Wer profitiert, wenn Ceuta brennt
Sie haben Namen. 5.000 nach offizieller Schätzung – manche sprechen von 2.000, andere von 10.000, Madrid gibt an, keine genauen Zahlen zu haben. Marokkanische junge Männer. 1.200 Minderjährige darunter. Sie schlafen am Strand, im Wald, auf der Straße. Lebensmittelgeschäfte öffnen nur mit Wachpersonal. Pfefferspray ist ausverkauft.
Vier Wochen ist es her, dass rund 70.000 Menschen die spanische Exklave an der Nordküste Afrikas überrannten. Sie kamen, weil in den Tagen zuvor User in Netzwerken, Messenger- und Facebookgruppen in Marokko verbreitet hatten: „Die Grenze ist offen." Die meisten gingen freiwillig zurück. Die Übrigen harren aus. Ohne Dach. Ohne Verfahren. Ohne Aussicht.
Pedro Sánchez hat die EU um Hilfe gebeten. Frontex. Die Bearbeitung der Asylanträge. Die Anfrage aus dem Innenministerium liegt auf dem Tisch. Einige Mitgliedstaaten signalisieren Unterstützung. Andere kritisieren Madrid – und bringen den zeitweiligen Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum ins Spiel.
Vier Wochen. Und ich frage mich: wem nützt das?
Innenpolitisch ist die Rechnung einfach. Vox, die konservative Volkspartei – sie sprechen bereits von „Invasion", mobilisieren landesweit. Sánchez' Koalition steht vor Wahlen im nächsten Jahr. Eine Krise, die er nicht verursacht hat, die er aber nicht schnell genug löst. Das ist der Hebel, den seine Gegner suchen.
International wird es unübersichtlicher – und genau da beginnt mein Misstrauen.
Sánchez benennt die Täter, im Radio der Cadena SER, Montagfrüh: „Netze mit Verbindungen zu Russland und Israel." „Eine rechtsextreme Internationale." Ohne Beweise. Ohne Einzelheiten. Er hat sich mächtige Feinde gemacht – den Gaza-Kurs als Völkermord benannt, die Nato-Rüstungsforderung Trumps abgelehnt, den US-Basen den Zugang im Irankrieg verweigert. Dass Netanyahu, Trump und Musk auf X offen gegen ihn hetzen, ist dokumentiert. Dass das Trump-nahe American Enterprise Institute Marokko noch vor dem Massenansturm empfohlen haben soll, einen „Grünen Marsch" auf Ceuta und Melilla zu organisieren, ist ein Detail, das in diesen Kontext gehört und weiter geprüft werden muss.
Aber: Dass konkret die Falschmeldung „Die Grenze ist offen" über marokkanische Kanäle gestreut wurde, um 70.000 Menschen in Bewegung zu setzen – das ist bislang Behauptung. Ohne Beleg. Ohne Screenshot. Ohne Zeugen. Wer das behauptet, macht sich angreifbar. Die Opposition wird ihm Verschwörungstheorie vorwerfen. Nicht zu Unrecht.
Unklar bleibt, wer die Lüge lancierte. Unklar bleibt, ob die Videos aus Ceuta, die jetzt online kursieren und gegen Migranten hetzen, von organisierten Gruppen gezielt verbreitet werden oder nur Algorithmus-Futter sind. Unklar bleibt, wie viele der verbliebenen 5.000 ein Recht auf Asyl hätten – und wer das prüft, solange Frontex nicht kommt.
Vor Ort zählt das nicht. Vor Ort zählt, dass am vergangenen Mittwoch rechtsextreme Demonstranten selbst errichtete Hütten am Strand niederbrannten. Dass sie Hab und Gut der Migranten ins Meer warfen. Dass sie die Essensausgabe des Roten Kreuzes blockierten. Dass die Umweltschutzorganisation DAUBMA vor „Personen in Militärkleidung und mit Sturmhauben" warnt, die nachts durch Viertel patrouillieren und spanische Muslime angreifen. Das sind keine Gerüchte. Das sind Aussagen einer anerkannten Organisation. Sie müssen mit höchster Priorität untersucht werden.
Und es zählt, dass rechte Busse aus dem übrigen Spanien nach Ceuta rollen. Dass die Rufe „Das ist keine Immigration, das ist eine Invasion" auf den Straßen zu hören sind. Dass Sánchez am Mittwoch im Parlament Rede und Antwort stehen wird – und dass die nächste große Mobilisierung für genau diesen Tag angesetzt ist.
Das ist die Struktur, die ich sehe: Eine Regierung, die unter Druck eine Erklärung liefern muss, die sie nicht belegen kann. Eine Rechte, die jede Schwäche nutzt. Eine internationale Konstellation, in der Akteure mit offenem Hass auf Sánchez ein Interesse an Instabilität haben. Eine lokale Bevölkerung, deren Geduld am Ende ist. Und 5.000 Menschen, die zwischen alldem auf dem Boden schlafen.
Wer profitiert? Innen: die Opposition Spaniens. Außen: jeder, der Sánchez destabilisieren will. Vor Ort: rechte Straßennetzwerke, die mit der Krise um die Deutungshoheit kämpfen.
Wer zahlt? Die 5.000. Die Frauen, die Pfefferspray kaufen. Die Soldaten, die mit Steinen beworfen werden. Die Bewohner von Ceuta, deren Stadt zur Bühne wird.
Ich packe meinen Koffer nicht aus. Noch nicht.
Aber ich sehe, wer sich schon eingepackt hat.
❖ Ende des Artikels ❖
