BALLADUR 97: DER KRISENMANAGER, DEM KEINER DIE MACHT GAB
Édouard Balladur ist tot. Sagt die Familie. Sagt die AFP. Sagt der Élysée-Palast, der mit gesenkter Stimme spricht, als müsste Frankreich noch um jemanden trauern, der mehr war als ein Schatten auf der Wand der Fünften Republik.
97 Jahre. Paris. Montag. Trauermesse im engsten Familienkreis. Keine weiteren Einzelheiten.
Einzelheiten. An diesem Wort hängt dieser Tod. Denn wer stirbt mit 97 in Paris und gibt keine preis? Wer lässt die Trauerfeier im engsten Kreis stattfinden, wenn die Republik ein Interesse daran haben sollte, sich von einem ihrer letzten Premierminister zu verabschieden — ordentlich, öffentlich, mit Salut und Marseillaise?
Die Antwort liegt, wie so oft in dieser Geschichte, im Schweigen über Pakistan.
Balladur war Premierminister von März 1993 bis Mai 1995 — der letzte unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand. Eine Konstellation, die nach Krise schmeckt. Nach Kohabitation. Nach dem typischen Misstrauen zwischen Matignon und Élysée, das Frankreich in diesen Jahren lähmte. Ein Konservativer im Amt eines Präsidenten, der ihn nicht wollte. Ein Mann ohne eigene Machtbasis, der die Geschäfte führte, während im Hintergrund Strippen gezogen wurden — von wem, das ist die Frage, die bis heute niemand stellt.
Die offizielle Lesart sagt: Balladur war ein Krisenmanager. Ein Staatsmann mit "progressivem Geist", wie Premier Sébastien Lecornu am Tag seines Todes auf X schrieb. Ein Mann mit "edler Vorstellung von Frankreich", so Bruno Retailleau, der Vorsitzende der konservativen Les Républicains. Emmanuel Macron nannte ihn einen "anspruchsvollen, besonnenen und engagierten Diener seines Landes".
Die Worte klingen wie aus einem Drehbuch. Sie kommen von Männern, die heute Macht halten und von einem Toten reden, der ihnen nichts mehr streitig macht. Wer profitiert von dieser Würdigung? Wer hat ein Interesse daran, den Mythos vom seriösen, väterlichen Konservativen am Leben zu halten, während die Fünfte Republik ächzt?
Balladur war kein Krisenmanager. Er war ein Platzhalter. Der Mann, den die Rechte 1993 aufstellte, weil Jacques Chirac sich noch nicht traute. Balladur tat, was man ihm sagte. Er privatisierte staatliche Unternehmen — sein Kerngeschäft, sein Vermächtnis, die Botschaft an die Märkte: Frankreich verkauft sich. Wer kaufte, ist eine andere Geschichte.
Dann kam 1995. Die Präsidentschaftswahl. Balladur zog gegen seinen eigenen Parteichef Chirac. Lange sah es nach seinem Sieg aus. Dann der Einbruch. Dritter im ersten Wahlgang. Chirac in der Stichwahl gegen den Sozialisten Lionel Jospin. Chirac gewinnt. Die Konservativen sind gespalten. Balladurs Karriere ist zu Ende — so die offizielle Version.
Die inoffizielle beginnt dort, wo die Republik lieber nicht hinschaut: in den Büros der französischen Rüstungslobby, in den Konten einer Wahlkampagne, die 1995 zu viel Geld hatte für einen Kandidaten, der angeblich chancenlos war.
Balladur wurde verdächtigt, seinen Präsidentschaftswahlkampf mit Schmiergeldern aus Rüstungsverträgen mit Pakistan heimlich finanziert zu haben. 2021 sprach ihn der Gerichtshof der Republik frei. Freispruch in Paris. Das heißt wenig. Es heißt vor allem: Die Akte wurde geschlossen, ohne dass irgendjemand die Fragen beantwortete, die ein französischer Bürger stellen durfte.
Was wusste Balladur? Wer wusste es noch? Was zahlte Pakistan, und wofür? Die Antworten liegen irgendwo zwischen den Seiten derer, die heute Trauer tragen. Im engsten Familienkreis.
Die Privatisierung. Das ist die andere Akte. Balladur verkaufte, was die Republik seit dem Krieg aufgebaut hatte. Er tat es im Namen der Modernisierung, im Namen Europas, im Namen einer "edlen Vorstellung von Frankreich". Wer diese Vorstellung teilte, stand auf der anderen Seite des Tresens — bei den Banken, bei den Versicherern, bei den Fonds, die heute Frankreichs Politik mitfinanzieren.
Das ist Balladurs Vermächtnis: Ein Land, das sich selbst verkauft hat. Ein Premier, der seinen Namen dafür hergab. Eine Klasse von Politikern, die sich heute hinstellt und sagt: Er war ein Vorbild.
Ein Vorbild wofür? Für das Schweigen? Für die Kohabitation mit der eigenen Vergangenheit? Für die Kunst, eine Niederlage in einen Mythos zu verwandeln?
Macron, Lecornu, Retailleau reden. Sie reden, weil ein 97-Jähriger starb, der dreißig Jahre lang eine offene Frage war. Sie reden, weil sein Tod die Frage nicht beantwortet, sondern begräbt. Im engsten Familienkreis.
Das Licht im Café unten flackert. Evelyn singt irgendwo im Hintergrund. Der Bourbon ist leer. Irgendwo in Paris steht ein Sarg, und niemand fragt nach Pakistan.
Das ist die Republik, die wir uns verdient haben.
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