DeepMinds NHS-Deal: 1,6 Millionen Akten ohne Einwilligung
London, 1937. Nein — 2015. Aber die Methoden gleichen sich: heimlicher Zugriff, Verschleierung, nachträgliche Rechtmäßigkeit. Google DeepMind und das Royal Free London NHS Foundation Trust unterzeichnen einen Vertrag, der dem Londoner KI-Labor pseudonymisierte Patientendaten von 1,6 Millionen Menschen öffnet. Zweck: eine App namens Streams. Angeblich Nierenversagen früh erkennen.
Wer profitiert? DeepMind baut Algorithmen. Das Krankenhaus bekommt eine Software. Der Patient bekommt: nichts. Keine Information, keine Einwilligung, kein Opt-out. Die Daten wandern ohne Wissen der Betroffenen in ein System, das einem der mächtigsten Konzerne der Welt gehört — Alphabet, der Datenstaubsauger unserer Zeit.
Das britische Information Commissioner's Office stellt 2017 fest: Mängel im Datenschutz. Der Deal verstieß gegen das Data Protection Act. Commissioner Elizabeth Denham spricht von einer Reihe von Versäumnissen — Patienten hätten nicht erwarten können, dass ihre Daten so verwendet werden. Später prüft Linklaters die Vereinbarung — und erklärt die Nutzung für rechtmäßig und konform. Zwei Gutachter, zwei Urteile. Das riecht nach nachträglicher Konstruktion.
DeepMind versucht derweil, den Blick klein zu halten. Man schickt Akademiker ins Radio, man versucht wissenschaftliche Anfragen zu untergraben, man veröffentlicht Dokumente erst, als Journalisten sie längst besitzen. Die ethischen Genehmigungen, die DeepMind dem Research Ethics Committee vorlegte, erwiesen sich im Nachhinein als unvollständig — was dem Komitee erzählt wurde, hielt der Überprüfung nicht stand.
1,6 Millionen Patientenakten für eine App zur Früherkennung von Nierenschäden? Das ist keine Verhältnismäßigkeit. Das ist Überwachungskapitalismus im weißen Kittel. Vertrauen, einmal gebrochen, ist schwer zurückzukaufen.
Andrew Prismall, einst Patient im Royal Free, klagt jetzt vor dem High Court — im Namen von 1,6 Millionen. Sein Satz wiegt schwer: Die letzte Erwartung, die man als Patient habe, sei, dass die eigenen Krankenakten bei einem der größten Technologiekonzerne der Welt landen.
Offen bleibt, wer im NHS-Vorstand wann was wusste. Unklar bleibt, welche Rolle Alphabet spielte, als DeepMind die Daten weiterhin verarbeitete. Die Akte liegt auf dem Tisch. Die Ermittlung läuft.
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