Wenn der Wahnsinn nicht zählt: Todesurteile im Schatten der Diagnose
Drahtbericht. Die Frequenz ist hoch. Ich höre, was andere nicht hören wollen.
Im Mai 2001 sitzt eine Mutter in Dallas am Telefon. Sie hört, wie ihre Töchter sterben. John Battaglia hat den Lautsprecher eingeschaltet, damit Mary Jean Pearle jedes Detail miterlebt — die eine Tochter ist neun, die andere sechs. Forensische Psychologen werden später aussagen, der Mann habe unter einer Psychose gelitten, ausgelöst von einer bipolaren Störung. Sieben Männer, fünf Frauen sitzen in der Jury. Sie beraten neunzehn Minuten. Dann fällt das Urteil: Tod. Im Februar 2018 wird die Spritze gesetzt.
Hier beginnt die Naht, über die ich schreiben muss. Was nennt man Wahnsinn, wenn das Urteil trotzdem fällt? Die Quellen, die mir vorliegen, sind sich nicht einig. Da heißt es, Battaglia habe eine Psychose gehabt — und im selben Atemzug, er habe gewusst, dass das Töten falsch sei, und sei deshalb verurteilt worden. Wer legt fest, dass ein Mensch wusste, was er tat? Wer misst das — mit welchem Instrument? Wenn die Geschworenen neunzehn Minuten brauchen, um über den Tod eines Mannes zu entscheiden, den zwei Gutachter als psychotisch beschrieben haben, was wird da eigentlich verhandelt?
In Vancouver stirbt Paul Schmidt vor einem Starbucks, seine dreijährige Tochter im Wagen. Inderdeep Singh Gosal sticht sechs Mal in achtundzwanzig Sekunden. Ich notiere sorgfältig, was die Kabel mir liefern: In einer Meldung heißt es, der Mann sei vierunddreißig Jahre alt; in einer anderen, er sei dreiundzwanzig. Wie kann derselbe Fall zwei verschiedene Biografien tragen? Gosal sagt, die Klinge sei ein Zeichen Gottes gewesen, gefunden in einer Gasse. Später stellt sich heraus, dass er sie gekauft hat. Er raucht einen Joint, als der Vater ihn zur Rede stellt. Die Richterin nennt seine Aussagen all over the map. Sie spricht ihn nicht des Mordes, sondern des Totschlags schuldig — weil sie nicht sicher feststellen kann, dass er töten wollte.
Zwei Fälle. Zwei Diagnosen. Zwei Urteile. Das System sortiert. Es entscheidet, wem die Psychose zugestanden wird und wem nicht.
Lindsay Clancy sitzt in Massachusetts. Sie hat im Januar 2023 ihre drei kleinen Kinder getötet. Sie sagt: postpartale Psychose, ausgelöst durch Übermedikation. Sie stürzt sich aus dem Fenster, schneidet sich die Handgelenke auf. Der Prozess wird zum Spektakel. Geschworene haben inzwischen das Haus besucht, in dem die Kinder starben. Was sie dort gesehen haben, was es mit ihrem Urteilsvermögen gemacht hat — darüber wird berichtet, aber nichts erklärt.
In Middlesbrough verbrennt eine vierunddreißigjährige Frau mit ihrer siebenjährigen Nichte in einem Haus. Ein Mann erscheint vor Gericht. Mordanklage. Was in den Meldungen fehlt: jede Spur eines psychologischen Gutachtens, jede Spur einer Verteidigung, die je auf Wahnsinn plädiert hätte. Die Maschine hat noch nicht entschieden, ob sie hier den Wahnsinn bemühen will.
In Florida wird einer Mutter — Courtney Clenney, einer OnlyFans-Künstlerin — vorgeworfen, ihren Freund erstochen zu haben. Ihr Fall soll, wie es heißt, durch ein plea agreement gelöst werden. Das Geständnis als Verhandlungsmasse. Die Diagnose als Währung. Wer nicht verhandelt, wird hingerichtet. Wer verhandelt, kommt vielleicht mit dem Leben davon.
So sortiert das System. Wer die Diagnose führt, entscheidet über das Urteil. Nicht der Arzt mit dem Skalpell — die Staatsanwaltschaft mit dem Gutachten in der Hand.
Wir müssen jede Behauptung über den Geisteszustand dieser Menschen durch den Fact-Checker Snopes jagen, sonst sinkt das Niveau dieses Blattes unter die Kellerlinie. Aber das ist nicht das Hauptproblem. Das Hauptproblem ist die Definition selbst. Solange Wahnsinn ein Wort bleibt, das das System nach Belieben einsetzt und wieder zurückzieht, solange werden Väter und Mütter hingerichtet, weil sie angeblich wussten, was sie taten — und andere entkommen dem Tod, weil das Gericht sich nicht sicher ist.
Die offene Frage, die niemand beantwortet: Wer kontrolliert diese Linie? Wer zieht sie? In wessen Händen liegt das Maß, mit dem hier gemessen wird?
Ich bin Telegraphistin. Ich übersetze, was die Drähte tragen. Heute tragen sie vor allem das Schweigen über die Diagnose.
Das ist die eigentliche Geschichte.
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