ZIFFERN IM SCHLAMM: WER ZÄHLT WEN AM BOTEKOSHI?
Die Drähte summen. Aus Nepal kommen Zahlen, und keine zwei stimmen überein.
Am Mittwochmorgen, neun Uhr Ortszeit, bricht am Botekoshi ein Eis-Fels-Avalanche in den Fluss. Climate-Experten vom International Centre for Integrated Mountain Development erklären später, ein Eis-Fels-Sturz auf nepalesischer Seite habe den Nebenfluss Lhende Khola gestaut, bevor die Wassermassen plötzlich als Sturzflut nach unten schossen. Das wachsende Risiko in den sich rapide erwärmenden Himalaya-Regionen, sagen sie. Eine Erklärung. Eine bequeme Erklärung.
Was folgt, ist nicht zuerst eine Katastrophe. Was folgt, ist eine Zählung. Und die Zählung ist selbst die Katastrophe.
Fünfundneunzig Tote meldet Al Jazeera noch am Mittwoch. Andere Frühberichte sprechen von mindestens 98. Die New York Post tags darauf: mehr als 330. The Guardian später: 356. Andere Quellen, die über die Tagesschlagzeilen hinaus zählen, nennen Zahlen bis 389. Vier, fünf Zählungen für ein- und dieselbe Sturzflut, alle innerhalb von sechsunddreißig Stunden. Ein Zeitfenster, in dem keine Leiche exhumiert, keine Liste geschlossen wird.
Ich habe in zwanzig Jahren Schiffsfunk und Radar gelernt: Rauschen ist nie zufällig. Was ich hier höre, ist kein Rauschen. Es ist ein orchestriertes Durcheinander.
Die Differenz ist Architektur. Wer zählt, bestimmt, wer betrauert wird. Wer nicht in der Liste auftaucht, existiert in der Statistik nicht — und damit auch nicht in den Hilfskonvois, nicht in den Versicherungsauszahlungen, nicht in den diplomatischen Noten.
Vier Behörden, vier Zahlen. Die National Disaster Risk Reduction and Management Authority, einberufen von Premierminister Balendra Shah. Das Außenministerium, das via Parlament die Hypothese eines auslösenden Erdbebens streut. Der United States Geological Survey misst zunächst 4.4 Magnitude, korrigiert später auf 5.2 — verursacht vom Erdrutsch selbst, nicht von seismischer Aktivität. Eine Berichtigung, die stillschweigend erfolgt. Wer ordnet hier welche Erzählung zu?
Indes: 33 Briten, darunter ein Mädchen von dreizehn Jahren, werden vermisst. Janai Purnima fällt in diese Woche — ein Fest, das Pilgerströme in die Berge zieht. Die indische Regierung führt über hundert Landsleute. Sechzig Amerikaner, so die New York Post. Dreiundsechzig nach Angaben des nepalesischen Tourismusboards. Andere Quellen sprechen von bis zu neunzig. Drei Zahlen für dieselbe Staatsbürgerschaft, keine offiziell bestätigt.
Die Differenz ist nicht journalistische Schlamperei. Sie ist der Rohstoff, aus dem später Visa-Anträge, Versicherungsauszahlungen und diplomatische Noten geformt werden. Wer als vermisst geführt wird, hat einen Anspruch. Wer nicht geführt wird, hat keinen.
430 Megawatt Produktionskapazität, meldet die Nepal Electricity Authority. Die Post spricht von 400. Fünfzehn Wasserkraftwerke unter Beschädigung, Hunderte Lastwagen und importierte Elektrofahrzeuge weggeschwemmt. 19 Brücken und fast 25 Meilen Straße zerstört. Das sind Kredite, die bedient werden müssen. Verträge mit indischen und chinesischen Investoren, deren Bilanzen sich an dieser Zahl entscheiden — die Infrastruktur eines Landes, das gerade erst beginnt, seinen Stromexport aufzubauen.
Die Touristikfirma Himalayan Glacier vermisst 47 Personen aus einer einzigen Gruppe, darunter zwei Kinder. Eine Firma, eine Reiseroute. Multipliziert man das mit den Veranstaltern rund um den Gosaikunda-See und durch das Grenzstädtchen Rasuwagadhi, ergibt sich die Lücke zwischen offizieller Vermisstenliste und tatsächlich Betroffenen. Eine Lücke, die niemand schließen will.
China hat drei Tote im tibetischen Grenzgebiet bestätigt. 265 Chinesen werden vermisst. Unklar bleibt, welche Listen Peking mit Kathmandu abgleicht — und welche nicht.
Wer profitiert von welcher Zahl? Die Regierung in Kathmandu profitiert zunächst von einer niedrigen Opferzahl, solange die Hilfsangebote aus Neu-Delhi und Peking noch nicht sortiert sind. 570 chinesische Rettungskräfte sind bereits nach Gyirong entsandt. Indien ist über die Trishuli-Mündung betroffen. Beide Großmächte stehen am Ufer. Kathmandu ruft beide um Hilfe. Das ist kein Akt der Demut. Das ist Geopolitik per Funkfrequenz. Xi Jinping hat eine „all-out" Suchaktion gefordert. Die Frage ist nicht, ob China hilft — die Frage ist, in wessen Datenbank die Geretteten landen.
Unklar bleibt, warum die offiziellen Zahlen nicht synchronisiert werden, obwohl die Disaster Authority die Fäden halten sollte. Premier Shah hat sie einberufen. Das Ergebnis: keine einheitliche Zahl.
Wir notieren fürs Archiv: In einer Krise ist jede Zahl ein politisches Konstrukt. Die wahre Bilanz wird Monate später feststehen, wenn die Vermisstenakten geschlossen, die Versicherungen ausgezahlt, die diplomatischen Noten vergilbt sind. Bis dahin sendet jede Station ihre eigene Wahrheit. Wer das nicht hört, hat den Knopf am Empfänger nicht aufgedreht.
Die Drähte summen weiter. Mein Lötkolben ist warm. Ich höre zu.
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