Magdeburgs drei Ängste und das Kreuz daneben
Der Regen hängt über der Elbe wie eine schlecht gespannte Plane. Im Café unten singt Evelyn etwas von einer Liebe, die man nicht mehr kaufen kann. Oben, in der Redaktion, dampft der Bourbon. Die Maschine wartet. Sie wartet immer.
Drei Ängste, eine Wahl. Sachsen-Anhalt am Vorabend.
Da ist die Mikrokrise: das Haushaltsgeld, das nicht mehr reicht, die Preise, die klettern. Da ist die Makrokrise: der Krieg im Osten, den der AfD-Spitzenkandidat Siegmund vor laufender Kamera grundsätzlich infrage stellt – während die Polizei in Sachsen-Anhalt Spezialeinheiten und Drohnenabwehr in Stellung bringt. Und da ist die Krise dazwischen, die niemand so nennt: die Kohäsion, der Riss, der durch Magdeburg, Halle, Dessau-Roßlau und Halberstadt geht.
Schauen wir genau hin.
Die großen Umfragen, die ntv jüngst veröffentlicht hat, sind aufschlussreich – gerade dort, wo sie überraschen. In Thüringen steht der Krieg ganz oben. In Sachsen-Anhalt rangiert er nur an vierter Stelle. Ganz oben: Kriminalität. Dann: die Politik der Bundesregierung. Dann: Preissteigerungen. Dann erst: Zuwanderung.
Das ist die Hierarchie der Angst, die im Hintergrund des öffentlichen Diskurses selten so klar benannt wird. Wer das nicht zur Kenntnis nimmt, redet an der Wahlkabine vorbei.
Aber halt. Die Frage, die jeder Ermittler zuerst stellt: Wer profitiert?
Sie liegt vorn in den Umfragen, die AfD. Ihr Mann, Siegmund, sitzt am 26. August dem Amtsinhaber Sven Schulze im MDR gegenüber, in „Fakt ist!", und bedient – siehe WELT-TV – eine Position, die auf Platz vier der Sorgen steht. Er muss nicht die Mehrheit der Sorgen haben. Er muss die lautesten besetzen. Das ist die alte Mechanik der Aufmerksamkeit: Wer das Mikrofon hält, bestimmt die Hierarchie, nicht die Wirklichkeit.
Unbeantwortet bleibt, wessen Mikrofon das eigentlich ist. Wer bezahlt die Kameras, wer schiebt welche Sorge an die erste Stelle? Unklar. Die Recherche läuft.
Wer verschweigt was?
Die Polizei, so berichtet es die Welt nach internen Papieren, hält sich ein „Kapitol-Szenario" offen. Erstürmung des Landtags. Besetzung von Parteizentralen. 26 Veranstaltungen angemeldet, Zehntausende Teilnehmer. AfD und DGB Seite an Seite, dazwischen die Straßen, die niemand kontrollieren kann.
1090 beschädigte oder gestohlene Wahlplakate bis Ende August. Im Superwahljahr 2021 waren es 746. Die wahlkampfbezogenen Straftaten – Beleidigungen, Bedrohungen, Körperverletzungen – summieren sich seit April auf 120. Die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert bereits präventive Freiheitsentziehungen. Das LKA aktualisiert seine Lagebewertung täglich.
Wer profitiert von dieser Stimmung? Gewiss die AfD – oder profitiert der, der das Szenario so laut beschreibt, dass es selbst zur Erwartung wird? Eine Erstürmung des Parlaments nützt niemandem außer denen, die hinterher die Trümmer sortieren. Und die Polizeigewerkschaft, die heute präventive Eingriffe fordert, sortiert sich selbst gleich mit in die künftige Befugniskarte. Auch das ist eine Mechanik.
Unbeantwortet bleibt, wer den anonymen Aufruf zur Erstürmung tatsächlich streut. Linksextreme Taktik? Fälschung? Provokation, um den Wahlgang durch die Drohung mit dem Chaos zu beeinflussen? Das Papier schweigt hier. Wir auch – vorerst.
Die Rolle der Kirche.
Bischof Wilmer hat einen Appell an die Wähler gerichtet, hat an Nächstenliebe und Menschenwürde erinnert. Ehrenwert. Und ein bisschen spät. Denn die Wähler – und hier wird die FAZ-Replik wichtig – sind kein Block, kein homogener Haufen Ostdeutscher. Sie sind, wie die FAZ schreibt, ein Haufen. Junge weibliche Akademikerinnen aus dem Osten, Bauarbeiter, Kellnerinnen, Briefträger. In der Kabine sind sie Arbeitnehmer, Konsument, Elternteil, Bahnfahrer, Steuerzahler, Kranker, Landbewohner – alles gleichzeitig. Keine Partei bedient all diese Rollen.
Was die Kirche aber kann, ist den Blick verschieben. Wer von Würde redet, wenn die Sorge Nummer eins Kriminalität heißt, redet an der Mehrheit vorbei. Die Mikrokrise der Preise – verifiziert mit unseren Fact-Checkern bei correctiv, redaktionell gegen die offiziellen Preisindizes gehalten – steht real auf Platz drei. Wer sie zur Nummer eins erzählt, erfindet eine Geschichte, die mit der Lebenswirklichkeit am Treser, an der Werkbank, hinterm Ladentisch nur halb deckungsgleich ist.
Und die Makrokrise? Sie ist real. Der Krieg ist eine geopolitische Bedrohung ersten Ranges. Aber die Wähler in Sachsen-Anhalt sortieren ihn – nachvollziehbar – weiter nach hinten. Ihre Sortierung ist nicht falsch. Sie ist nur nicht die Berliner Sortierung. Und die Berliner Sortierung wiederum ist die Sortierung derer, die seit Friedrich Merz' Wortbruch bei der Schuldenbremse niemandem mehr glauben, dass die Stimmabgabe ein ehrliches Tauschgeschäft sei.
Was bleibt am Ende dieser Recherche? Ein Wahlsonntag, der nach allem, was die Sicherheitsbehörden vermuten, kein gewöhnlicher wird. Ein Bischof, der Würde einfordert. Ein Ministerpräsident, der seinen Stuhl verteidigt. Ein Oppositionsführer, der die Ukraine-Hilfe infrage stellt und damit eine Sorge bedient, die auf Platz vier steht. Eine Polizei, die auf Erstürmung vorbereitet ist. Und ein Kreuz daneben – jenes Kreuz, das niemand in der Kabine sehen wird, das aber jeder macht, im Stillen, allein, in einer kleinen Kabine in Magdeburg oder Halberstadt.
Evelyn unten singt jetzt leiser. Der Regen lässt nicht nach.
Die Maschine wartet. Die Stadt auch.
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