Börse 1937
Terminal Tribune

3. September 2026

Dossier · Krisen & Konflikte

BIOCHEMIE WEISS BESCHEID, MERZ SCHWEIFT

3. September 2026 — Morrison, over and out.

Der Regen hämmert gegen die Scheibe wie ein anklagender Zeigefinger. Evelyn singt unten im Café. Bourbon in der Schublade. Schreibmaschine vor mir. Ich tippe.

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Fibermaxing. Ballaststoffe boomen. Kapseln, Pulver, Riegel, angereicherte Joghurts — der Markt quillt über wie ein Darm, der endlich bekommt, was ihm jahrelang verwehrt wurde. Die Industrie entdeckt das Loch im Bauch der Nation und füllt es mit Gold.

Dann sagt eine Frau namens Maren Kemper etwas so Schlichtes, dass es wehtut: Die meisten Menschen essen viel zu wenig Ballaststoffe. Sie sagt es einmal. Sie sagt es nochmal. Sie wiederholt es, bis es sitzt. Biochemikerin. Der Darm braucht keine Wunderkur, sondern mehr Pflanzen. Mehrere Pflanzenbestandteile. Nicht die eine Kapsel. Nicht der eine Trend. Die Vielfalt, die unsere Großmütter kannten, bevor die Nahrungsmittelindustrie ihnen das Brot austrocknete.

Lange wurden Kohlenhydrate verteufelt. Fette sowieso. Dann Protein. Ballaststoffe? Nebenrolle. Statisten im eigenen Stück. Jetzt der Boom. Bloß: Reden und Essen sind zwei Dinge. Der Diskurs ist satt, der Mensch nicht.

Flohsamenschalen in Wasser. Quellen auf. Bilden Gel. Manche greifen danach wie Ertrinkende. Kemper empfiehlt das nicht als Königsweg. Sie empfiehlt das Gegenteil: essen. Vielfältig. Pflanzen. Kerne, Hülsen, Schalen, Blätter. Was die Erde hergibt, bevor die Logistik es zerkleinert. Die Biochemikerin spricht über den Darm und die Bedeutung von Pflanzen, als spräche sie über eine zerstörte Stadt, die man Stein für Stein wieder aufbauen müsse.

Während ich das lese, denke ich an Rom. An Straßen, die nicht gebaut wurden, weil das Geld in die Arena floss. An Brot, das das Volk bekam, damit Ruhe herrschte. Damals war der Bauch der Nation ein politisches Instrument. Heute ist er ein Marketinginstrument. Der Unterschied ist kosmetisch.

Am selben Tag. Fast zur selben Stunde. Friedrich Merz, Bundeskanzler, Schloss Neuhardenberg, Klausur. Die Tonlage wechselt. Die unmittelbaren Sicherheitsrisiken im eigenen Land rücken in den Fokus. Die Belebung der Wirtschaft rückt an den Rand. Aus Merz wird ein Mann, der die Hände flach auf den Tisch legt und sagt: Jetzt wird sortiert. Sicherheit, immer die Sicherheit. Als wäre der Staat ein Tresor und das Volk der Inhalt, den man bewacht.

Schöner Kontrast. Hier eine Biochemikerin, die sagt: eßt mehr Pflanzen, eßt vielfältig, hört auf mit den Kapseln, lernt wieder, was ein ganzer Teller ist. Dort ein Kanzler, der die Tonlage wechselt wie andere die Socken. Hier Substanz. Dort Inszenierung. Hier Körper. Dort Apparat.

Wer profitiert? Die Supplement-Industrie, klar. Die Lebensmittelkonzerne, die ihre Produkte mit Ballaststoffen anreichern dürfen, weil der Kunde endlich weiß, was er will. Die Medien, die jeden Trend zur Sau durchs Dorf treiben. Wer verliert? Der Mensch, der glaubt, mit Flohsamenschalen sei das Problem gelöst. Der Mensch, dem erzählt wird, Ballaststoffe seien ein Trend wie Smoothie-Bowls. Der Mensch, der in einem Land lebt, dessen politische Klasse gerade lieber über Sicherheit spricht als über das, was die Menschen wirklich am Leben hält — nämlich das, was sie essen, wie sie es essen, und wer Zugang zu welchen Pflanzen hat.

Kemper weiß Bescheid. Die Biochemie lügt nicht. Der Darm fragt nicht nach der Tonlage des Kanzlers. Er fragt nach Pflanzen. Mehreren. Vielfältig. Über Jahre. Generationen vielleicht.

Oben in Neuhardenberg werden Pässe kontrolliert und Risiken sortiert. Unten in der Redaktion sitze ich, rauche, höre Evelyn zu, und denke: Wir reden über die falschen Dinge. Wir reden über Sicherheit, weil sie sich gut verkauft. Wir reden über Migration, weil sie sich gut verkauft. Wir reden über Wirtschaft, weil sie sich gut verkauft. Wir reden nicht über den Boden. Über das, was auf ihm wächst. Über das, was wir verloren haben, als wir aufhörten, vielfältig zu essen.

Die Pflanze ist ehrlich. Sie wächst oder wächst nicht. Sie kennt keine Tonlage. Sie kennt nur Licht, Wasser, Erde. Wenn wir das verlernen, verlernen wir, ehrlich zu sein.

Unklar bleibt, wer in Berlin das letzte Wort darüber hat, was auf deutschen Tellern landet. Unklar bleibt, warum ein Kanzler seine Tonlage wechselt wie ein Wetterhahn, während eine Biochemikerin ruhig sagt, was seit Jahren gesagt werden müsste. Unklar bleibt, warum Vielfalt in der Ernährung als Trend verkauft wird und nicht als Überlebensfrage.

Was ich weiß: Die Pflanze verschwindet nicht. Sie kommt wieder. Ob mit ihr die Ehrlichkeit zurückkommt, weiß ich nicht.

Evelyn singt. Der Regen hämmert weiter. Die Maschine hat, was sie braucht.

Morrison, Terminal Tribune.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 3 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Biochemikerin betont die Bedeutung von Pflanzen für den Darm

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZITAT Die meisten Menschen essen viel zu wenig Ballaststoffe

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  3. ZITAT Merz verändert seine Tonlage in der Regierungsklausur

    „Der Kanzler wechselt die Tonlage: Auf der Klausur seiner Regierungsmannschaft rückt Merz (CDU) die unmittelbaren Sicherheitsrisiken im eigenen Land in den Fokus.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 1 davon belegt · 4 externe Belege · 3 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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