdem hin, der erste amtierende Verteidigungsminister seit Minoru Kihara, der an einem Jahrestag dort aufkreuzte. Auf Instagram schrieb er später von „aufrichtigem Beileid für die heldenhaften Geister, die ihr kostbares Leben für die Nation opferten" und bekräftigte Japans „Weg als friedliche Nation". Die Wortwahl ist kein Zufall. Wer „heldenhafte Geister" sagt, während China und Korea „anachronistisch" brüllen, der spielt ein Spiel, dessen Regeln er kennt und dessen Preis andere zahlen.

Peking reagierte wie eine Kirchenuhr. „Stark verurteilt", hieß es aus dem Außenministerium, „starke Protestnote eingereicht". Seoul sprach von „tiefer Reue" und nannte das Ganze, man höre, „anachronistisch". Beide Länder haben unter der japanischen Kriegsaggression gelitten — und beide Regierungen tun, was sie immer tun: Sie protestieren formell, notieren den Vorgang, legen die Akte zu den anderen. Das Ritual funktioniert in beide Richtungen.

Wer profitiert? Das ist die Frage, die niemand stellt. Takaichi profitiert — innenpolitisch. Sie bleibt ihrer Basis treu, ohne den Schrein zu betreten. Die Basis nimmt die Opfergabe als Treuezeichen. Koizumi profitiert — als Mann, der hingeht, wo seine Chefin nicht hingehen kann. Die LDP als Partei profitiert, weil das Ritual den Streit am Köcheln hält, ohne ihn zu öffnen. Tokio profitiert, weil jede Protestnote aus Peking den Haushalt rechtfertigt: Aufrüstung, steigende Verteidigungsausgaben, „zunehmend ernste Sicherheitslage". Die Rituale am fünfzehnten August sind das Brandbeschleunigungsmittel, mit dem das Verteidigungsministerium seine Budgets einstreicht.

Was bleibt? Eine zweifache Verbeugung über eine vierspurige Straße. Eine Opfergabe, privat bezahlt, offiziell gewürdigt. Ein Verteidigungsminister, der schweigt und postet. Worte aus Peking, Worte aus Seoul. Und irgendwo zwischen Budokan und Schrein ein Land, das sich seit 1945 als pazifistisch versteht und gleichzeitig seine Militärausgaben in eine Höhe schraubt, die früher als Wahnsinn gegolten hätte.

Wer verschweigt was? Unklar bleibt, was Takaichi Koizumi vor seinem Gang aufgetragen hat — ob Schweigen Pflicht war, ob es ein Signal gab. Die Quellen schweigen. Die Kameras schweigen nicht. Aber Kameras sehen keine Absprachen.

Der fünfzehnte August ist ein Datum, kein Urteil. Aber jede Opfergabe ist ein Satz in einem Prozess, der nie eröffnet wurde.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZAHL 81st anniversary of country's World War II surrender

    „three other Cabinet members went there on the 81st anniversary of the end of World War II.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT Koizumi visits shrine

    „Koizumi paid his respects at Yasukuni Shrine on Saturday, on the 81st anniversary of Japan’s surrender in the second world war.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

  • 4 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

5 Quellen · 2 davon belegt · 4 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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