Zwei Hosen und das offene Meer: Was kostet die vermeintliche Freiheit wirklich
Draußen regnet es. Evelyn singt irgendwo unter mir, schlecht und schön, wie immer um diese Stunde. Bourbon steht im Glas, die Schreibmaschine wartet. Und ich frage mich, seit ich diese Meldung auf dem Tisch habe: Wem gehört die Geschichte von der Frau, die auf Kreuzfahrtschiffen lebt und nur zwei Paar Hosen besitzt?
Libby Rome ist zweiundfünfzig. Sie lebt seit drei Jahren mit ihrem Mann auf Kreuzfahrtschiffen. Sie bereist die Welt. Sie besitzt kaum mehr als einen Rucksack. Sie lebt für 33 Dollar am Tag. Keine Hausarbeit, keine Verpflichtungen. Klingt nach dem Manifest eines jeden Mannes, der je eine Miete schuldet.
Klingt nach dem Traum.
Ich habe das schon einmal gehört. Damals, als die großen Schiffe nach New York fuhren und die Stewards mehr Schlafplätze teilten als die Passagiere Steaks. Der Traum ist ein Geschäft. Wer verkauft ihn, verdient. Wer ihn kauft, glaubt.
Dreiunddreißig Dollar am Tag, sagt die eine Quelle. Sechsundsechzig Dollar am Tag für zwei, sagt eine andere. Für Unterkunft, Verpflegung, Transport, Essen, Unterhaltung. Frührente, sagt man. Treueprogramme der Reedereien, sagt man. Casino-Angebote. Wer viel spielt, bekommt Rabatt. Wer nicht spielt, zahlt. So funktioniert das. So hat es immer funktioniert.
Und dann lese ich: Dauerhaftes Leben an Bord kostet bis zu 5000 Euro im Monat pro Person. Drei- bis fünftausend. Das sind hundert bis hundertsechzig Dollar am Tag, allein für die Kabine. Trinkgelder kommen dazu. Internet. Ausflüge. Das Spezialitätenrestaurant. Die medizinische Versorgung an Bord, falls das Meer einem übel mitspielt.
Hier beginnt der Riss. Hier beginnt die Frage, die mir keiner beantworten will.
Die eine Quelle malt das Bild der klugen Verwalterin, die mit Treuepunkten und Bordcasino das System austrickst und für dreiunddreißig Dollar am Tag lebt wie eine Königin. Eine andere spricht von drei- bis fünftausend Euro im Monat pro Person, von zusätzlichen Kosten, von einer Welt, die man sich leisten können muss, bevor man überhaupt an Bord geht. Beides kann nicht gleichzeitig wahr sein. Oder es ist wahr, weil die Wahrheit in der Lücke dazwischen wohnt.
Wer profitiert? Immer dieselben. Die Reedereien, die das ewige Versprechen verkaufen, dass morgen schon Bahamas ist. Die Werbeabteilungen, die aus Frühstücksbuffets ein Lebensgefühl basteln. Die Reisebüros, die Romantik aus Hafengebühren pressen.
Und Libby? Libby ist die Reklame. Libby ist die Auslage. Eine Frau mit zwei Paar Hosen, die zwischen ihnen wechselt, während eine in der Wäsche ist. Das ist kein Besitz. Das ist eine Pose. Das ist die Fotografie, die das People-Magazin braucht, damit der nächste Rentner seine Wohnung verkauft.
Ihr gesamter Besitz passt in einen Rucksack. Vor sechzehn Jahren haben sie und ihr Mann den Großteil ihres Besitzes verkauft, um als Nomaden durch die Welt zu ziehen. Damals, heißt es, war es ein Rucksack. Heute sind es zwei Hosen und ein Leben auf See. Was geschah mit dem Geld dazwischen? Wo sind die sechzehn Jahre, die zwischen dem Verkauf und dem ersten Schiff liegen? Unklar bleibt, wer in diesen Jahren was bezahlt hat und wovon genau.
Sie ist seekrank gewesen am Anfang. Ein paarmal, sagt sie. Dann habe sie gelernt, es zu verhindern. Das ist eine kleine Lüge, die jeder Seemann kennt. Das Meer lässt sich nicht besiegen. Man gewöhnt sich nur daran, dass es einen besiegt.
Sie rät zu einer oder zwei Probefahrten, vielleicht einer langen mit vielen Seetagen, um sicherzugehen. Das ist vernünftig. Das ist auch das Eingeständnis, dass diese Lebensform kein Urlaub ist, sondern ein Job. Ein Job ohne Kündigungsschutz, ohne Adresse, ohne Wände, an die man etwas hängen kann.
Drei Jahre. Kein Haus. Keine Hausarbeit. Keine Verpflichtungen. Nur Bewegung als Lebensart. Klingt nach Freiheit, schmeckt nach Leere. Zwei Paar Hosen und kein Ende in Sicht.
Und am Ende sitzt du auf einer Liege am Heck, der Horizont wandert mit dir, und du fragst dich nicht, wohin, sondern wie lange noch. Wie lange noch, bis das Geld ausgeht. Wie lange noch, bis der Körper nicht mehr mitmacht. Wie lange noch, bis die Kabine, die du dein Zuhause nennst, unter dir versinkt oder dich in einen Hafen spült, in dem du niemanden kennst.
Die Römer hatten ein Wort dafür. Sie nannten es Beatus Ille, das glückliche Leben im fernen Hafen. Dann kam die Rechnung. Die Rechnung kommt immer.
Wer bezahlt sie? Unklar bleibt, welche Opfer diese Reise tatsächlich fordert. Unklar bleibt, welche Generationen nach ihr noch wissen werden, wie man an einem Ort verwurzelt bleibt. Unklar bleibt vor allem, ob Libby Rome morgen früh aufwacht und die Hosen wechselt, oder ob sie irgendwo an Land geht, weil das Meer sie endgültig lehr ist.
Evelyn singt jetzt leiser. Der Regen hat aufgehört. Und die Geschichte von den zwei Hosen ist genau das, wofür ich sie halte: ein gutes Geschäft für jemanden, nur nicht für die, die sie erzählen.
Dreiunddreißig Dollar am Tag. Und der Traum gehört dir. Bis das Wasser steigt.
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