PUTINS HUNGERKRIEG – BROT ALS WAFFE, WELT ALS GEISEL
Der Rauch hängt heute dichter als sonst in der Redaktion. Evelyn unten im Café singt etwas Französisches, das ich nicht verstehe. Vielleicht ist das gut so. Denn was ich hier schreibe, würde mir ohnehin keiner glauben, wenn ich es nicht selbst durch die Maschine jage.
Moskau hungert die Welt aus. Nicht metaphorisch. Nicht „irgendwann". Jetzt. Diese Woche.
Behalten Sie das im Kopf, während Sie den nächsten Absatz lesen: In derselben Woche, in der zwei türkisch operierte Frachter auf dem Schwarzen Meer getroffen werden – so meldet es Quelle A –, berichtet eine andere Quelle B von russischen Angriffen auf ukrainische Getreidelager an Land. Auf See. An Land. Beides gleichzeitig. Wer profitiert von dieser Choreografie? Nicht der Hunger. Nicht die hungernden Mütter in Lagos. Nicht die Kinder in Karachi. Wer dann?
Das ist Architektur. Eine mehrdimensionale Blockade des Lebensmittelverkehrs. Auf hoher See und im Hinterland. Es ist die systematische Instrumentalisierung einer einzigen Waffe: Brot.
Quelle A schreibt: Die Angriffe auf friedliche Lebensmittellieferungen gehen weiter. Quelle B behauptet: Man habe sie gestoppt. Beide Nachrichten aus derselben Woche. Mindestens eine Seite lügt. Wahrscheinlich lügen beide – jede auf ihre eigene, präzise Weise.
Unklar bleibt, wer in der türkischen Regierung wirklich die Fäden zieht beim Plan für sichere Passage durch das Schwarze Meer. Ankara hat einen solchen Plan vorgelegt. Man ist in Kontakt mit Moskau. Man ist in Kontakt mit Kiew. Man redet. Während die Frachter brennen.
Dreißig Prozent. So viel Weizen und Gerste exportieren Russland und die Ukraine zusammen. Neunzig Prozent davon laufen über das Schwarze Meer. Neunzig. Lassen Sie diese Zahl wirken, während Ihr Toast im Mund kalt wird.
2022 warnten die Vereinten Nationen: Bis zu 47 Millionen Menschen drohten Hunger oder Nahrungsmittelknappheit, falls die Schwarzmeer-Getreideexporte kollabieren. 47 Millionen. Das war eine Zahl auf einem Papier der UN. Jetzt ist es eine tickende Bombe unter jedem Brotlaib, der in Chicago gehandelt wird.
Die Weizenpreise in Chicago steigen bereits. Die amerikanischen Lebensmittelrechnungen schnellten 2022 um 11,4 Prozent nach oben – der größte jährliche Anstieg seit Jimmy Carters Amtszeit. Die Midterm-Wahlen stehen vor der Tür. Wählen kann man auch mit knurrendem Magen.
Während die Welt also über Weizen redet, vollzieht sich in Moskau eine zweite, lautlose Mobilisierung. Wladimir Putin hat ein Gesetz unterzeichnet, das den Pool verurteilter Straftäter erweitert, die einen Vertrag mit der Armee unterzeichnen können – einschließlich jener, die wegen „schwerer und besonders schwerer Straftaten" verurteilt wurden. Mörder. Räuber. Vergewaltiger. Sie alle bekommen jetzt eine Uniform. Wofür? Für den nächsten Angriff auf einen türkischen Frachter? Für das nächste Getreidelager in Odessa?
Das ist keine Mobilmachung. Das ist die Verfütterung einer eigenen Bevölkerung an eine Maschine, die anders nicht mehr läuft. Und es ist die kalkulierte Vorbereitung eines Winters, in dem die Welt hungern soll.
Kiew hat eine Waffenruhe für Lebensmittellieferungen angeboten – unter der Bedingung, dass Moskau das gleiche tut. Moskau hat abgelehnt. Die offizielle Begründung: Kiews „dreiste Terrorakte" gegen russische Öltanker. Dreist. Das Wort kommt aus einem Mund, der gleichzeitig Getreidespeicher in Charkiw in Brand schießt und Kühlhäuser für Milchprodukte dem Erdboden gleichmacht.
Das Moskauer Außenministerium behauptet, westliche Sanktionen seien das eigentliche Hindernis. Schön wär's. Die aktuellen Sanktionen schließen russische Agrarexporte und Düngemittel ausdrücklich aus. Russland darf seinen Fisch verkaufen. Seinen Wodka. Überallhin, nur nicht in die USA. Wer glaubt also noch, dass Sanktionen das Problem sind? Sanktionen sind die perfekte Ausrede für jemanden, der ohnehin vorhatte, Brot als Waffe einzusetzen.
Die alten Römer verstanden das schon. Brot und Spiele. Aber die Römer haben das Brot wenigstens noch verteilt. Moskau verbrennt es.
Die ukrainischen Regale sind leer. Frische Waren. Molkereiprodukte. Brot. Das ist nicht die Rationierung eines belagerten Paris im Winter 1940. Das ist die kalkulierte Aushungerung eines Landes, das Brot für die halbe Welt produziert – mitten in der Erntesaison.
Polen hat reagiert. Schutzquoten. Bauernproteste. Außenminister Sikorski sprach Klartext: „Wir haben auch Politik. Polnische Bauern können nicht den gesamten Druck der EU tragen." Die Solidarität endet am eigenen Acker.
Und was sagt Washington? Das Weiße Haus wird aufgefordert zu handeln, jetzt, sofort, bevor die Katastrophe da ist. Vor 2022 hat man versucht, sichere Passage für Getreideschiffe zu sichern – mit der Türkei, mit den Vereinten Nationen. Moskau hat diese Verhandlungen ausgebeutet, um Sanktionserleichterungen zu erzwingen. Das ist das Muster. Verhandeln, um Zeit zu gewinnen, dann weiter blockieren.
Was ist neu 2026? Die Ukraine hat ein „Long-Range Sanctions"-Programm gestartet. Sie zielt nicht mehr nur auf das Schwarze Meer, sondern auf Energieinfrastruktur in der Region Moskau, in Tambow. Das erzürnt den Kreml. Sehr. Aber Zorn ist kein Grund, ein ganzes Meer in Brand zu setzen.
Unklar bleibt, wie viel von dieser Eskalation Strategie ist – und wie viel Wut. Wer in der russischen Militärführung wirklich den Befehl gibt, auf türkische Frachter zu schießen statt auf Militärziele, das ist eine Frage, die noch keine offene Quelle beantwortet hat. Die Struktur jedoch kennen wir. Sie ist alt. KGB-Architektur. Eine Apparatschik-Mentalität, die Brot als Hebel versteht. Druckmittel gegen Afrika, gegen den Nahen Osten, gegen Asien. Gegen uns.
Evelyn singt jetzt etwas Langsames. Das Licht unten im Café flackert. Irgendwo auf dem Schwarzen Meer brennt ein Frachter unter türkischer Flagge. Irgendwo in der Ukraine schlägt eine Granate in einen Getreidespeicher. Irgendwo in Chicago steigt ein Weizenkontrakt. Irgendwo in Lagos wird eine Mutter heute Abend ihren Kindern erklären müssen, dass das Brot morgen nicht reicht.
Das ist kein Krieg mehr. Das ist eine Hungersnot mit Uniform. Und die Quittung kommt nicht in Rubel. Die Quittung kommt an Ihrer Supermarktkasse.
❖ Ende des Artikels ❖
